Stormarn
Umweltgutachten

Die Stadt Ahrensburg will den Klimaschutz mehr forcieren

Fast täglich sichtbare Energieverschwendung: mobiler Stillstand auf der Hagener Allee in Ahrensburg. Der Energieverbrauch im Straßenverkehr ist stark angestiegen

Fast täglich sichtbare Energieverschwendung: mobiler Stillstand auf der Hagener Allee in Ahrensburg. Der Energieverbrauch im Straßenverkehr ist stark angestiegen

Foto: Birgit Schücking,Birgit Schücking / Birgit Schücking

Geplant sind eine Stromtankstelle am Bahnhof, ein Solarkataster und ein Klimaschutzmanager. Neues Konzept ist teurer als erwartet.

Ahrensburg.  In manchen Statistiken liegt Stormarn ganz weit vorn. Fast 600 Pkw auf 1000 Einwohner wurden 2013 im Kreis gezählt, was bundesweit Spitze war. Die 18 Prozent Anteil der im Jahr 2014 in Stormarn zugelassenen PKW mit mehr als 2000 Kubikzentimeter Hubraum brachten Platz zwei dicht hinter Hamburg. „Und in Ahrensburg ist die SUV-Dichte besonders hoch“, spottet Heinz Baade. Der Fachmann für technischen Umweltschutz im Rathaus fügt besorgt hinzu, dass der Energieverbrauch im Ahrensburger Straßenverkehr seit 2007 um 10,9 Prozent auf 210.000 Megawattstunden gestiegen sei.

Allesamt Spitzenwerte, die niemanden stolz machen. Zumal sie in einem Druckwerk auftauchen, das detailliert belegt, dass Ahrensburg längst einen ganz anderen Weg zum wirksamen Klimaschutz eingeschlagen hat und das künftig noch forcieren will. Am 20. August 2015 wurde das Inte­grierte Energie- und Klimaschutzkonzept für Ahrensburg beschlossen, das die Stadt 2014 in Auftrag gegeben hatte. Die Spezialisten von bofest consult haben Daten gesammelt und ausgewertet und ein 177-seitiges Konzept vorgelegt, das ehrgeizige Ziele verfolgt.

Treibhausgasemission bis 2030 um 42,3 Prozent reduzieren

So könnte die Stadt insgesamt, also öffentlicher und privater Sektor gemeinsam, anstreben, bis 2020 ihren Energiebedarf von fast einer Million Megawattstunden im Jahr 2010 bis 2020 auf gut 800.000 Megawattstunden zu senken (um 16 Prozent) und bis 2030 auf etwa 600.000 (37,55 Prozent). Der Treibhausgas-Ausstoß – im wesentlichen durch fossile Brennstoffe erzeugtes Kohlendioxid (CO2) – könnte von etwa 360.000 Tonnen im Jahr 2010 auf knapp unter 300.000 für das Jahr 2020 und bis 2030 sogar auf etwas mehr als 200.000 Tonnen reduziert werden (minus 42,32 Prozent).

Im Hintergrund dieser lokalen Klimaziele stehen globale Verabredungen wie die vom UN-Klimagipfel 2015 in Paris, an die Deutschland sich halten will. „Es geht darum, die Ziele der Bundesregierung, also ihr Klimaschutzkonzept, operativ auf kommunaler Ebene umzusetzen“, sagt Volker Broekmans vom Düsseldorfer Beratungsunternehmen bofest consult. Der Chemie-Ingenieur und Energie-Manager hat mit seinem Kollegen Michael Liesener ein Jahr lang am Ahrensburger Energie- und Klimaschutzkonzept gearbeitet.

Die aufwendige Untersuchung der Bedingungen und Möglichkeiten Ahrensburgs ist quasi die Voraussetzung aller weiteren Schritte. Um den Prozess sinnvoll zu strukturieren, wird das Klimaschutzkonzept als lokale Initialzündung für den Wandel mit bis zu 65 Prozent der Kosten von Bundesumweltministerium gefördert. Das Gutachten für Ahrensburg hat bislang rund 105.000 Euro gekostet – 25.000 Euro mehr, als veranschlagt. Im März wurde die Steigerung der Kosten in der Stadtverordnetenversammlung diskutiert und die zögerliche, teils intransparente Kostenkontrolle der Verwaltung ebenso kritisiert wie viele Sonderwünsche der Politik, die das Ganze verteuert hätten. Unisono gelobt wurde jedoch die Qualität des Gutachtens. Bürgermeister Michael Sarach sprach von hohem Praxisbezug und sagte, der weitere Weg sei klar definiert.

Das Konzept nennt acht Handlungsfelder

Acht Handlungsfelder nennt das Konzept: Politik, Verwaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Schule & Bildung, Verkehr & Mobilität, Bürger & private Haushalte, Industrie & Gewerbe sowie Energiegewinnung & Versorgung. Diesen Handlungsfeldern haben die Berater 54 Einzelmaßnahmen zugeordnet. Broekmans bringt das Paket auf eine einfache Formel: „Klimaschutz funktioniert nur, wenn die Nutzer ihn akzeptieren. Außerdem muss das Konzept sich wirtschaftlich tragen.“

Für die praktische Umsetzung heißt das zunächst, dass ein öffentliches Bewusstsein dafür geschaffen werden muss, dass Klimaschutz sich lohnt .Ahrensburg hat die nächsten Schritte schon vorbereitet. Erste Initiativen werden von den Stadtwerken ausgehen, die schon bald einen Klimaschutzmanager für drei bis fünf Jahre einstellen, der alle weiteren Schritte koordinieren und generell für das Klimaschutzkonzept werben soll: in Bürgerveranstaltungen ebenso wie bei Unternehmensbesuchen oder in der individuellen Beratung von privaten Hauseigentümern. In Bad Oldesloe und Bargteheide habe sich diese Form der Vermittlung schon bewährt, erzählt Ahrensburgs Umwelttechniker Heinz Baade. Beide Städte hätten die Option genutzt, ihre Klimaschutzmanager, deren Bezahlung zu den vom Bund geförderten Maßnahmen zählt, befristet weiter zu beschäftigen.

Ein Konzept für Elektromobilität soll aufgestellt werden

Ergänzend dazu werden die Stadtwerke schon bald zwei richtungsweisende Projekte vorstellen. Zum einen ein Konzept für Elektromobilität in Ahrensburg, mit Ladestation und Parkraum nahe dem Bahnhof. Zum anderen ein Solarkataster, das sozusagen per Mausklick auf die jeweiligen Hausdächer in Ahrensburg zeigt, ob sich für den Eigentümer die Installation einer Photovoltaik-Anlage zur Solarenergiegewinnung lohnt. Zunächst wird das Programm von der Bauverwaltung für Beratung genutzt. Mittelfristig aber soll das System öffentlich zugänglich gemacht werden, so dass sich jeder Bürger am PC über die Eignung seines Hauses und die Kosten informieren kann. Über Details und Zeitplanung wird Horst Kienel, Geschäftsführer der Stadtwerke und Ahrensburgs Kämmerer, demnächst informieren.

„Die Stadt sollte mit gutem Beispiel vorangehen, am besten mit einer Selbstverpflichtung“, sagt Broekmans. Signalwirkung könnte die bald beginnende Sanierung des Rathauses haben, die dessen Energiebedarf um 70 Prozent mindern soll. Auch der verstärkte Einsatz von Blockheizkraftwerken, zum Beispiel im Badlantic, könnte zu mehr Energieeffizienz führen.

Klar ist aber auch, dass große Einsparziele ohne Engagement des privaten Sektors, also von Privathaushalten und Gewerbe, nicht zu erreichen sind. Insbesondere der Autoverkehr mit seinen Zuwächsen ist das Sorgenkind in der Ahrensburger Energiebilanz. „Ein emotional sehr schwieriges Thema in Ahrensburg“, sagt Broekmans.