Ein 50 Picogramm schwerer Verdacht

Alberto Contador wurde bei seinem Tour-de-France-Sieg positiv auf Clenbuterol getestet. Schuld soll ein verseuchtes Stück Fleisch sein

Berlin. Für seine Verteidigung blieben Alberto Contador, 27 mehr als vier Wochen. Der internationale Radsportverband UCI hatte seinem Star überraschend viel Zeit gewährt für das Gestalten seines bildhaften Plädoyers.

In weißem Hemd, die Haare akkurat gegelt und mit halb verwundertem, halb unschuldigem Blick trat der Spanier gestern in seinem Wohnort Pinto bei Madrid vor Fotografen und Fernsehkameras. "Als ob du für den elektrischen Stuhl bestimmt bist und nichts dagegen tun kannst", so fühle sich der Tour-de-France-Sieger. Am 21. Juli, am letzten Ruhetag der Frankreich-Rundfahrt, positiv in A- und B-Probe auf die unerlaubte Substanz Clenbuterol getestet und doch kein Dopingsünder: Das wollte Contador mit Dackelblick die Weltöffentlichkeit Glauben machen. Kein Täter, sondern ein Opfer. Ahnungsloser Konsument eines mit dem Dopingmittel verseuchten Mittagessens.

Der Weltverband UCI bestätigte am Rande der Weltmeisterschaften in Geelong (Australien) den Befund und versuchte, die "vorläufige Sperre" und die zögerliche Informationspolitik mit der "sehr geringen Konzentration" des verbotenen Kälbermastmittels in Contadors Urin zu rechtfertigen. "Der Fall muss weitere wissenschaftliche Tests nach sich ziehen", heißt es bei der UCI.

Bereits am 24. August wurde Contador von der positiven B-Probe unterrichtet, die UCI wusste noch länger davon. Nach den Statuten der Weltantidopingagentur (Wada) hätte Contador sofort gesperrt werden müssen. Bei Contadors Landsmännern Ezequiel Mosquera und David Garcia ging die UCI entschiedener vor. Sie wurden gestern nach Öffnung der A-Proben suspendiert. Bei den Spitzenfahrern wurden bei einer Kontrolle vom 16. September Spuren des Blutplasma-Ersatzstoffes Hydroxyethylstärke (HES) festgestellt. Gleichwohl drohen Contador die Aberkennung des Tourgewinns und zwei Jahre Sperre.

Mit der Überführung Contadors wird die groß angelegte Rehabilitierungskampagne der Zweiradbranche torpediert. Seit Jahren kämpfen die Pedaleure nach zahlreichen Dopingskandalen um mehr Glaubwürdigkeit - und registrieren bescheidene Erfolge. Nun machen sich die UCI-Funktionäre einer Verschleierung und Verharmlosung verdächtig: Der bei Contador vorgefundene Clenbuterol-Wert, 50 Picogramm (0,00000000005 Gramm pro Milliliter), sei 400-mal niedriger, als die Labore imstande sein müssten nachzuweisen. Wada-Präsident David Howman entgegnete kühl, dass es keinen Clenbuterol-Grenzwert gebe und jeder Fund ein Verstoß gegen die Statuten sei. "Es ist ein negatives Ergebnis und muss untersucht werden."

Nach Contadors Darstellung soll das unerlaubte Mittel, das den Fettabbau fördert und beim Muskelaufbau hilft, mit dem Verzehr eines Steaks in seinen Körper gelangt sein. Dazu präsentierte er eine hübsch ausgeschmückte Geschichte: Am 20. Juli habe ein Freund das bei einem Metzger im nordspanischen Irun gekaufte Filetstück angeblich etliche Kilometer transportiert und vom Koch des Astana-Teams zubereiten lassen, während etwa die Teamkollegen Alexander Winokurow und Jesus Hernandez das zähe Fleisch aus der Hotelküche aßen.

Ungewöhnlich findet er, dass er bei zahlreichen Etappen ohne Beanstandungen getestet wurde und nur bei einer Kontrolle durchfiel. "Das ergibt alles keinen Sinn", sprang ihm David Millar bei. Der Schotte, 2004 selbst wegen Epo-Dopings gesperrt, war der einzige Profi, der sich solidarisch zeigte.

Außer dass das zuständige Kölner Dopinglabor von Wilhelm Schänzer besonders feine Messmethoden hat, hält es Antidopingforscher Rasmus Damsgaard für möglich, dass Contador ähnlich wie der Amerikaner Floyd Landis 2006 vorging und sich an einem Ruhetag eine Dosis frisches Eigenblut verabreichte. Die Anzeichen seien da, "dass er eine Bluttransfusion bekommen hat". Blut, das ihm Monate vorher entnommen worden war, könne Spuren von Clenbuterol enthalten haben, mutmaßte Damsgaard im dänischen Fernsehen.

Contador erregt Misstrauen, seit sein Namenskürzel aus der Kundenliste des mutmaßlichen Dopingarztes Fuentes auf unerklärliche Weise verschwand. Oder seit bei der Tour 2009 ein anerkannter Leistungsdiagnostiker beim Kletterspezialisten nach dessen Etappensieg in Verbier einen so hohen VO2max-Wert (der die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Blutes misst) ermittelte wie noch bei keinem Menschen vorher. Nach dem Fall Landis 2006 droht nun das zweite Tilgen eines Siegerlisteneintrags der Tour.

"Es sind dies die schwersten Stunden seit meiner Krankheit", sagt Contador. 2004 wurde ihm bei einer schwierigen Operation ein Blutgerinnsel aus dem Kopf entfernt. Für den Sportler Contador könnte der Dopingfall der Anfang vom Ende sein.