Gesundheit

Großhansdorfer Arzt: Jeder muss etwas für bessere Luft tun!

| Lesedauer: 8 Minuten
Janina Dietrich
Professor Klaus F. Rabe, Ärztlicher Direktor der LungenClinic Großhansdorf, schaut sich an seinem Computer die Röntgenaufnahme einer Lunge an. 

Professor Klaus F. Rabe, Ärztlicher Direktor der LungenClinic Großhansdorf, schaut sich an seinem Computer die Röntgenaufnahme einer Lunge an. 

Foto: Janina Dietrich

Schadstoffe können eine Vielzahl von Erkrankungen auslösen. LungenClinic-Direktor fordert Menschen zum Handeln auf.

Grosshansdorf. Mit einem eindringlichen Appell fordert der Großhansdorfer Lungenspezialist Klaus F. Rabe zu mehr Engagement für saubere Luft auf. „Jeder Einzelne ist bei dem Thema gefragt“, sagt der Ärztliche Direktor der LungenClinic. „Denn wir sind alle individuell Verursacher von Luftverschmutzung.“ In Stormarn sei die Situation nicht besser oder schlechter als im Rest der Welt. „Wir tun zu wenig“, sagt der 61-Jährige, der auch Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) ist. Auf allen Ebenen seien die Akteure gefragt, etwas zu unternehmen: vom einzelnen Bürger über die Städte und Gemeinden, den Kreis und das Land bis hin zum Bund.

Aber es sei natürlich leichter, mit dem Finger auf andere zu zeigen oder auf Entscheidungen der Politik zu warten, anstatt sich selbst zu hinterfragen. „Viele reden sich heraus, verweisen auf andere, die vermeintlich viel schlimmere Umweltsünder sind.“ Dabei gebe es für jeden Menschen in Stormarn genug Möglichkeiten, etwas für reinere Luft zu tun.

Städte und Gemeinden sollen zu Vorreitern werden

Zum Beispiel weniger Auto fahren. Morgens beobachtet der Chefarzt häufig, wie Eltern in Großhansdorf ihre Kinder im SUV zur benachbarten Grundschule Wöhrendamm bringen. So ein Verhalten gelte es zu hinterfragen. Auch beim Einkauf im Supermarkt könnten Stormarner etwas für die Umwelt tun, indem sie regionale Produkte kauften anstatt beispielsweise exotische Früchte wie Mangos, die erst um die halbe Erde transportiert werden müssen.

Trotz der vielen Klimaschutz-Debatten nehme die Zahl der Flüge weiter zu, kritisiert Rabe. Auch er kennt Bürger, die jedes zweite Wochenende nach Südeuropa fliegen – und dafür dank günstiger Tickets von Billigfluggesellschaften kaum etwas zahlen müssten. Laut CO2-Rechner des Umweltbundesamtes verursacht zum Beispiel ein Hin- und Rückflug zwischen Hamburg und Mallorca (3316 Kilometer) pro Person einen Ausstoß von 0,96 Tonnen Kohlenstoffdioxid. Die Behörde mahnt: „Fliegen ist die klimaschädlichste Art sich fortzubewegen.“

„Die gesellschaftliche Frage ist: Was sind wir bereit, für den Umweltschutz zu reduzieren?“, sagt Professor Klaus F. Rabe. Denn ohne Verzicht gehe es bei dem Thema nicht. Es gebe auch nicht die eine Lösung, mit der sich das Problem lösen lasse, sondern es seien „viele Puzzleteile“ nötig, so der Ärztliche Direktor der LungenClinic. Er sagt: „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Arzt fordert stringenteres Vorgehen im Kampf gegen Luftverschmutzung

Auf einem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in Berlin hat Rabe kürzlich ein stringenteres Vorgehen im Kampf gegen Luftverschmutzung gefordert. Politiker und Wissenschaftler müssten gemeinsam schnellstmöglich eine effektive Agenda für saubere Luft aufsetzen. Sie müssten Anreize schaffen zur Schadstoffvermeidung. Das gelte auch für Stormarn, sagt der Lungenspezialist auf Abendblatt-Anfrage.

Doch was können die Kommunen, etwa der Klinikstandort Großhansdorf, konkret tun? Rabe schlägt zum Beispiel vor, mehr alternative Mobilitätsformen zu schaffen, den Öffentlichen Personennahverkehr zu stärken oder zu beschließen, plastiktütenfrei zu werden. Es sei gut, wenn Städte und Gemeinden „Insellösungen“ finden, sagt der Arzt. „Sie können damit zu Vorbildern werden und Nachahmer produzieren.“

Rabe hat auch die kontroverse Diskussion über den geplanten Neubau der Müllverbrennungsanlage in Stapelfeld verfolgt, von den Sorgen der Anwohner in den umliegenden Orten gehört. „Die von Bürgern geforderte Schornsteinerhöhung ergibt keine Tonne Ausstoß weniger“, sagt er. „Irgendwo müssen wir Müll verbrennen, und dabei entstehen Schadstoffe. Ein sinnvoller Beitrag wäre daher, Müll zu vermeiden. Wir machen viel zu viel Dreck.“ Viele Stormarner bereits in den eigenen vier Wänden: Rabe verweist auf Kamine, die er als „erhebliche Dreckschleudern“ bezeichnet. Bei Menschen, die häufig vor den brennenden Holzscheiten sitzen, besteht die Möglichkeit, dass sie irgendwann mal eine Lungenerkrankung bekommen.

Schadstoffe vom Hamburger Hafen belasten Stormarner

Schadstoffbelastete Luft zieht bei entsprechender Windrichtung auch vom Hamburger Hafen nach Stormarn. „Beim Verbrennen von Rohöl entsteht dort ein hoher Partikelausstoß. Das merken wir auch in Stormarn“, so Rabe. Trotzdem hält er nichts davon, sich nur auf dieses Thema zu fokussieren, weil damit der Finger wieder auf „die anderen“ gerichtet werde, statt selbst aktiv zu werden.

Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur (EEA) führen Luftschadstoffe dazu, dass jährlich Hunderttausende Menschen in Europa vorzeitig sterben. Die Belastung der Luft durch Feinstaub, Stickstoffdioxid und bodennahes Ozon hat einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Agentur zufolge im Jahr 2016 rund 400.000 vorzeitige Todesfälle in der Europäischen Union verursacht, darunter Zehntausende in Deutschland. Fast alle Europäer sind demnach in Städten einer Luftbelastung ausgesetzt, die die empfohlenen Werte der Weltgesundheitsorganisation WHO überschreitet. Die WHO bezeichnet Luftverschmutzung als „wichtigsten umweltbedingten Risikofaktor für Erkrankungen“. Auch Professor Klaus F. Rabe sagt: „Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind wissenschaftlich gut belegt.“ Kinder, ältere und kranke Menschen seien besonders gefährdet.

Beim Einatmen gelangt nicht nur Sauerstoff in die Lunge, sondern der Mensch nimmt auch Luftschadstoffe wie Feinstaub, Ozon und Stickstoffdioxid auf – je nach Aufenthaltsort und Jahreszeit in unterschiedlich starker Konzentration. Rabe warnt: „Wir müssen aufpassen, welche Luftqualität wir uns zumuten. Denn klar ist: Dreck in der Lunge ist nicht gut für die Lunge.“

Luftschadstoffe können sich auf Lunge und Herz auswirken

Der Chefarzt appelliert an die Politik, Wissenschaftler bei dem Thema einzubeziehen. „Es wird nicht anders gehen, als auch unbeliebte Entscheidungen zu treffen“, sagt er. Wenn etwas viel Geld koste, die deutsche Kernindustrie betreffe oder die Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränke, werde zurzeit häufig davor zurückgeschreckt. Auch das müsse sich ändern, fordert Rabe.

Denn die Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheit können gravierend sein. Bei Menschen, die häufig schlechter Luft ausgesetzt sind, erhöhe sich das Risiko für Lungenerkrankungen. Folgen können laut Rabe eine verminderte Lungenfunktion, Asthma, eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), mehr Bronchitiden und Lungenentzündungen (Pneumonien) sowie ein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs sein. Luftschadstoffe können sich nach Angaben des Arztes auch negativ auf das Herz auswirken, etwa zu Herzrhythmusstörungen, Aktivierung von Blutgerinnung, Anstieg des Blutdrucks, Arterienverkalkung sowie einem erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko führen. Zudem können Luftschadstoffe laut Rabe Stoffwechselprozesse stören, das Risiko für Typ-2-Diabetes und Schwangerschaftsdiabetes erhöhen.

Messungen von Bürgern ergaben in Ahrensburg hohe Schadstoff-Werte

Auch Auswirkungen auf den Fötus seien möglich. Es gebe Hinweise auf ein erhöhtes Asthma-Risiko im Kindesalter, ein erhöhtes Risiko für ein reduziertes Geburtsgewicht sowie eine verminderte Lungenfunktion bei Säuglingen und Kleinkindern. Das Problem: Die Wissenschaftler wissen nicht genau, warum die Partikel bei einem Menschen eher Krankheiten auslösen als beim anderen.

Von zusätzlichen

hält Rabe nichts, sagt: „Wir wissen doch, dass die Situation nicht gut ist.“ In Stormarn misst das Land zurzeit nur in Barsbüttel – und zwar die Ozonkonzentration. In Ahrensburg hatten Bürger im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe Anfang 2018 mobile Röhrchen aufgehängt, um die Belastung an der Hamburger Straße zu messen. Das Ergebnis: Mit 37,5 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft wurde der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter nur knapp unterschritten, der aber für das Jahresmittel gilt. Weitere Messungen gab es damals in Oststeinbek an der Möllner Landstraße (30,4 Mikrogramm) und an zwei Stellen in Hammoor (23,1 und 23,8).

„Niemand wird gefragt, ob er diese Belastung haben will“, sagt Professor Rabe. Um eine weitere Gesundheitsgefährdung zu vermeiden, müsse daher das Ziel aller Menschen sein, Schadstoffe in der Luft zu reduzieren.

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