Das Geheimnis der Medaillen-Schmiede Oberhof

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Olympia: Heute Abend werden die 20. Winterspiele in Turin eröffnet - ein Ort wird wohl wieder besonders feiern . . .. Vor vier Jahren brachten allein die Olympioniken aus dem Thüringer Wald 14mal Edelmetall aus Salt Lake City mit. Diesmal sind 22 Oberhofer dabei.

Oberhof. Rote Schilder, an jedem Haus rote Schilder. "Belegt" steht darauf oder auch "ausgebucht". Die Winterurlauber haben Oberhof fest im Griff in diesen Tagen, genauso wie der Nebel, der sich wie ein Schleier über den Ort gelegt hat und einem die Sicht nimmt auf die schneeverhangenen Hügel des Thüringer Waldes.

Wolfgang Filbrich dürfte zur Zeit der einzige Mensch in Oberhof sein, der noch weiße Stellen in seinem Belegungsplan hat. Dann und wann eine Trainingsstunde, das ist wenig, verglichen mit dem, was sonst los ist auf den Sprungschanzen und Loipen, auf der Rennrodelbahn und an den Schießanlagen der Biathleten. Für Filbrich, Leiter des Thüringer Wintersportzentrums (TWZ), und seine 19 Mitarbeiter geht es nun vor allem darum, den großen Empfang am 27. Februar vorzubereiten, wenn die Olympiahelden aus Turin zurückkehren.

Es wird, soviel ist sicher, einiges zu feiern geben. Vor vier Jahren brachten die Oberhofer Olympioniken sechs Gold-, sechs Silber- und zwei Bronzemedaillen von den Winterspielen in Salt Lake City mit, und im Kurpark jubelten ihnen 5000 Menschen zu. Nahezu jede zweite deutsche Medaille wurde hier geschmiedet. "Es war wie im Traum", erinnert sich Filbrich, "beinahe unheimlich." Diesmal hat die Stadt 22 Athleten zu Olympia entsandt. Einige von ihnen, wie die Biathletin Kati Wilhelm oder der Bobpilot Andre Lange, sind schon 2002 mit Gold zurückgekehrt, andere, etwa der Skilangläufer Tobias Angerer, wollen in Turin ihr Meisterstück machen.

Mehr als 500 Podestplätze haben Oberhofer Athleten in den vergangenen vier Jahrzehnten bei internationalen Meisterschaften belegt. Viele haben in dem staatlich anerkannten Luftkurort am Rennsteig ihre Spuren hinterlassen; die besten auf dem "Walk of Fame des Sports", wo sich die in Beton gegossenen Handabdrücke aneinanderreihen, und im benachbarten Wintersportmuseum, wo man den original Olympia-Pelzmantel der Rodlerin Margit Schumann von 1972 besichtigen kann.

Ihre Porträts zieren heute die Wände von Filbrichs Büro, auf seinem Schreibtisch wimmelt es von gelben Notizzetteln. Was ist es denn nun, das Oberhofer Erfolgsgeheimnis? "Von einem Geheimnis will ich nicht sprechen", sagt Filbrich. Er spricht lieber von Synergien, einem Wort, das er nach der Wende gelernt hat, als er die Wintersportzentren in Westdeutschland abklapperte, um etwas über die Strukturen des Leistungssports im Kapitalismus zu lernen.

Synergien also. Sieben Wintersportarten - Skispringen, Skilanglauf, nordische Kombination, Bob, Rodeln, Skeleton und Biathlon - können hier im Umkreis weniger Kilometer professionell betrieben werden. Und zwar das ganze Jahr über: Im Sommer werden die Schanzen mit Matten präpariert, während die Langläufer und Schlittensportler auf Rollen unterwegs sind. Ein 1400 m langer Skitunnel für zwölf Millionen Euro ist in Planung.

Was bereits da ist, ist beeindruckend genug. Erst 2004 wurde die gewaltige Rennsteig-Arena am Grenzadler in Betrieb genommen, die bei Großereignissen wie der Biathlon-WM vor zwei Jahren mehr als 15 000 Zuschauer aufnehmen kann. Am Fuß der anspruchsvollen Rodelbahn gibt es eine überdachte Startanlage, laut Filbrich "die modernste der Welt", in der die Rodler und Bobfahrer ihren Anschub trainieren. Insgesamt fünf Schanzen ragen aus den Tälern ringsherum hervor, und weil selbst das den Oberhofern offenbar nicht genug war, haben sie hoch oben über der Stadt zwei mächtige Klötze hochgezogen, die aussehen wie Sprungtürme und das Treff-Hotel Panorama beherbergen.

"Sport ist unser wichtigster Werbefaktor", betont Bürgermeister Hartmut Göbel (CDU). Mehr als eine halbe Million Übernachtungen pro Jahr verbucht die Stadt, die nur 1700 Einwohner, aber mehr als doppelt so viele Gästebetten hat. Im Winter ergießen sich die Touristen über die Loipen und Rodelstrecken, im Sommer kommen die Wanderer der guten Luft wegen. Man kann mit dem Rafting-Boot die Rodelbahn herunterschlittern oder in den Rennsteig-Thermen die Seele baumeln lassen. Vor allem aber kann man hier regelmäßig Spitzensportveranstaltungen wie Weltcups und Weltmeisterschaften besuchen.

Das hat gute Tradition. Schon in der Gründerzeit, als sich Oberhof zu einem mondänen Kurort aufschwang, fanden hier wichtige Wettkämpfe im Bob und Skispringen statt. Zu DDR-Zeiten wurde der Ort dann zu einer Art St. Moritz des Sozialismus ausgebaut, mit großen Plattenbauquartieren für die erholungsuchende Arbeiterklasse. Künftig sollen Spitzensport und sanfter Tourismus einander hier die Hand reichen.

Wer dem Erfolg auf den Grund gehen will, muß sich in die Unterwelt begeben. Im Souterrain des TWZ-Verwaltungsgebäudes an der Jägerstraße, gleich neben der modernen Dreifelder-Sporthalle, schlummert ein 70 Meter langer Schieß- und Sprintkanal, in dem Bobfahrer und Skispringer an ihrer Schnellkraft arbeiten und die Biathleten nach Belastung ihre Treffsicherheit testen können. Nebenan gibt es große Laufbänder für Skiroller und Rollschlitten sowie den "Imitationsraum", in dem sich die Skispringer in Schaumgummigruben stürzen oder auf dem Trampolin ihre Motorik schulen können.

"Die Sportler tauschen sich aus und motivieren sich gegenseitig", sagt Filbrich, dessen Sohn Jens im Olympiaaufgebot der Langläufer steht. Zu den etwa 110 ansässigen Kaderathleten stoßen viele aus dem Ausland hinzu. Die norwegischen Skispringer sind Stammgast auf der Rennsteigschanze, ihre Benutzungsentgelte hat Filbrich in seinem Etat fest eingeplant.

Früher, vor der Wende, wäre das undenkbar gewesen, der DDR-Sport wußte seine Geheimnisse zu hüten. Und doch hat man es hier wie sonst wohl nirgendwo verstanden, aus der sozialistischen Hinterlassenschaft Kapital zu schlagen. Aus der Kinder- und Jugendsportschule wurde ein Sportgymnasium; früher gab es den Armeesportklub, heute die Sportfördergruppe der Bundeswehr. Und es gibt das Know-how der Trainer.

Was aber ist mit den Erbkrankheiten? Doping? Stasi? Es sei wichtig, das aufzuarbeiten, findet der frühere Spitzenlangläufer Filbrich, aber bitte schön differenziert: "Manche Sachen werden heute einfach nicht mehr begriffen." Vor zwei Wochen wurde Hans Hartleb, der Betreuer der Oberhofer Biathleten, aus dem Olympia-Aufgebot gestrichen, nachdem seine Tätigkeit als IM "Falun" bekannt wurde. Sollen doch, sagt Filbrich, die als Kläger auftreten, denen Hartleb geschadet habe. Alle vier Jahre koche das Stasi-Thema aufs neue hoch. "Irgendwann nervt's."

Wolfgang Filbrich entschuldigt sich einen Augenblick - das Handy. Als er wiederkommt, hat sich ein Strahlen auf sein Gesicht gelegt. Der Oberhofer Tom Beetz (19) ist gerade Juniorenweltmeister in der nordischen Kombination geworden. Die Erfolgsgeschichte dieser Stadt ist noch lange nicht zu Ende.