Abendblatt-Interview

Borowka: "Sich zu outen ist nicht machbar"

Lesedauer: 14 Minuten

Foto: WITTERS / WITTERS/Witters Sport Presse Fotos

Ehe er dem Alkohol verfiel, war Ulrich Borowka ein Fußballer mit Leidenschaft. Im Abendblatt spricht er über sein Leben und das Nordderby.

Abendblatt: Herr Borowka, schauen Sie sich das Spiel zwischen Bremen und dem HSV an, vielleicht sogar live?

Ulrich Borowka: Eigentlich ist der Bezug zu Werder heute gleich Null. Wenn ich mir einmal ein Bundesligaspiel anschauen will, bekomme ich überall eine Karte, ob von Wolfsburg oder den Bayern. Nur von Bremen nicht. Die heile Familie Werder, wie die mit ihren ehemaligen Spielern umgeht... Da wird überhaupt nichts getan.

Sie haben 1996 Ihre Karriere beendet. Wie intensiv verfolgen Sie die Spiele der Bundesliga überhaupt noch?

Borowka: Ich schaue mir die Zusammenfassung der Sportschau an. Alles andere... Die Interviews nach Spielen mit den Wischiwaschi-Aussagen muss ich mir nicht anschauen. Du weißt doch schon vorher, was die sagen. Das sind keine Typen mehr.

Sie hatten den Spitznamen „Die Axt“. Gibt es heute keine Äxte mehr?

Borowka: Ich wüsste nicht, wer noch ansatzweise so Fußball spielt. Was mir fehlt, ist die letzte Konsequenz, gerade in Situationen, in denen es nicht läuft und du merkst: Es muss was passieren, wir müssen die Zuschauer wecken, zur Not mit gezielten Aktionen. Zum Beispiel, sich mit dem Schiedsrichter anzulegen.

Werder ging es vergangene Saison schlecht, jetzt traf es den HSV.

Borowka: Werder hatte großes Glück, nicht abzusteigen. Da gab es keinen Spieler, der das Heft in die Hand genommen hat. Mertesacker war für mich ein Mitläufer. Überhaupt: Im Vergleich zu einigen Nationalverteidigern war ich mit einer richtig guten Technik ausgestattet. Ich konnte ein Spiel eröffnen mit links oder rechts, einen Gegenangriff einleiten. Heute ist das ja gar nichts.

Werder hat damals an Thomas Schaaf festgehalten, heute steht Michael Oenning in der Kritik. Soll der HSV wie Werder verfahren?

Borowka: Das Festhalten an Schaaf fand ich klasse, er hat alles in den Griff bekommen. Ich bin fest überzeugt: Bei einem Trainerwechsel wäre genau das Gegenteil herausgekommen. Schaaf kennt die Strukturen, die Abläufe. Bei Hamburg muss ich sagen: Du brauchst natürlich auch einen starken Trainer, der so eine Mannschaft führt. Das ist der Oenning nicht. Für mich ist er ein super Co-Trainer. Aber kein Chef.

Gibt es für Sie persönliche Bezugspunkte zum HSV?

Borowka: Ich erinnere mich an zwei besondere Erlebnisse. Ich war 1989 dabei, als sich Ditmar Jakobs im Tor verfing, Das war schlimm. Eher kurios war es 1987. Vor meinem Wechsel nach Bremen habe ich auch mit dem HSV verhandelt und wurde extra nach Hamburg zu einem Gespräch gebeten. Zwei Tage war ich dort und sprach mit Felix Magath (damals Manager, d. Red.). Rausgekommen ist, dass mir die Hamburger weniger Gehalt angeboten haben, als ich in Gladbach zu der Zeit verdiente. Das hätte ich nie für möglich gehalten, dass dies passieren könnte, weil ich damals bei der Borussia wirklich wenig verdient habe. Das Größte war dann, dass ich das Hotel dann noch selbst bezahlen durfte.

Rückblickend müssen Sie dem HSV aber dankbar sein.

Borowka: Dass ich in Bremen gelandet bin? Stimmt. Ich hatte bombige neun Jahre. Sogar Publikumsliebling zu sein war außergewöhnlich. Vor mir war das Rudi Völler. Diesen Status habe ich mir auf dem Platz bei den Fans erarbeitet. Meine, sagen wir mal, eigene Art, Fußball zu spielen, wurde in Bremen honoriert. Da bin ich heute noch stolz drauf. Die Leute haben erkannt, dass ich immer alles versucht habe, mit vollem Einsatz. Ich habe mich nie hängen lassen. Die Zeit möchte ich nicht missen, das gehört zu mir. Mit allen Höhen und Tiefen.

Die Tiefen sind bekannt. Wegen ihrer Alkoholkrankheit mussten Sie sich sogar stationär behandeln lassen. Auf ihrer Homepage feiern Sie ganz offensiv ihr elfjähriges Jubiläum als trockener Alkoholiker.

Borowka: Das gehört auch von A bis Z zu meinem Leben dazu, das ist die Wahrheit. Ich habe genug Mist in meinem Leben gebaut und dafür auch ordentlich auf die Fresse bekommen, aber ich kann es ja nicht verschweigen und mich damit selbst anlügen. Dass ich sehr offensiv mit meiner Alkoholkrankheit umgehe, gibt mir auch eine gewisse Kraft. Ich möchte nichts verschweigen und auch keine Lügen verbreiten. Ich bin mit mir im Reinen, das ist ganz wichtig für mich. Andere Menschen haben viel größere Probleme damit, sich vernünftig mit mir zu unterhalten, wenn sie mir heute gegenübertreten.

Was glauben Sie, woran das liegt?

Borowka: Vielleicht, weil meine Art geradeaus ist. Charakter zu zeigen ist ganz wichtig für mich. Da bist schnell abgestempelt als trockener Alkoholiker. Ich durfte in den vergangenen elf Jahren erfahren, dass ich durch meine Krankheit in Deutschland ein Mensch zweiter Klasse bin. Sie ist zwar offiziell anerkannt, dennoch bin ich ein Mensch zweiter Klasse. Nach meiner Therapie – ich hatte ja einen Trainerschein – habe ich mich in der Zweiten und Dritten Liga als Trainer beworben– und habe überall dankend eine Absage bekommen, dass man einen trockenen Alkoholiker nicht verpflichten könne.

Die Klubs haben explizit Bezug darauf genommen?

Borowka: So ist es. Andere Gründe hatten sie ja nicht. Bei einigen Vereinen wurde im Präsidium abgestimmt. Da hatten einige Herren Angst.

Das bestätigt diejenigen, die behaupten: Sobald du im Fußball eine Schwäche zugibst, bist du raus.

Borowka: Darüber reden wir doch, siehe Robert Enke. Sich zu outen, ist nicht machbar. Fußball ist ein Hochleistungssport, der Deutschen liebstes Kind. Wenn du eine Schwäche zeigst, bekommst du von oben herab noch mal einen Knüppel drauf. Neid und Missgunst sind heute in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Wenn einer mit eigenem Willen und Ehrgeiz etwas geleistet hat, egal in welcher Sparte, wird das nicht honoriert.

Woran denken Sie?

Borowka: Tony Adams, ein englischer Nationalspieler, ist viermal besoffen in Nachbars Garten gefahren. Der Richter hat ihm gesagt: Du gehst jetzt drei Monate in den Knast oder du machst eine Therapie. Adams entschied sich für die Therapie und kam zurück. Die Menschen in England honorierten, dass er etwas gegen seine Alkoholkrankheit getan hat. Aber hier in Deutschland, als trockener Alkoholiker? Ich kämpfe ja mit Windmühlen! Obwohl ich offensiv damit umgehe und etwas dagegen tue. Ja, wo leben wir denn eigentlich? Wenn du dir einmal was zuschulden kommen lassen hast, hast du den Stempel auf der Stirn. Vielleicht lasse ich mir das noch mal eintätowieren, dass ich mal einen Fehler oder zwei in meinem Leben gemacht habe.

Wie haben Sie dennoch gelernt, von vorne anfangen?

Borowka: Mir haben mein brutaler Wille und mein Ehrgeiz, Eigenschaften, mit denen ich auch den Sprung zu den Profis schaffte, auch im normalen Leben geholfen. Es gab in jeder Jugendmannschaft Fußballer, die 90 Prozent mehr Talent hatten. Ich kapierte damals: Jetzt musst du kämpfen. Ich wollte ja nicht sterben. Ich stand ja mit eineinhalb Beinen im Grab.

Hat sich Ihre Krankheit schleichend entwickelt, als Kompensation für den Druck vielleicht?

Borowka: Das alles habe ich in einer viermonatigen Therapie aufgearbeitet. Nur so viel: Wenn du als kleiner Junge plötzlich Bundesliga-Profi wirst und dir die Welt offen steht, wie ich das damals geglaubt habe, gibt es viele Schulterklopfer, die dich auffordern: Hier, trink mal hier, trink mal da. Maß halten konnte ich nie, beim Abendessen nur zwei Gläschen Wein zu trinken, das ging nicht. Das wurde dann mehr und mehr und mehr. Irgendwann konnte ich die Situation nicht mehr kontrollieren.

Haben Sie selbst den ersten Schritt für den Entzug gemacht?

Borowka: Nein. Christian Hochstätter und der damalige Mönchengladbacher Präsident Wilfried Jacobs haben mir das Leben gerettet. Die haben mich einfach in die Klinik bringen lassen. Ich war ja nicht der Meinung, dass ich Alkoholiker bin.

Haben Sie auch finanziell Schaden genommen?

Borowka: Logisch. Ich war mausetot. Alles, was da war – mausetot. Wie das eben so ist.

Wie kommt so was?

Borowka: Ich habe komplett den Halt verloren, bin mit dem Auto vor den Baum gefahren und so weiter. Palaver hier, Ärger da. Irgendwann ist der Boden unter meinen Füßen aufgegangen, ich habe keinen Halt gefunden. Dann ist es einfach nur eine Frage der Zeit, bis alles kaputt ist.

Und körperlich?

Borowka: Ich hatte wahnsinniges Glück, dass mein Körper das alles so mitgemacht hat über 20 Jahre. Andere, die so lange getrunken haben, erlitten schlimme Schäden. Der tägliche Sport und der Alkohol haben sich gewissermaßen neutralisiert. Das geht aber nur eine gewisse Zeit, bis der Körper dann doch irgendwann streikt. Ich bin mit zwei blauen Augen davon gekommen und habe rechtzeitig den Absprung geschafft.

Wie viele Freunde von früher haben Sie noch?

Borowka: Haha, gute Frage. Es gibt noch einige, auf die ich mich damals verlassen konnte. Christian Höchstätter, Oliver Reck, die waren immer da, auch in meiner ganz schlimmen Zeit. Aber dann wird es auch schon verdammt eng. Ich durfte lernen, dass du über die Jahre sehr viele Freunde hattest. Das waren aber die ersten, die dann auch weg waren, als es mir dreckig ging.

Ist heute immer noch die Gefahr latent vorhanden, rückfällig zu werden?

Borowka: Die Gefahr ist jede Stunde da. Ich persönlich bin damit sehr gut umgegangen. Entscheidend ist dabei, mit sich im Reinen zu seine. Jeder, der was anderes sagt als trockener Alkoholiker, würde lügen. Die Quote von denen, die was gegen ihre Krankheit getan haben und wieder rückfällig wurden, liegt sicher bei 50 Prozent. Ich habe meinen Weg gefunden.

Auf Ihrer Visitenkarte steht „ Sportmarketing“. Das heißt was genau?

Borowka: Ich organisiere Fußballcamps vom Erzgebirge bis zum Tegernsee und trainiere Jugendliche auf den Aida-Schiffen während Land-Aufenthalten. Zuletzt waren wir auf den Kanaren. Das macht richtig viel Spaß. In einigen Wochen werden ich mit meinem früheren Mitspieler Günter Herrmann einen Online-Shop, eine Art Sportler-Store, eröffnen Außerdem stehe ich in Verhandlungen mit Verlagen über ein Buch, das ich schreiben will.

Ein Buch? Das klingt gerade nach Philpp Lahms Biografie gefährlich.

Borowka: Ich habe viele Jahre überlegt, mit mir selbst gerungen. Mir geht es nicht darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen, mir würde einfach etwas fehlen. Mir gefällt der Gedanke, dass noch etwas von mir vorhanden ist, wenn ich mal nicht mehr da bin. Außerdem denke ich, dass ich viel zu erzählen habe, viel mehr als Leute wie Lahm mit ihrem Büchlein. Ich will keinen Ratgeber schreiben, jeder ist für sich selbst zuständig. Wenn ich darüber schreibe, kann das für viele Schichten interessant sein.

Und wenn ein Fußballer heute dennoch Ihren Rat haben wollte, was würden Sie sagen?

Borowka: Gar nichts. Ich würde ihm meine Geschichte erzählen, von mir reden. Was er selbst daraus macht, ist seine eigene Sache. Ich würde niemandem raten, die Finger vom Alkohol zu lassen. Jeder ist für sich selbst zuständig. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich meine Projekte vorantreiben kann. Und ab und zu spiele ich Golf, wenn ich lustig bin.

Sie sind sehr aktiv bei den Gofus, den golfspielenden Fußballer, die für Jugendliche Geld sammeln. Auf Fotos tragen Sie immer bunte Hosen. Wie John Daly, der auch Alkoholprobleme hatte?

Borowka: Jeder, der mich beim Golfen in den vergangenen Jahren verfolgt hat, weiß: Es gibt keine Farbe, die ich nicht besitze. Silberne Schuhe, bronzene Schuhe. Mir macht das Spaß. Das Leben ist für mich bunt, nicht grau in grau. Ich will dort Spaß. Wenn ich die Bälle ins Biotop haue, ist das halt so.

Welchen Stil pflegen Sie beim Golf?

Borowka: Den gleichen wie früher beim Fußball gespielt habe. Ich hatte nie einen Golflehrer, weil mich keiner trainieren wollte, nicht die Muße oder Nerven hatte. Vielleicht war es auch Angst... (lacht). Eine typische Bahn sieht bei mir so aus: Schön fest drauf vom Tee mit dem Driver – und ab ins Gesülze. Danach geht es darum, noch das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Ich liebe schwierige Lagen. Und egal, ob da Wasser ist, wie groß die Distanz auch ist , bei mir gibt es den direkten Weg. Aber verlieren? Verlieren will ich beim Golfen nicht.

Was ist Ihnen heute wichtig?

Borowka: Dass ich jeden Tag mit mir im Reinen bin, dass ich ein gutes Gefühl habe, was ich mache und tue. So entscheide ich auch in vielen Sachen. Wenn ich dann einen Fehler mache, habe ich ihn selbst gemacht.