Abendblatt-Interview

Vitali Klitschko: "Meine Aufgabe ist es, der Beste zu sein"

Vitali Klitschko spricht im Interview über seinen nächsten Kampf gegen Manuel Charr am 8. September und seine politischen Ambitionen.

Going. Sportlich war gestern kein guter Tag für Vitali Klitschko. Der WBC-Weltmeister im Schwergewicht, der sich derzeit im Promihotel Stanglwirt in Tirol auf seine Titelverteidigung am 8. September in Moskau gegen den Kölner Manuel Charr vorbereitet, verlor erst die obligatorische Tischtennispartie gegen seinen Trainer Fritz Sdunek. Anschließend unterlag er seinem Freund, dem ehemaligen Schachweltmeister Wladimir Kramnik, der ihn in Österreich besucht, in einer Blitzschachpartie. Trotzdem stellte sich der 41 Jahre alte Ukrainer gut gelaunt den Fragen der Reporter.

Hamburger Abendblatt: Herr Klitschko, Manuel Charr bezeichnet Sie als sein Vorbild. Ist es schön, von einem Gegner mal Wertschätzung zu bekommen anstatt hässlicher Kampfansagen?

Vitali Klitschko: Für mich spielt das keine Rolle. Im Ring ist er jemand, der mir etwas wegnehmen will. Er hat ein großes Kämpferherz, war noch nie am Boden. Er liebt sich selbst sehr, ist ein großer Selbstdarsteller und will sich präsentieren. Er ist körperlich vielleicht stärker als ich, aber ich habe mehr Erfahrung, bin schneller und technisch besser. Meine Aufgabe ist es, der Beste zu sein. Deshalb werde ich mit ihm spielen, seine Fehler aufzeigen und sie bestrafen. Es wird eine Schlacht.

Viele befürchten, dass es Ihre letzte Schlacht wird. Sie haben mal gesagt, dass Leistungssport und ein politisches Amt sich nicht vereinbaren lassen. Am 28. Oktober treten Sie mit Ihrer Partei UDAR bei der ukrainischen Parlamentswahl an. Hören Sie mit dem Boxen auf, wenn Sie gewählt werden?

Klitschko: Ich mag das Wort "wenn" nicht. Niemand weiß, was passieren wird. Ich sage immer, dass jeder Kampf der letzte sein kann, und ich bereite mich immer so vor, als ob es mein letzter Kampf wäre. Aber ich schließe nicht aus, dass ich meine Karriere auch fortsetzen werde, wenn wir den Einzug ins Parlament schaffen.

Wie groß schätzen Sie denn die Chancen ein, dass Sie es schaffen, und wären Sie bei einer erfolgreichen Wahl automatisch Parlamentarier?

Klitschko: 68 Parteien wollten zur Wahl antreten, 22 sind zugelassen worden. Die aktuellsten Umfragen sehen die UDAR als drittstärkste Kraft, wir liegen bei zwölf bis 15 Prozent. Damit hätten wir die Fünf-Prozent-Hürde locker überwunden. Ich als Parteivorsitzender wäre dann Parlamentarier. Aber wie gesagt, ich möchte Schritt für Schritt vorgehen. Zunächst zählt erst einmal der Kampf gegen Charr, alles weitere werde ich danach entscheiden.

Sie wollten auch erneut zur Wahl des Kiewer Bürgermeisters antreten. Wie ist da der Stand der Dinge?

Klitschko: Diese Wahl sollte schon 2011 stattfinden, nun ist sie wieder verschoben worden. Niemand weiß, wann es soweit ist. Das ist ja das Problem in der Ukraine: Die Regierung manipuliert die Gesetze, wie sie will. Es gibt keine Sicherheit, das Land bewegt sich auf eine Diktatur zu. Dagegen kämpfen meine Parteifreunde und ich. Wir wollen, dass die demokratische Opposition gewinnt und das Land nach Europa führt.

Wie geht es der inhaftierten ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, mit deren Partei die UDAR gern koalieren würde?

Klitschko: Ich weiß nur, dass sie psychisch sehr angegriffen ist und unter starken Rückenschmerzen leidet. Ich habe zigmal um ein persönliches Treffen gebeten, aber nur ihr Arzt und ihr Rechtsanwalt dürfen sie sehen.

Haben Sie manchmal Angst, dass auch Sie einfach verhaftet werden könnten?

Klitschko: Ich habe große Sorgen, aber das gibt mir umso mehr Kraft, für Veränderungen zu kämpfen. Ohne Kampf gibt es keinen Sieg, das weiß niemand besser als ich.

Können Sie, knapp zwei Monate danach, sagen, welchen Effekt die Fußball-EM auf Ihre Heimat hatte?

Klitschko: In erster Linie konnten wir in Europa eine Visitenkarte abgeben, und ich habe von vielen Gästen sehr positive Meinungen über unser Land gehört. Andererseits gibt es auch einige negative Dinge, die aufgearbeitet werden müssen. Zum Beispiel die Frage, warum die Stadien bei uns doppelt so teuer waren wie in Polen. Korruption lähmt die Ukraine, wir müssen alles tun, um sie zu bekämpfen.

Nun kämpfen Sie gegen Charr in Moskau, einem Land, dessen Demokratieverständnis derzeit im Westen ebenfalls hart kritisiert wird. Werden Sie diese Bühne auch politisch nutzen?

Klitschko: Es haben viele vermutet, dass unsere Entscheidung, in Moskau zu boxen, politisch motiviert war und etwas mit Wahlkampf zu tun hatte. Das ist Unsinn. Die Arena dort wollte unbedingt einen Klitschko-Kampf, und ich habe noch nie als Profi in Russland gekämpft. Deshalb freue ich mich sehr darauf. Was die russische Politik angeht, muss man sagen, dass sie ziemlich weit von demokratischen Kriterien entfernt ist. Nicht umsonst wollen 60 Prozent der Ukrainer deshalb auch eine nähere Bindung zu Europa.

Wie haben Sie den Prozess um die Punkband Pussy Riot verfolgt?

Klitschko: Ich war von der Härte des Urteils überrascht, hatte das nicht erwartet. Die Mädels haben sicherlich etwas überzogen, aber zwei Jahre Haft halte ich für viel zu hart.

Wie ist denn Ihre persönliche Beziehung zu Russland?

Klitschko: Ich habe mich in Russland niemals fremd gefühlt. Politisch sind die beiden Länder getrennt, aber das Volk kennt diese Grenzen nicht. Ukrainer sind in Russland gern gesehene Gäste. Mein Bruder Wladimir und ich sind in Russland sehr beliebt, wir haben eine riesige Fangemeinde. Aber natürlich gibt es, wie überall, auch viele, die mich verlieren sehen wollen. Wenn ich gegen einen Russen kämpfen würde, wäre es sicherlich eine spezielle Situation. Aber so wird die Unterstützung bestimmt sehr groß sein. Zumal unsere Mutter auch Russin ist.

Ihre Mutter ist derzeit bei Ihnen im Trainingslager zu Besuch. Sie hat noch nie einen Kampf von Ihnen gesehen. Stimmt es, dass sie noch nicht einmal im Sparring zuschauen mag?

Klitschko: Das stimmt, das einzige Mal, als sie mir beim Training zugesehen hat, war, als wir gemeinsam geschwommen sind. Sie erträgt es nicht, uns im Ring kämpfen zu sehen.

Dass sie trotzdem im Camp zu Besuch ist, gibt Ihnen die Gelegenheit, sich nach dem Tod Ihres Vaters im vergangenen Jahr mehr um sie zu kümmern?

Klitschko: Richtig. Wladimir und ich versuchen mehr Zeit für unsere Mutter zu investieren. Es ist schön, dass es auf diese Weise möglich ist.

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