Milbenbefall

Stader Imker wollen ihre Bienen retten

Foto: Kerstin Lorenz

Ameisensäure und eine neue Strategie sollen im Kampf gegen die schädliche asiatische Varroa-Milbe helfen

Stade/Buxtehude. Sie brummen, summen und sind unüberhörbar, wenn sie unterwegs sind: Die Bienen. Auf einer Sommerwiese oder in Nutzgärten sind die Insekten wahre Wunder der Natur. Sie sorgen dafür, dass etwa ein Drittel unserer täglichen Ernährung mit Obst und Gemüse gesichert wird und Ökosysteme intakt bleiben.

Ein einziges Bienenvolk, zu dem etwa 20 000 bis 50 000 Arbeiterinnen gehören, kann an einem Tag bis zu drei Millionen Blüten bestäuben. Doch die Honigbienenbestände der Imker und auch die der Wildbienen sind in Gefahr. Ihnen droht ein sogenannter Völkerkollaps, der mit enormen Verlusten der Bienenvölker einhergeht. Größter Feind der Honigbienen ist die asiatische Varroa-Milbe, die eng mit den Zecken in Deutschland verwandt ist. Ende der 1970-er Jahre vermischten sich in Ostsibirien asiatische mit europäischen Bienen und schleppten dabei die Milben ein. Inzwischen sind weltweit Bienenvölker befallen. Die Varroa-Milbe vermehrt sich in der mit Wachs abgedeckten Bienenbrut, saugt auch von erwachsenen Bienen Blut und überträgt dabei Krankheiten.

Imker im Kreis Stade wollen Varroa-Milbe jetzt gezielt ausmerzen

Die Mitglieder des Kreisimkervereins Stade wollen jetzt die Varroa-Milben gezielt ausmerzen. "Mit einem speziellen Verdunster-Apparat wollen wir Ameisensäure so exakt dosieren, dass zwar der Saugrüssel der Milbe verätzt wird, jedoch unsere Bienen keinen Schaden nehmen", sagt Lars Kremp, Vorsitzender des Kreisimkervereins Stade. Wenn das neue Verfahren bei den rund 1700 Bienenvölkern des Stader Vereins Erfolg bringt, wäre das ein Meilenstein im Kampf gegen die gefährlichen Milben. Bislang seien alle Versuche, die Milbe zu bekämpfen kläglich gescheitert, weil auch die Bienen dabei mit zugrunde gingen.

"Ameisensäure haben die Bienen auch in ihrem Stachel, es ist also keine körperfremde Substanz", erklärt Kremp. Im geplanten Langzeitversuch sollen die Verdunster-Apparate (sie kosten etwa sechs Euro) so zum Einsatz kommen, dass die Völker in der Bienenbeute je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit gezielt bedunstet werden. Gelingt es, über drei Jahre die Bienen milbenfrei, stark und vital zu halten, wäre der Erfolg perfekt, so Kremp.

Wolfram Klein, Kernobstberater beim Obstbauversuchsring in Jork, koordiniert die Zusammenarbeit von Obstbauern und Imkern, damit die Bestäubung der rund 16,4 Millionen Obstbäume im Alten Land zu erfolgreicher Ernte führt. Er sagt: Momentan wirkt sich das Bienensterben nicht maßgeblich auf unsere Ernteerträge aus. Wir sind bislang so gut organisiert, dass wir genügend Imker haben, die ihre Bienen zum Einsatz bringen." Zudem sei die Bestäubungsleistung in diesem Frühjahr nicht an den Bienen gescheitert, sondern an der kalten Witterung.

Dass die Varroa-Milbe bekämpft wird, sieht Klein als wichtige Aufgabe zum Erhalt vitaler Bienenvölker. Ebenso wichtig sei es jedoch, sogenannte Blühstreifen-Projekte mit den Obstbauern gemeinsam zu realisieren. Bietet man den Bienen solche Blühstreifen mit Phacelia (Büschelschön), Kümmel, Koriander, Dill oder Sonnenblumen an, bekommen sie eine optimale Eiweißversorgung, damit sie gestärkt die Winterzeit überstehen und kräftig genug gegen die Milben bleiben.

"Varroa-Milben, Viren und Einsatz von Pestiziden tragen zum großen Bienensterben bei. Dazu kommt, dass immer mehr Imker die Bienenhaltung aufgeben", sagt Professor Kaspar Bienefeld vom Bienenforschungsinstitut der Berliner Humboldt-Universität. Die größten Verluste habe es 2002 und 2003 gegeben. "30 Prozent der Honigbienen gingen verloren. Wegen des strengen Winters 2009/2010 rechnen die Imker mit rund 20 Prozent Verlusten", so Bienefeld. Allerdings vermehren Imker ihre Völker und gleichen die Verluste wieder aus. Derzeit wird an der Zucht robuster Bienen geforscht. Aus nordeuropäischen Bienenrassen sollen sanftmütige, fleißige Honigproduzenten ausgewählt werden, die widerstandsfähig gegen Krankheiten und Parasiten sind. Die Forschungsergebnisse der Zuchtauslese werden in der zentralen Datenbank im Bienenforschungsinstitut gespeichert, damit Imker gezielt ihre Völker vermehren können.

Bienen erarbeiten in Deutschland rund 2,5 Milliarden Euro

Der Fleiß der Bienen ist bei der Bestäubungsarbeit ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor. "Allein in Deutschland erarbeiten Honigbienen 2,5 Milliarden Euro", sagt Bienefeld. Weltweit sei die Bestäubungsarbeit der Bienen mehr als 150 Milliarden Euro pro Jahr wert, errechneten Wissenschaftler in einer Studie. Etwa 20 000 Arten gehören weltweit zur Insektenfamilie der Immen, wie die Honiglieferanten auch heißen. Allein in Deutschland gibt es bei der Westlichen Honigbiene verschiedene Rassen, die sich in Form, Farbe und Flugverhalten deutlich unterscheiden. Neben den Honigbienen der Imker gibt es mindestens noch etwa 500 Wildbienenarten. Alle Wildbienen sind, wie auch Hummeln und Hornissen, streng geschützt.