Amateurfussball

Bert Ehm: „Ich möchte Trainer sein, bis ich umfalle“

Mit dem 67-Jährigen verabschiedet sich einer der Erfolgreichsten Trainer des Hamburger Amateurfußballs in den vorläufigen Ruhestand. Ans Aufhören verschwendet er keinen Gedanken.

Hamburg. Motivationskünstler, Altmeister, Legende. Wie keinen anderen Trainer im Hamburger Amateurfußball begleiten Superlative die Karriere von Bert Ehm, 67. Zwölf Ligatitel, darunter fünf Hamburger Meisterschaften, und vier Pokalsiege holte Ehm in 34 Jahren. Nun ist erst einmal Schluss. Sein letztes Spiel mit Germania Schnelsen verlor er 0:4 in Curslack. Es soll kein Abschied für immer sein.

Hamburger Abendblatt: Was ging Ihnen beim Abpfiff durch den Kopf?

Bert Ehm: Ich bin froh, dass die Geschichte hier beendet ist. Das Geld ist nicht mehr da. Wir hatten nur noch zwölf Mann. So ist Leistungsfußball nicht drin. Ich bedauere die eineinhalb Jahre Schnelsen aber nicht.

Otto Rehhagel bezeichnete sich als „Kind der Bundesliga“. Sind Sie ein Kind des Hamburger Fußballs?

Ehm: Wenn das jemand über mich sagt, stimme ich zu. Ich fing bei Teutonia 10 an, war meist im Hamburger Raum.

Als Spieler sollen Sie viele Schienbeinepoliert haben ...

Ehm: Ich war ein harter, schneller Linksverteidiger. Das Spiel prägten andere. Granatenfußballer wie Peter Wessel oder Siggi Frische in unserer großen Zeit bei Urania.

Warum wurden Sie Trainer?

Ehm: Mit 32 Jahren schmerzte die Achillessehne. Also wurde ich 1979 Trainer in Duvenstedt. Wir waren erfolgreich, holten den Titel. So fing es an.

Es folgten fünfzehn weitere Titel. Was war Ihre schönste Station?

Ehm: Es war bei vielen Stationen schön. Nicht nur sportlich. Es wurde mehr gefeiert als heute. In Hoisdorf ging das Trinken in der Kabine los. Man darf gar nicht daran denken, in welchem Zustand wir oft nach Hause fuhren. Überragend war die Zeit beim VfL 93 zwischen 1988 und 1993. Wir stiegen von der Bezirksliga bis in die Regionalliga auf. Mit Frank Böse im Tor, Walter Laubinger als Zehner und Frank Güldenpfennig im Sturm. Schade war das Ende.

Was passierte dann?

Ehm: Sieben Spieltage vor Saisonschluss wurde mein Vertrag verlängert. Eine Woche später folgte die Entlassung nach einer Niederlage gegen Lurup. Ich ging zu Sponsor Günther Wolf und sagte ihm: „Günther, dann musst du noch ein Jahr zahlen.“ Er erklärte: „Das kannst du mir nicht antun. Wir sind Freunde.“ Und ich war dumm genug, auf das Geld zu verzichten. „Du bist so ein Oberamateur“, sagte meine Frau.

Es gab noch einen Zwischenfall ...

Ehm: Ja. Wir spielten im Abstiegskampf gegen den HSV II, führten in der 89. Minute 1:0. Da kippte bei denen ein Betreuer um. Schiedsrichter Matthias Anklam brach ab. Unsere Bank schätzte die Situation falsch ein und pöbelte. Dabei musste der Mann wiederbelebt werden. Am nächsten Tag beschimpfte mich NDR-Mitarbeiter Gerd Krall wild. Er hatte recht. Ich entschuldigte mich.

Haben Sie dem SC Victoria je Ihre Entlassung verziehen?

Ehm: Klar. Meine Entlassung war ein Fehler, aber das sind meine Freunde. Viermal Meister, zweimal Pokalsieger. Es war eine Superzeit. Elmshorn habe ich genauso verziehen.

Die Sensation schafften Sie mit Victoria im DFB-Pokal 2010 beim 1:0 gegen Oberhausen. Sie sagten in der Kabine, Oberhausen sei weiß Gott keine Welttruppe und Ihre Jungs sollen sie weghauen...

Ehm: Im Halbfinale des Amateurpokals hatten wir zuvor St. Pauli mit Trainer Holger Stanislawski 3:1 geschlagen. Walter Frosch sagte mir nach der DFB-Pokalauslosung, ich solle froh über das Los sein. Ich habe nicht an die Sensation geglaubt. Aber ich wollte meine Spieler mit der Ansprache an ihre Grenzen bringen. Das mache ich immer noch. Leider fällt es ihnen heute schwerer. Sie sind viel verwöhnter als wir früher. Geld spielt eine viel zu große Rolle.

War Stephan Rahn, der das Siegtor gegen Oberhausen schoss, da anders?

Ehm: Er flog bei Concordia häufig vom Platz. Ich holte ihn zu Victoria. Im ersten Punktspiel beim HEBC sah er Rot. Alle Kritiker fühlten sich bestätigt. Dann wurde er sportlich und auch menschlich immer stärker. Ein Topmann. Auf ihn bin ich stolz.

Ehm: Das gehört dazu. Meine Regel lautet: Nach 90 Minuten ist alles vergessen. Ein guter Schiedsrichter wie Fabian Porsch kann damit umgehen.

Haben Sie nie Ambitionen gehabt, in der Bundesliga zu trainieren?

Ehm: Nein. Ich war beruflich zu engagiert. Es rief auch kein Verein an. Mir fehlt sowieso die Lizenz dafür.

Was motiviert Sie noch?

Ehm: Der Fußball. Er hat sich sehr verändert. Ich gebe zu: Ich brauche Helfer für Neumodisches wie aktuelle Taktik und neue Formen des Passspiels. So wie Stilz bei Vicky oder Sawitschew hier. Ich sorge für Fitness und Motivation.

Glauben Sie an gute Angebote?

Ehm: Kommt was Gutes, mache ich weiter. Ich kann nicht ohne Fußball leben. Unter gewissen Umständen würde ich bis in die Bezirksliga gehen.

Sterben Sie auf dem Platz?

Ehm: Ja, ich möchte Trainer sein, bis ich auf dem Platz umfalle. Das wäre doch ein nettes Ende.