Formel 1 in Yeongam

Vettel baggert auf Baustelle an WM-Führung

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Jens Marx

Der Red-Bull-Pilot betritt wie alle Fahrer der Formel 1 in Südkorea Neuland. Die bange Frage in Yeongam: „Hält der frisch verlegte Asphalt?"

Yeongam. Im südkoreanischen Yeongam wird noch geschraubt, gebohrt und die Gabelstapler sind im Großeinsatz: Sebastian Vettels Formel-1-Titeljagd wird zum Baustellen-Abenteuer. Im Gegensatz zur neuen Strecke in Yeongam aber ist der Red-Bull-Pilot zu 100 Prozent bereit. Der Heppenheimer verzichtete dafür aufs eigene Bett in der Schweizer Wahlheimat, stattdessen blieb der 23-Jährige nach seinem Japan-Sieg gleich in Asien. „Die Hin-und-Her-Reiserei mit den Zeitunterschieden kann einen schwächen. Das will ich aber vor dem Saisonfinale beginnend mit dem Großen Preis von Korea nicht riskieren“, erklärte Vettel. „Oft entscheiden Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage.“ Im bisherigen Formel-1-Niemandsland Südkorea kann Vettel als erster Deutscher seit vier Jahren die WM-Führung erobern.

Auch wenn er wie seine vier Titelrivalen spätestens an diesem Donnerstag auf dem Korea International Circuit Neuland betritt, ahnt Vettel: „Korea gönnt dir fast keine Verschnaufpause.“ 5,615 Kilometer lang, 55 Runden, gegen den Uhrzeigersinn. Entworfen von Formel-1- Architekt Hermann Tilke. Grünes Licht gab es vom Weltverbands-TÜV erst knapp zwei Wochen vor dem ersten Training an diesem Freitag. Am Mittwoch prägten allerdings immer noch zahlreiche Arbeiter, Maschinen und Baulärm das Bild. Und die bange Frage lautet: Hält der frisch verlegte Asphalt?

1985 musste ein Rennen in Spa Francorchamps verschoben werden, nachdem die Asphaltschicht aufgebrochen war. Doch 25 Jahre später ist ein Verschieben nicht so einfach möglich: Der Terminplan ist bereits voll, zwei Wochen später steht der Große Preis von Brasilien an, sieben Tage danach das Finale in Abu Dhabi.

Eine Absage des Premieren-Grand-Prix' in Südkorea wäre vor allem für die Verfolger von Spitzenreiter Mark Webber schlecht (gewesen) - also auch für Vettel, der als Dritter ebenso wie der zweitplatzierte zweimalige Weltmeister Fernando Alonso im Ferrari 14 Punkte weniger hat als sein Rennstallrivale. Der will in seinem 155. Formel-1-Rennen einen weiteren Schritt Richtung WM-Titel mit 34 Jahren machen. Allerdings räumt der Gejagte Webber ein: „Ich mag mit ein paar Punkten führen, aber ich denke nicht, dass ich der Favorit bin.“

„Ob Marks Vorsprung für den WM-Titel reichen wird, wird man sehen“, sagte Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz. „Ich muss auch wieder mal gewinnen“, meinte Webber. Seinen letzten von bislang vier Saisonsiegen feierte er am 1. August in Budapest. „Ich denke, wir sind alle ziemlich gleich“, sagte der Australier mit Blick auf sich und seine vier Verfolger Vettel, Alonso (beide 206 Punkte), Lewis Hamilton (192) und Jenson Button (189). „Es ist auf des Messers Schneide, aber ich bin sehr relaxed“, meinte Webber.

Eine Red-Bull-Teamorder wird es auch für die drei finalen WM-Läufe nicht geben, obwohl sich die beiden Piloten schon folgenreich auf der Strecke in die Quere kamen und so wichtige Punkte verschenkten. „Wichtig ist, dass beide wissen, dass sie den jeweils anderen brauchen, um Weltmeister zu werden und dass sie letztlich auch für das Team und somit um die Konstrukteursmeisterschaft fahren“, erklärte Boss Mateschitz der Nachrichtenagentur dpa.

Für ihn scheint Japan-Sieger Vettel vom Speed her „im Moment die Nasenspitze knapp voran zu haben“. Würde der Heppenheimer gewinnen und Webber nicht über Rang fünf hinauskommen, wäre Vettel der erste deutsche WM-Spitzenreiter seit Michael Schumacher im Oktober 2006.

Eine klare Kampfansage schickte Ferrari-Star Alonso Richtung Red Bull. „In Südkorea müssen wir attackieren, um die Lücke zu Webber zu schließen“, betonte der Spanier, der 2005 und 2006 im Renault den Titel holte. Doch auch die beiden McLaren-Fahrer Hamilton und Button wollen sich keinesfalls geschlagen geben. „Mit den drei noch ausstehenden Rennen und 75 Punkten für einen Fahrer wäre es unklug, Jenson, Lewis oder McLaren abzuschreiben“, sagte Teamchef Martin Whithmarsh vor dem Rennen an diesem Sonntag zur Frühstückszeit in Europa (Start 08.00 Uhr MESZ/RTL und Sky).

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