Ahrensburg

Frauen sollen Freiwillige Feuerwehr retten

Die personellen Engpässe der Löschtrupps bei Einsätzen am Tag will Kreiswehrführer Gerd Riemann mithilfe von Kameradinnen lösen

Ahrensburg. Frauen sind die Lösung. Das findet der Stormarner Feuerwehr-Chef Gerd Riemann. Statt – wie so viele Freiwillige Feuerwehrmänner bundesweit – über den Nachwuchsmangel zu klagen, denkt der Kreiswehrführer auf der Suche nach Lösungen in viele Richtungen. In sein Visier sind nicht nur die Jugendlichen aus dem Kreis, sondern vor allem die Stormarner Frauen gerückt.

88Freiwillige Feuerwehren gibt es im Kreis Stormarn. Laut der jüngsten Zahlen aus dem Jahresbericht 2012 löschen, retten und bergen 3222aktive Mitglieder im Kreis – ehrenamtlich nach Feierabend oder während der Arbeitszeit, wenn es Chef oder Chefin erlauben. Die Mitgliederzahl ist in den vergangenen Jahren relativ stabil geblieben – auch die der Frauen. 289der Mitglieder sind weiblich. Das sind zehn Frauen mehr an den Löschschläuchen als 2011. Riemann: „Es gibt fast in jeder Wehr Frauen.“ Die meisten Kameradinnen haben die ehrenamtlichen Retter in den Städten, wie etwa Ahrensburg und Bad Oldesloe. Der Feuerwehr-Chef will noch mehr Frauen für das Ehrenamt bei der Feuerwehr begeistern. Vielmehr noch: „Wir brauchen die Frauen“, sagt er. Es gebe in den Wachen nämlich immer viel zu tun.

Sechs Einsätze am Tag musste die Feuerwehr 2012 im gesamten Kreis durchschnittlich am Tag fahren. 2371Einsätze sind es im Jahr; macht 576Brände, 1080technische Hilfsleistungen wie etwa die Tierrettung oder Beseitigung von Gefahrengut, 380Einsätze wie Brandschutzschulungen und 407Einsätze, die sich bei Ankunft der Retter als Fehlalarmierungen entpuppt haben. Riemann: „Während der Abendstunden und in der Nacht ist es kein Problem, ausreichend Einsatzkräfte zu den Alarmierungen zu schicken, tagsüber gibt es aber einen Mangel.“ Grund sei, dass viele Feuerwehrmänner nicht an ihrem Wohnort arbeiten. Riemann: „Die meisten sind tagsüber in Hamburg.“ Besonders auf den Dörfern sei das ein richtiges Problem, aber auch die größeren Städte wie Ahrensburg und Bad Oldesloe hätten Defizite in der sogenannten Tagesbereitschaft.

„Hier könnten die Frauen ins Spiel kommen, die in Elternzeit sind oder ausschließlich im Haushalt arbeiten“, sagt Riemann, „natürlich gilt dasselbe für die Hausmänner.“ Es ginge um die einfache Frage, welche Personengruppen tagsüber in ihrem Ort oder ihrer Stadt bleiben und körperlich fit genug sind, um die Einsätze zu meistern. Ein Problem bleibt: die Kinderbetreuung. „Die jungen Mütter und Väter müssten sicher sein können, dass ihre Kleinen während des Einsatzes gut versorgt sind“, sagt Riemann. Denkbare Modelle seien Kooperationen mit benachbarten Kindergärten oder Tagesstätten. Auch eine Betreuung in den Wachen hält Riemann für denkbar. „Helfer oder Helferinnen, die nicht mit zum Einsatz fahren, könnten auf die Kinder aufpassen.“

Frauen gelten als empathischer und oft besser organisiert als Männer

Die Damen von der Ahrensburger Feuerwehr erfüllen nicht ganz Riemanns Vorstellungen. Sie sind allesamt berufstätig. Britta Wulf, 40 Jahre alt und Mutter, ist eine von ihnen: „Die traditionelle Rollenteilung gibt es in den Städten kaum noch.“ Die weiblichen Kameradinnen seien bei der Ahrensburger Feuerwehr hoch geschätzt, aus anderen Gründen, sagt Ahrensburgs Wehrführer Florian Ehrich. Seine Frau Solveig ist ebenfalls aktives Mitglied in der Ahrensburger Wehr. „Die Frauen bringen besondere Fähigkeiten mit“, sagt er. Damit meint Ehrich vor allem die sogenannten weichen Faktoren. „Frauen besitzen in der Regel mehr Empathie. Sie merken eher, dass ein Unfallopfer, das nicht verletzt ist, trotzdem manchmal Hilfe braucht. Beispielsweise einfach nur mal getröstet werden muss.“ Zudem seien Frauen oft besser organisiert, wenn es „drunter und drüber geht“.

Kraft brauchen die Damen ebenfalls. Eine Ausrüstung inklusive Atemflasche wiegt 35 Kilo. Im Ausbildungszentrum der Kreisfeuerwehr in Nütschau wird im Training simuliert, was Mann und Frau mit der schweren Ausrüstung leisten müssen. Etwa auf einer Endlos-Treppe, einem Stepper und einem Laufband jeweils zwei Minuten Gas geben. Danach müssen sich die Retter in einem Hitzeraum (wird auf 70 Grad erhitzt) durch ein Mini-Labyrinth den Weg bahnen. Anschließend gehts in völliger Dunkelheit durch die sogenannte Orientierungsstrecke. Mit Theaterrauch wird simuliert, was bei einem echten Brand zusätzlich die Rettung erschwert.

Die Frauen sehen das so: Im echten Einsatz würden sie ebenso anpacken wie ihre männlichen Kameraden. „Wir erledigen dieselben Aufgaben“, sagt Kerstin Belling. Die 27-Jährige ist seit 14Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr. In einem brennenden Haus löschen, bei Hitze bis zu 1000Grad, sich bei Dunkelheit durch den dichten Rauch kämpfen, davor haben sie und ihre Kameradinnen keine Angst. „Als Frau bei der Feuerwehr muss man anpacken können und darf sich für nichts zu schade sein“, sagt Belling. „Das Engagement nach Feierabend lohnt sich, man bekommt viel zurück“, sagt Viviana Pietruska, 22. Und zumindest in einer Feuerwehreinheit haben die Frauen bereits die Oberhand, Riemann: „In der Jugendfeuerwehr Witzhave sind 55 Prozent der Mitglieder weiblich.“