Bundeswehrreform

Streichungen: Der Norden sorgt sich um seine Soldaten

Standorte in Glücksburg und Eckernförde stehen offenbar vor der Schließung. Das Land Niedersachsen trifft es wohl besonders hart.

Hamburg. Es ist das derzeit am besten gehütete Geheimnis der Bundeswehr. Welche Standorte werden im Zuge der Bundeswehrreform geschlossen? Welche Gemeinden müssen damit rechnen, einen wichtigen Arbeitgeber zu verlieren? Welche Soldatenfamilien werden auseinandergerissen oder müssen in die Fremde ziehen? Bis zuletzt will Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) eisern schweigen - keine Stadt, kein Bundesland soll sich vorzeitig gegen den Plan in Position bringen können. Pressesprecher der Bundeswehr beteuern am Telefon, sie könnten nichts sagen. Nicht nur, weil sie nicht dürften. Sondern weil es noch keine Informationen gebe. Denn der Minister hebe sich die Entscheidung über die Zukunft einzelner Kasernen für den letzten Augenblick auf.

Erst heute Mittag will der CDU-Politiker die Liste des Schreckens auf einen Schlag öffentlich machen. De Maizière ist sich bewusst, wie folgenreich die Veröffentlichung sein wird: "Das wird zu gewaltigen Veränderungen führen", sagte der CDU-Politiker gestern. Doch trotz der Geheimhaltung meldete die Nachrichtenagentur dapd, sie habe aus Bundeswehrkreisen Einzelheiten über die Reform erfahren. Wahrscheinlich würden rund 30 bis 40 der etwa 400 Standorte der Streitkräfte geschlossen. Von der Marine sollen demnach nur zwei Standorte geschlossen werden: der Marinestützpunkt Eckernförde und das Flottenkommando Glücksburg. Das Kommando wird den Kreisen zufolge entweder nach Kiel oder nach Rostock verlegt. In anderen Standorten soll die Mannschaftsstärke "stark reduziert werden". Am Standort Glücksburg arbeiten derzeit rund 800 Soldaten und Zivilisten, in Kiel sind es momentan 2700. Auch die "Bild"-Zeitung meldete, es sollten 30 Standorte geschlossen werden. Dazu solle es 58 Standortverkleinerungen geben. Mittel für mögliche Ausgleichsmaßnahmen für die geschlossenen Standorte sollen aus den Etats von Bund und Ländern kommen, hieß es.

+++Carstensen will Bundeswehr-Standorte im Norden erhalten+++

Eine Bestätigung für die Meldungen war von der Bundeswehr gestern nicht zu erhalten. Tatsächlich gibt es bereits seit Monaten immer wieder Berichte, dass das Flottenkommando nach Kiel oder Rostock ziehe. John Witt, der hauptamtliche Stadtrat von Glücksburg, kritisierte im Abendblatt das Auswahlverfahren. "Eine Beteiligung der Kommunen hat es nie gegeben." Seine Kommune sei lediglich auf einer Info-Veranstaltung über eine anstehende Entscheidung unterrichtet worden. Unter den 6000 Glücksburgern macht sich nun Sorge breit. Zahlreiche Einwohner arbeiten selbst für die Bundeswehr, viele Geschäfte und Vereine sind auf die Kaufkraft der Bundeswehr-Soldaten und -Angestellten angewiesen. "Wenn es zum Bundeswehr-Abzug kommen sollte, ist das ein schwerer Einschnitt", warnt Witt. "Dann erwarten wir für diesen Fall von Bund und Land schnell entsprechende Konversionsmittel."

Ingo Gädechens, Verteidigungsexperte der CDU im Bundestag, sagte dem Abendblatt: "Die Gerüchte um die Standortschließung in Eckernförde halte ich für eine Ente." Er hoffe, dass Schleswig-Holstein auch nach der Reform das Bundesland mit der höchsten Militärdichte bleibe. Vor allem das Spezialpionier-Bataillon in Husum dürfe nicht zugunsten des süddeutschen Standortes Speyer geschlossen werden. "Denn die Einheit ist für Schleswig-Holstein auch beim Katastrophenschutz von großer Bedeutung", sagte Gädechens.

Rund 28 700 militärische und zivile Dienstposten hat die Bundeswehr in Schleswig-Holstein. Mehr als 6000 bis 7000 davon dürften nicht gestrichen werden, fordert Hans-Peter Bartels, Verteidigungsexperte der SPD im Bundestag. "Alles andere würde das Bundesland überproportional hart treffen. Das wäre nicht gerecht." Die 200 Millionen Euro im Bundeshaushalt für das Begleitprogramm der Reform halte er für sehr knapp bemessen. "Es wäre von großer Bedeutung, dass der Bund in anderen Behörden Stellen für Angestellte der Bundeswehr schafft. Nur so lässt sich die Reform sozialverträglich gestalten", betonte Bartels.

Dieter Petersen, Vorsitzender Bundeswehrverband Nord, sagte dem Abendblatt: "Ich rechne damit, dass von 40 Standorten etwa 30 in Schleswig-Holstein übrig bleiben." Die sozialen Folgen der Reform würden für die Soldaten und zivilen Angestellten der Bundeswehr im Norden immens sein. "Deshalb fordern wir einen Rettungsschirm für die Betroffenen. Die soziale Absicherung der Soldaten muss gewährleistet sein, aber auch die Unterstützung bei Umzügen oder anderen Auswirkungen auf das Familienleben."

Niedersachsen werden die Pläne aller Voraussicht nach hart treffen. Auf 1000 Einwohner kommen etwa 6,9 Soldaten. Der Bundesdurchschnitt beträgt 3,5. Zwischen Nordsee und Harz gibt es 46 Bundeswehrstandorte mit 51 500 militärischen und zivilen Dienstposten. Als größter Standort des Heeres in Norddeutschland gilt Munster mit 6670 Dienstposten. Mit 4000 Soldaten ist Seedorf der drittgrößte Standort in Niedersachsen. Spekulationen zufolge könnte dorthin die in Oldenburg stationierte Luftlandebrigade 31 mit etwa 1000 Mann verlegt werden. Zudem wird vermutet, dass der Stab der 1. Panzerdivision, derzeit in Hannover, nach Oldenburg verlegt wird. Etwa 400 Soldaten müssten dann nach Oldenburg wechseln.