Neuer Fall im Radsport: Fünf Fragen an Gerhard Treutlein

Wo Geld im Spiel ist, ist Doping nicht weit

Gerhard Treutlein, 69, Professor für Sportpädagogik, gründete das Zentrum für Dopingprävention in Heidelberg.

Hamburger Abendblatt:

1. Hat Sie der Dopingverdacht gegen den dreimaligen Tour-de-France-Sieger Alberto Contador überrascht?

Gerhard Treutlein:

Der Fall als solcher nicht. Dass zur Tour de France überhaupt etwas bekannt geworden ist, schon. Meinem Eindruck nach war im Vorfeld alles getan worden, um die französische Antidoping-Agentur von den Kontrollen auszuschließen.

2. Was halten Sie von Contadors Erklärung, die Substanz Clenbuterol sei unwissentlich durch den Konsum kontaminierten Fleisches in seinen Körper gelangt?

Treutlein:

Auch der Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov hat angegeben, er habe in China kontaminiertes Fleisch gegessen. Man kann von Sportlern nicht verlangen, dass sie in jedem Restaurant aufpassen. Aber das Risiko, mit Clenbuterol verunreinigtes Fleisch zu sich zu nehmen, ist in Frankreich und Spanien sicherlich wesentlich geringer als in China, wo es offenbar illegal bei der Kälbermast eingesetzt wird.

3. Bei anderen Tests vorher und nachher ist er nicht aufgefallen. Entlastet ihn das nicht?

Treutlein:

Mich würde eher wundern, wenn jemand in seiner Leistungsklasse überhaupt positiv getestet würde. Diese Leute haben ein so kompetentes medizinisches Umfeld, dass sie eigentlich wissen, was sie tun müssen, um nicht positiv zu sein.

4. Hat der Radsport durch die Skandale und Enthüllungen nichts dazugelernt?

Treutlein:

Wir haben für den Bund Deutscher Radfahrer A-Trainer in Dopingprävention ausgebildet und Maßnahmen mit Jugendlichen durchgeführt. Aber ich bezweifle, dass sich das Bewusstsein bis in die Spitze durchgesetzt hat. Ich würde das Problem auch nicht auf den Radsport beschränken. Überall, wo viel Geld und öffentliches Interesse im Spiel sind, ist die Gefahr groß.

5. Wie verbreitet ist Doping nach Ihren Erkenntnissen im Fußball?

Treutlein:

In Italien ist diesbezüglich einiges ans Licht gekommen. Aber dort waren Staatsanwälte am Werk. Die Sportgerichtsbarkeit ist damit überfordert, weil das Thema zu gefährlich ist. "Le Monde" hat über Kontakte von Real Madrid und FC Barcelona zum Dopingarzt Fuentes berichtet. Daraufhin musste die Zeitung je 300 000 Euro Schadenersatz bezahlen. Da können Sie sich ausrechnen, wie viele noch den Mut haben, darüber zu recherchieren.