Stormarn
Ahrensburg

Mehr Mensch, weniger Maschine!

Selbst denken statt klicken, tippen und wischen: Ein Plädoyer dafür, im Technik-Rausch nicht humanistische Werte aus den Augen zu verlieren

Ahrensburg. Wir denken nicht mehr, wir googeln. Wir reden nicht mehr miteinander, wir chatten. Wir schreiben keine Briefe mehr, wir whatsAppen. Wir spielen nicht mehr „Mensch ärgere Dich nicht“, sondern werfen im einsamen Klick-Kampf möglichst geschickt Bomben oder bezwingen Monster, um das nächste Level zu erreichen. Aber wozu das alles?

Wer diese Frage stellt, gilt schnell als technologiefeindlich. Einen schlimmeren Vorwurf kann man sich in der modernen Mediengesellschaft kaum einhandeln. Typisch, heißt es dann. Die Technik verteufeln und selbst jeden Tag am Computer sitzen und mit dem Handy telefonieren. Und dann wird ausgeholt zum ultimativen Schlag: „Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Das ist doch weltfremd.“ Das heißt: Wer die Segnungen der Technologie infrage stellt, ist ein Spinner.

Abgesehen davon, dass eine Gesellschaft ohne Spinner langweilig wäre, weil gerade Typen mit verrückten Ideen festgezurrte Denk-, Verhaltens- und Wertemuster einfach mal über den Haufen werfen, ist es gefährlich, Schubladen aufzumachen, um kritische Anmerkungen verschwinden zu lassen.

Aber warum reagieren viele so empfindlich, wenn Smartphone und Co. auf dem Prüfstand stehen? Vielleicht kommt es den Verfechtern des Modern Way of Life ja auch hin und wieder seltsam vor, nur noch Mails statt handgeschriebene Briefe zu verschicken, in der Bahn nur noch auf das Handy zu starren, statt aus dem Fenster zu gucken. Oder neben seinem Partner im Restaurant zu sitzen und sich mit jemand anderem am Telefon zu unterhalten. Da bleibt dem Begleiter nur noch übrig, genervt die Olive auf dem Teller hin- und herzurollen, mit dem Nachbarn am Nebentisch zu flirten, wegzugehen – oder selbst zum Handy zu greifen. Nach dem Motto: Was Du kannst, kann ich schon lange. Wett-Telefonieren. Auch ein Sport.

Es muss erlaubt sein, auch liebe, neue Gewohnheiten in Frage zu stellen. Es geht um den Erhalt der sozialen Kompetenz: Wie nehme ich meine Umwelt wahr? Was kann ich von den Menschen um mich herum lernen? Was kann ich ihnen geben? Wie kann ich sie vielleicht sogar für einen Moment glücklich machen? Es geht um die kommunikative Lust: Wie kann ich mich ausdrücken, meine Meinung vertreten, Menschen ansprechen und Freude am Fabulieren haben? Es geht um geistige Beweglichkeit: Wie kann ich mich von Mustern freimachen, immer wieder Neues entdecken, meine geistige Kreativität entwickeln und mir zutrauen, eigene Erkenntnisse zu gewinnen und zu vertreten? Mit einem Wort: Es geht um ein Menschsein ohne den Fifty-Fifty-Joker, das mehr abverlangt, als sich nur zwischen A und B entscheiden zu müssen. Um ein Durchdringen von Sachverhalten, das nicht auf vier vorgegebene Antworten angewiesen ist oder blind den Google-Weisheiten vertraut. Um Sinnhaftigkeit in der Begegnung mit Blicken in die Augen des Gegenübers statt auf das seelenlose Display.

Nehmen wir ein Beispiel: die Schule. Wie stark dürfen neue Medien den Unterricht bestimmen? Halt, ruft der Befürworter sofort. Es geht nicht ums Dürfen. Die jungen Leute müssen aufs Studium und aufs spätere Berufsleben vorbereitet werden. Wer mit der Maus auf Kriegsfuß steht und sich mit Windows, Word und World Wide Web nicht auskennt, hat schon verloren. Mag sein. Aber statt der muffigen Arbeitsbücher von früher jetzt nur noch auf Touchscreens zu setzen, die verführerisch leuchten, ist auch keine Lösung.

Still vor sich hin zu klicken und sich darüber zu freuen, dass der richtige Button bewegt wurde, ohne dass sich dafür in jedem Fall auch im Kopf etwas bewegt haben muss – das Prinzip „Trial and Error" gab es schon früher, nur damals hieß es: Du hast mal wieder nur geraten – ein solches Klicken kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Die Balance zwischen technischer Spielerei, die zugegebenermaßen Spaß macht und Kinder enorm motivieren kann, trockenem Pauken und der eigenen, geistigen Auseinandersetzung muss hergestellt werden. Denn auch was nicht Spaß macht, muss sein. Lernen ist oft anstrengend. Und auch das muss Schule vermitteln, damit die Kinder später nicht aufgeben, nur weil es nicht gleich klappt, weil nicht sofort irgendwo mit einem Klingeling die mit einem grünen Haken versehene Nachricht auftaucht: Bingo. Zehn Punkte.

Man hört schon die Gegenkritik. Das weltweite Netz eröffnet so viele Möglichkeiten, an Wissen heranzukommen, wie nie zuvor. Und überhaupt, simsen und mailen ist die direkteste und schnellste Kommunikation. Das stimmt. Aber es geht im Dialog eben nicht nur um das Tempo. Es geht um das Wie. Würde der Technologiefreak den Kritiker nicht umgehend in die Wüste schicken, würde er den Unterschied verstehen. Vielleicht konnte er aber auch nicht richtig zuhören, weil das Smartphone gerade eine hochwichtige E-Mail per Klingelton ankündigt. Der angeblich technologiefeindliche Geselle ist kein böser Feind. Kritisch und besorgt ist er dagegen auf alle Fälle. Und das muss erlaubt sein.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, hat Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. Er selbst nannte das später eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage. Gemeint war die politisch-ethische Dimension. Da hapert es nach wie vor. Die digitale Welt hat hingegen nicht für möglich gehaltene Technik-Fantasien längst überholt:. Wir können von überallher telefonieren, rund um die Welt jetten und chatten, über jeden Menschen, jedes Tier und jede Pflanze, über jede Stadt und jeden Laden, über jede Partei und jede noch so blöde Idee in Sekundenschnelle alles im Internet herausfinden – mit Bild und Ton und in Farbe. Wir können jeden Schritt, den wir tun, über Facebook einer riesigen Gemeinde fast zeitgleich mitteilen. Es ist atemberaubend. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Deswegen wird man wohl mal Luft holen dürfen, um zu fragen, ob dieses Tempo, diese Transparenz und dieser Technik-Hype gesund sind – oder sich auch hier der Gang zum Onkel Doktor empfiehlt. Der wäre unser kritischer Verstand, der uns dazu bringen könnte, auch mal Nein zu sagen und sich auf mitmenschliche Gegenmodelle zu besinnen, statt vor Glückseligkeit im Technik-Rausch zu verkümmern, autistisch und manipulierbar zugleich.