Leichtathletik

Nach dem Höhenflug der große Fall

2008 war Kimberly Jeß Junioren-Weltmeisterin im Hochsprung. Ihr Ziel: die Olympischen Spiele in London. Eine Geschichte vom Scheitern.

Essen. Für Sportler ist der Essener Norden nicht die schlechteste Adresse. Helmut Rahn, 1954 legendärer Torschütze im WM-Finale von Bern, hat viele Jahre beim Traditionsverein Rot-Weiß im Stadion an der Hafenstraße gespielt. Um die Ecke, in Altenessen, ist "der Boss" aufgewachsen. Ästhetisch ist dieser Teil des Ruhrgebiets allerdings eine Zumutung. Die Straßen heißen nicht nur Zink- oder Schlackenstraße. Sie sehen auch so aus. Zwischen viel Gewerbegebiet gibt es noch mehr Arbeitersiedlung. In einem dieser schmucklosen Wohnblöcke lebt jetzt Kimberly Jeß. Mit Sport hat das nichts zu tun.

An diesem Augusttag spannt sich ein sehr blauer Himmel über das immer noch sehr graue Ruhrgebiet. Draußen bringen 30 Grad den Asphalt zum Flimmern. "Hochsprungwetter", wird Kimberly Jeß später in ihrer Wohnung sagen. Die 20-Jährige trägt grüne Sportsocken, wirkt größer als 1,84 Meter und hat gerade eine Stunde Fahrschule hinter sich. Zwei Zimmer, Küche, Bad, von Montag bis Freitag Lehramtsstudium an der Uni - das ist jetzt ihr Leben.

Im Schrank steht eine wohlsortierte DVD-Sammlung. "Die gehört meinem Freund Marco", sagt sie. Der aufgeschlagene Historienroman "Das Lächeln der Fortuna" sei aber ihrer. Und es war ja auch so, dass ihr die Glücks- und Schicksalsgöttin lange zugelächelt hat. "Doch dann war meine Aufgabe im Leben weg", sagt sie. Ihre Aufgabe, das war der Sport. An der Wand hängen noch die Medaillen. Darüber steht: Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum. "Das ist mein Motto."

Der Traum von Kimberly Jeß aus Büdelsdorf bei Rendsburg in Schleswig-Holstein waren die Olympischen Spiele 2012 in London. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, hätte sie an diesem Sonnabend im Hochsprung-Finale der Frauen stehen können. Aber es gibt Sachen, gegen die man als Leichtathlet nicht antrainieren, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Im Hochsprung hatte sie immer drei Versuche. Und nach dem Fosbury-Flop kam eine weiche Matte. Doch das Leben ist selten so gnädig. Nach dem Flop kommt meistens ein Loch.

Dabei gleicht ihre Laufbahn anfangs einem Steigerungsrennen oder besser: einem Höhenflug. Sie hebt sich deutlich von den meisten der fast 900 000 deutschen Leichtathleten in mehr als 7800 Vereinen ab. 1999 beginnt sie in ihrem Wohnort Büdelsdorf mit dem Training. Nebenher geht sie zum Ballett. Ausgebildet wird sie dreimal pro Woche von ihrem Opa Erwin Jeschke. "Der war zwar nie Hochspringer, hat sich aber alles angelesen", sagt sie. Und es geht tatsächlich aufwärts. Als Zehnjährige springt sie 1,46 Meter hoch, als 14-Jährige knackt sie mit 1,83 Meter den deutschen Schülerrekord und als 16-Jährige überwindet sie in der Halle 1,91 Meter - Deutscher Jugendrekord. 2008 und 2009 ist sie in der Form ihres Lebens.

Auch ihr größter Erfolg fällt in diese Zeit, 2008 im polnischen Bydgoszcz. Es war einer dieser warmen Tage, die Hochspringer so lieben. Die damals 16-Jährige ist mit der Mannschaft aus dem Bundesleistungszentrum Kienbaum, östlich von Berlin, ins ostpolnische Städtchen gereist. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft trägt sie das Deutschland-Trikot. "Aber eigentlich erinnere ich mich nur noch an dieses Gefühl. Über der Latte zu sein. Ein bisschen wie fliegen. Unbeschreiblich", sagt sie heute. Es sei ein einziger Traum mit Tunnelblick gewesen. Mit übersprungenen 1,86 Meter wurde sie völlig überraschend Junioren-Weltmeisterin. Kimberly Jeß gilt jetzt endgültig als eines der größten Hochsprungtalente Deutschlands. Sie wird Rendsburgs Sportlerin des Jahres.

Noch immer trainiert sie, die nun fast jeden Wettkampf gewinnt, in ihrer Heimat Büdelsdorf. Dort steht sie meistens allein auf dem Platz. Schule, Hochsprung - Opa Erwin ist stets an ihrer Seite. "Ich glaube, ich habe mit keinem anderen Menschen so viel Zeit verbracht", sagt sie. "Ich war genauso oft bei meinen Großeltern wie bei meinen Eltern." Doch im Sommer 2009 will sich die Nachwuchssportlerin weiterentwickeln. Sie wechselt zum TSV Bayer 04 Leverkusen, einer der Top-Adressen in der deutschen Leichtathletik. "Ich bin hier in einer starken Trainingsgruppe und freue mich darauf", sagt sie damals. Auch Leverkusens Geschäftsführer Paul-Heinz Wellmann schwärmt: "Kimberly hat großes Talent. Wir hoffen, dass sie in die Fußstapfen der Kielerin Heike Henkel tritt, die 1992 Olympiasiegerin in Barcelona wurde." Trainiert wird sie von Hans-Jörg Thomaskamp, der unter anderem auch den Weitspringer und Olympiateilnehmer Sebastian Bayer betreut.

Von nun an heißt es für Kimberly: Morgens im Landrat-Lucas-Gymnasium lernen, nachmittags in der Fritz-Jacobi-Halle Kraft, Ausdauer, Sprint und Technik trainieren, danach Hausaufgaben und Freunde treffen. Nun fünfmal die Woche. Aber sie ist auch viel allein, Oma und Opa, die wichtigen Bezugspersonen aus Büdelsdorf, trifft sie nur noch sporadisch. Dafür wird sie vom Verletzungspech getroffen. Ihr Fuß macht Probleme. "Hochsprung ist eine technische Disziplin, die ihren Tribut fordert", sagt sie. Die Anlaufkurve, die enorme Belastung beim Absprung - ihr Körper konnte das plötzlich nicht mehr.

Einer Reizung der Bänder folgen Wassereinlagerungen und eine Reizung im Knie. Später ein Bänderriss. Trainingspause. Fernseher. Zu viele Chips. Aus dem Winter 2009/2010 kommt sie mit zehn Kilogramm mehr auf den Hüften. Ihre Leistungen stagnieren oder sacken ab. Im großen Verein sieht sie, wie andere Sportler ihr enteilen. Im Sommer 2010 wird sie noch einmal Dritte bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Doch ihr Gewichtsproblem verstärkt sich. Sie steckt jetzt in der letzten, kritischen Phase der Pubertät. Ein Ernährungsplan soll helfen, aber Bayer Leverkusen ist nicht so fürsorglich, wie es Oma und Opa waren.

"Das ist kein seltenes Phänomen bei weiblichen Athleten", sagt Wolfgang Killing, Leiter der Trainerschule des Deutschen Leichtathletik Verbandes. Der Sport- und Sozialwissenschaftler kennt Kimberly, seit sie zwölf Jahre alt ist und hat sich professionell mit dem Übergang von Juniorensportlern in den Erwachsenenbereich beschäftigt. Seine Erkenntnis: "Sehr viele Mädchen, so auch Kimberly, erreichen zwischen 13 und 16 Jahren einen sehr hohen Leistungsstand, weil das Kraft-Längen-Verhältnis des Körpers dann optimal ist." In der späteren Entwicklung des Körpers greifen die Hormone. Durch Training und Ernährung wäre bei der Büdelsdorferin diese biologische Tatsache nicht aufzuhalten gewesen, sagt er. "Da sollte sie nicht zu hart mit sich ins Gericht gehen." Gerade im Hochsprung, wo gegen die Schwerkraft gearbeitet werde, entscheide jedes Gramm. Aber zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr reiften Jugendliche nun mal zu Erwachsenen. "Männer bauen Muskeln und Kraft auf. Bei Frauen hingegen bilden sich Brust und Po aus. Es kommt zu hormonellen Fetteinlagerungen. Soziologisch und körperlich werden Männer zu Kämpfern, Frauen zu Müttern."

80 bis 90 Prozent der Spitzenathleten im Juniorenbereich, so schätzt Killing, schaffen den Übergang in die Spitze des Erwachsenensports nicht. Sie verlieren bei stagnierender Leistung Motivation und Perspektive, rutschen wie die Büdelsdorferin vom A- in den B- oder auch C-Kader. Und irgendwann ganz aus dem geförderten Sport. "Mitunter kann man der körperlichen Entwicklung nur bedingt mit Training entgegenwirken", sagt er. Am Ende bleiben - wie in diesem Jahr - 77 Leichtathleten, die bei Olympia antreten dürfen.

Kimberly Jeß verschwindet zwei Jahre nach ihrem größten Erfolg, dem Weltmeistertitel, aus den Bestenlisten des Deutschen Leichtathletikverbandes. Es sei eine Mischung aus zu wenig Selbstdisziplin, schmerzhaften Verletzungen und dem Fehlen ihrer Familie gewesen. "Ich kam einfach nicht mehr rein", sagt sie. Die Schuldfrage beantwortet sie selbstkritisch. Bis zum Frühjahr 2011 habe sie nur noch sporadisch trainiert, im April desselben Jahres gar nicht mehr. Ihr Abi macht sie noch mit einem Notenschnitt von 2,7. Insgesamt braucht sie ein halbes Jahr, um den Sport als Lebensmittelpunkt zu kompensieren. Ihr Anker, ihr Sinn - war weg. "Ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Das Aufhören ist mir unglaublich schwergefallen."

Die monatliche finanzielle Unterstützung von Bayer Leverkusen blieb nun aus, die Finanzspritze der Stiftung Deutsche Sporthilfe auch. Ihr Ausrüster Adidas musste nun keine Sportlerin mehr ausrüsten. Keine Trainingslager in Südafrika oder Wettkämpfe an anderen Orten der Welt mehr. "Dabei habe ich Wettkämpfe geliebt", sagt sie. Die Aufmerksamkeit, das Kräftemessen. "Ich habe mich ausschließlich über den Sport identifiziert. Dort hatte ich mein Selbstbewusstsein her." Immer sei sie ehrgeizig, zielstrebig, ungeduldig gewesen. Doch jetzt wusste sie nicht, wohin mit all dem Ehrgeiz. Es ist, als würde ein erfolgreicher Jung-Banker plötzlich mitbekommen, dass er nicht mit Geld umgehen kann. "Ich habe mich verloren gefühlt." Kimberly Jeß verlässt Leverkusen, Mitglied beim TSV Bayer 04 ist sie jedoch bis heute.

Den Sport musste sie trotzdem aus ihrem Leben verbannen. Auf Sparflamme als Freizeitsportler weitermachen? Undenkbar. "Ich kann mich bis heute nur schwer damit konfrontieren. Ob ich mir Olympia ansehe, weiß ich nicht", sagt sie. Dass Ariane Friedrich gestern nicht ins Finale des Damen-Hochsprungs eingezogen ist, dürfte ihr egal sein. "Das ist nicht mehr meine Welt." Denn inzwischen sitzt da eine Frau, die sich neu erfunden hat. Sich neu erfinden musste. Das Scheitern als Leistungssportlerin, die Orientierungslosigkeit danach - das alles verlangte nach einem Plan B. "Glücklicherweise erinnerte ich mich an meine Kindheit. Denn seit der 4. Klasse wusste ich, dass ich irgendwann Lehrerin werden will", sagt sie. Das war ihr Netz, ihre Hochsprung-Matte des Lebens.

Sie zieht mit ihrem Freund, den sie noch in Leverkusen kennengelernt hatte, nach Essen. Eine Zufallsentscheidung. "Die Uni Duisburg-Essen war die einzige, an der ich meine Lehramtsfächer gut kombinieren konnte." Mathe und Geschichte - kein Sport. Vom kommenden Semester an werden es Mathe und Physik sein. Sie sei eher der naturwissenschaftliche Typ. "Ich bin jetzt ein Normalo", sagt sie. Anfangs habe sie das als kleinen Abstieg empfunden. Doch mittlerweile gibt es neue Ziele. Den Führerschein zum Beispiel. Oder den Abschluss des Studiums. Auch ihre zwei Katzen Luna und Sam sind eine Aufgabe. Ebenso ihre Beziehung zu ihrem Freund Marco. Kimberly Jeß hat ihr altes Leben verloren und beginnt noch einmal von vorn.

Kontakt zu ihren Athletenbekanntschaften hat sie kaum noch. Dafür war sie zu sehr Individualsportlerin, hängt der Leistungsgedanke in Vereinen wie Bayer Leverkusen zu hoch. "Ich habe immer auch polarisiert", sagt sie. Viel mehr pflegt sie nun die Beziehung mit wahren Freundinnen in Aachen und Irland. Zurück nach Büdelsdorf wollte sie nicht. "Meine Großeltern hadern noch immer ein wenig mit meinem Werdegang. Aber wer weiß, ob es bei der LG Rendsburg/Büdelsdorf anders gelaufen wäre", sagt sie.

Und wer weiß, sagt sie am Ende, "vielleicht fange ich irgendwann noch einmal mit dem Sport an". Eine gute Siebenkämpferin war die Hochsprungspezialistin eigentlich immer. Werfen und Springen kann sie, nur der Sprint sei nicht ihre Disziplin.

Ihr Leitsatz "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum" mag etwas abgedroschen klingen. Aber für Kimberly Jeß hat er eine Bedeutung. "Deshalb steht er ja an meiner Wohnzimmerwand", sagt sie. Es sind jetzt nur andere Träume, die sie lebt.

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