Bundeswehrreform

Schließungen: Schleswig-Holstein am härtesten betroffen

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Im kommenden Jahr werden acht Standorte in Schleswig-Holstein komplett geschlossen. Weitere müssen mit starken Reduzierungen rechnen.

Kiel. Die Bundeswehrreform hat erhebliche Auswirkungen auf die Militärstandorte in Nordeutschland. Rund 25.000 Dienstposten werden in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern gestrichen. 14 Bundeswehrstandorte werden geschlossen. Dies gab das Verteidigungsministerium am Mittwoch bekannt.

Schleswig-Holstein büßt mit der Bundeswehrreform fast 11.000 von bisher 26.000 militärischen und zivilen Dienstposten ein. Dies gab das Verteidigungsministerium am Mittwoch bekannt. Acht Standorte werden komplett geschlossen. Darunter befinden sich Glücksburg mit dem Flottenkommando der Marine, Alt-Duvenstedt und Hohn mit dem Lufttransportgeschwader 63 sowie Lütjenburg mit seiner Heeresflugabwehrtruppe. Auch aus Bargum, Hürup, Ladelund, Lütjenburg und Seeth zieht die Bundeswehr ab. Die Abbaupläne für Boostedt bei Neumünster kommen faktisch einer Auflösung gleich. Dort sollen von 1980 Dienstposten nur 40 übrig bleiben. Stark betroffen ist auch Kiel mit einer Verringerung von 5290 auf 3590 Stellen. Für die künftige zentrale Marineführung ist Rostock vorgesehen.

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Glücksburgs Stadtrat John Witt kritisiert den vollständigen Abzug aus der Region. Witt sagte dem Abendblatt bereits vor Bekanntgabe der Standorte: "Für uns wäre die Schließung ein Super-GAU. Damit würden wir den größten Arbeitsgeber für die Stadt und das Umland verlieren." Witt könne die Entscheidung nicht nachvollziehen. Viel Geld sei in den Standort investiert worden. "Ein kompletter Abzug wäre daher völlig unsinnig", sagte er weiter.

Bargums Bürgermeister Bernd Wolf reagierte allerdings gelassen auf die Nachricht. "Wir sind nur noch ein ganz kleiner Dienstposten. Mit der Schließung sind wir am Ende der Fahnenstange jahrelanger Kürzungen angekommen", sagte er.

Im Ländervergleich ist Schleswig-Holstein vom Truppenabbau besonders stark betroffen. Die Zahl der Dienstposten pro 1000 Einwohner verringert sich von 9,2 auf 5,4. Damit verliert der Norden seinen Spitzenplatz in der Bundeswehrdichte an Mecklenburg-Vorpommern (6,4).

Niedersachsen verliert drei Standorte

In Niedersachsen werden drei der 46 Standorte geschlossen und 10.800 Dienststellen abgebaut. Geschlossen werden Schwanewede, Ehra-Lessien und Lorup mit insgesamt mehr als 1200 Dienstposten. In Niedersachsen gibt es derzeit noch insgesamt 51.600 Posten. In einer Vielzahl weiterer Standorte wird teils drastisch Personal abgebaut. Mit am stärksten betroffen sind Hannover, Lüneburg, Munster, Aurich, Delmenhorst oder Rotenburg, wo gleich mehrere hundert Stellen wegfallen.

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Lorups Bürgermeister Heinrich Kreutzjans bedauert die Schließung des Standortes. "Neben den 26 Arbeitsplätzen, die uns verloren gehen, bedauern wir es auch sehr, das nun die gute Zusammenarbeit mit der Bundeswehr zu Ende geht", so Kreutzjans.

Die Bürgermeisterin von Ehra-Lessien, Jenny Reissig, sieht in der Standortschließung dagegen eine Chance für die Gemeinde. "Wir haben schon länger damit gerechnet, deshalb haut uns die Schließung jetzt auch nicht um. Vor Jahren haben wir bereits die Flächen für die gewerbliche Nutzung freigegeben", sagte sie. Die Stadt erwarte daher keine großen wirtschaftlichen Einbußen. Es sei vielleicht sogar eine Chance, sich als Gemeinde in eine neue Richtung zu entwickeln.

Rostock wird aufgewertet

Mecklenburg-Vorpommern verliert im Zuge der Bundeswehrreform mehr als 3000 Dienstposten, behält aber weiterhin eine hohe Militärdichte. Neben den Standortschließungen in Trollenhagen, Rechlin (Mecklenburgische Seenplatte) und Lübtheen (Kreis Ludwigslust/Parchim) wird es weitere drastische Stellenstreichungen in der Marineschule Parow sowie in Neubrandenburg geben. An beiden Standorten sollen jeweils etwa 600 Dienstposten wegfallen.

Ute Lindenau, Bürgermeisterin von Lübtheen, zeigte sich enttäuscht über die Entsscheidung: "Wir können nicht verstehen, was man an so einem kleinen Standort noch sparen kann", sagte Lindenau dem Abendblatt. Von einer Schließung seien vor allem die Menschen in den zivilen Dienstposten betroffen, die ihren Heimatort in Lübtheen hätten und jetzt umziehen müssten. Es werde der Stadt enorme Wirtschaftskraft entzogen. "Das ist ein schwerer Schlag", so die Bürgermeisterin.

Peter Enthaler, Bürgermeister von Trollenhagen, sieht allerdings keinen Grund zur Sorge. "Noch wissen wir ja nichts genaues. Der Flughafen Trollenhagen besteht aus zwei Teilen: einem militärischen und einem zivilen. Wir wissen noch gar nicht, in welchem Umfang eine Schließung den Flughafen betreffen wird", sagte er dem Abendblatt. Auch der zeitliche Rahmen sei noch überhaupt nicht klar. "Aber morgen gehen hier mit Sicherheit noch nicht die Lichter aus und auch nicht in den nächsten zehn Jahren", so Enthaler.

Eine deutliche Aufwertung erfährt Rostock mit der Ansiedlung des Marinekommandos. Damit wird von der Hansestadt aus künftig die Deutsche Marine geführt. In dem Kommando werden neben dem Marineamt, das bereits in Rostock arbeitet, der Führungsstab Marine, der in der Bonner Hardthöhe beheimatet ist, und das Flottenkommando aus Glücksburg (Schleswig-Holstein) aufgehen. Damit wird auch der Marine-Inspekteur in der Hansestadt arbeiten. Seit April 2010 ist Vizeadmiral Axel Schimpf Chef der deutschen Seestreitkräfte.

Mit den geplanten Änderungen käme Mecklenburg-Vorpommern verhältnismäßig glimpflich davon. Mit künftig 6,4 Dienstposten je 1000 Einwohner hätte das Land dann die bundesweit höchste Militärdichte. Bislang sind es 8,6, womit das Land Platz zwei hinter Schleswig-Holstein einnimmt, das deutlich mehr Stellen abbauen muss. Im Bundesdurchschnitt sind es derzeit 3,4 Dienstposten je 1000 Einwohner. An den 23 Standorten im Nordosten sind bislang 11.500 Soldaten stationiert und 2700 Zivilpersonen beschäftigt.

Im Zuge der Bundeswehrreform werden 31 der bundesweit knapp 400 Standorte geschlossen. 90 weitere sollen drastisch verkleinert werden. Die Standortentscheidung ist die letzte wichtige Weichenstellung der Reform nach dem Aussetzen der Wehrpflicht sowie der Festlegung der Truppenstärke und der Grobstrukturen. Die Bundeswehr soll von ursprünglich 250.000 auf 170.000 bis 185.000 Soldaten schrumpfen. Das Bundeskabinett billigte das Konzept von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) zur Schließung zahlreicher Bundeswehr-Kasernen am Mittwochmorgen. (dpa/dapd/abendblatt.de)