Schleswig-Holsteins CDU

Die verhängnisvolle Affäre des Christian von Boetticher

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Die Affäre mit einer Schülerin versetzt der politischen Karriere des CDU-Hoffnungsträgers, Christian von Boetticher, einen herben Schlag.

Kiel. Christian von Boettichers Sündenfall kommt nicht ganz aus heiterem Himmel. Seit einigen Wochen deuteten CDU-Politiker im und um das Kieler Landeshaus an, dass "CvB" eine "Leiche im Keller" habe. Der 40-Jährige hält sich gegenüber Journalisten strikt an die Devise, sein Privatleben gehe niemanden etwas an. Manchem Parteifreund erzählt er allerdings von einer Schülerin aus dem Raum Köln, die er über das soziale Netzwerk Facebook kennen- und lieben gelernt habe.

+++Nach Rücktritt von Boettichers - Quo vadis CDU?+++

In der CDU-Landtagsfraktion mag man das zunächst nicht glauben. Viele gehen davon aus, dass der Fraktionschef mit der früheren Hamburger CDU-Sprecherin Anna Christina Hinze liiert ist. Diesen Eindruck hat von Boetticher nicht nur im kleinen Kreis erweckt, sondern auch öffentlich. Vor gut einem Jahr, bei der Hochzeit des damaligen Hamburger CDU-Fraktionschefs Frank Schira, deutete von Boetticher an, dass auch er über den Bund fürs Leben nachdenke. Die Beziehung zu dem Mädchen hatte er offenbar gerade beendet.

Von der Affäre eingeholt wird von Boetticher Mitte Juli, als Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) ihn ob der Gerüchte ins Gebet nimmt. Der Regierungschef, der seinen politischen Ziehsohn zum Fraktionschef, Parteivorsitzenden und Spitzenkandidaten machte, nimmt kein Blatt vor den Mund. Er sagt von Boetticher, dass die Liebesgeschichte - auch wenn sie möglicherweise juristisch harmlos sei - politisch verheerend wirken könne. Carstensens Empfehlung an seinen bisherigen Kronprinzen: Er möge "die richtigen Schlüsse" ziehen. Eine kaum verhüllte Aufforderung zum Rücktritt.

Von Boetticher blockt ab. Vertraute berichten, dass der Jurist sich auf die strafrechtliche Sichtweise seiner "großen Liebe" versteift, die politische Dimension unterschätzt oder sogar ausblendet. Dafür holt von Boetticher einen Krisenmanager an Bord, den Kommunikationsberater Jost Springensguth. Der einstige Pressesprecher der CDU-Landtagsfraktion gehörte in den 90er-Jahren zur ersten Mediengarde in Schleswig-Holstein und später in Nordrhein-Westfalen, half schon 2009 Carstensen im Wahlkampf.

Von Boetticher wartet erst einmal ab, scheut die Offensive, obwohl immer mehr Parteifreunde über das Verhältnis zwischen dem Spitzenpolitiker und dem Mädchen tuscheln: über Facebook, wo das Herz des Mädchens für von Boetticher entflammte, über erste Kontakte, die es angeblich schon im Herbst 2009 gab, über Besuche der Schülerin in seinem Wohnort Pinneberg und über den Schlussstrich, den von Boetticher wohl im Sommer 2010 zog.

Doch in der CDU-Führung steigt die Nervosität, weil der Kreis der "Mitwisser" wächst und von Boetticher nicht erkennen lässt, ob er die Affäre bis zum Ende der Sommerpause am heutigen Montag beichten und wie er die Union unbelastet in den Wahlkampf führen will. Dem Landesvorstand wird es zu bunt. Insbesondere Vize-Parteichefin Angelika Volquartz, einst Kieler Oberbürgermeisterin, drängt auf eine Klärung. Sie schaltet auch eine mächtige Duzfreundin ein: die CDU-Bundesvorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Diese legt von Boetticher angeblich nahe, Konsequenzen zu ziehen.

Am Wochenende eskaliert die Lage. Erste Medien berichten über von Boettichers einstige junge Gefährtin. Der Parteichef zieht die Notbremse, beruft auf Druck des geschäftsführenden Landesvorstands eine Sondersitzung für Sonntagabend ein. "Er will nicht aufgeben", sagt ein CDU-Spitzenfunktionär noch kurz vor dem Krisengipfel. "Er ist politisch tot, will es aber nicht wahrhaben", meint ein anderes Vorstandsmitglied. "Ein Verhältnis mit einer Minderjährigen geht gar nicht." Von Boetticher könne kaum Wahlkampf machen, weder für die CDU als Familienpartei noch für sich als "Landesvater" werben.

Gestern Nachmittag stellen sich die ersten CDU-Fürsten gegen ihren Spitzenmann. In der Krisensitzung am Abend macht von Boetticher reinen Tisch und erklärt drei Stunden später öffentlich seine Liaison mit dem Teenager auch damit, dass im Frühjahr 2010 noch nicht absehbar gewesen sei, dass der Landtag vorzeitig bereits 2012 gewählt werde. Von Boetticher versagt die Stimme. Er schluchzt, bricht in Tränen aus. Volquartz reicht ein Taschentuch.

Das Mitleid in der CDU hält sich aber in engen Grenzen. Einige Christdemokraten sind ohnehin der Meinung, dass von Boetticher der falsche Spitzenkandidat für die Landtagswahl am6. Mai ist. Selbst ein bitterer Neuanfang, sagen sie, ist besser für die Partei.

Bei der Kritik mag auch Neid mitspielen. Von Boetticher hat eine Karriere wie aus dem Bilderbuch hingelegt. In Hannover zur Welt gekommen, in Halstenbek getauft und in Appen-Unterglinde aufgewachsen, steigt er mit 16 in die Schüler-Union ein, mit 17 in die Junge Union, mit 18 in die CDU. Mit 24 sitzt der promovierte Jurist im Pinneberger Kreistag, mit 29 schon im Europäischen Parlament.

In die Landespolitik gerät von Boetticher, der als Einzelgänger gilt, eher zufällig. Als Carstensen 2004 Kandidaten für sein Schattenkabinett sucht, schlägt der damalige Präsident der Unternehmensverbände Nord, Hans Heinrich Driftmann aus Elmshorn, von Boetticher als Politiker mit Perspektive vor. Carstensen macht den Adligen zum Bauernminister, damit er Land und Leute kennenlernt.

Von Boetticher übersteht die harten Lehrjahre, kann bei Carstensen punkten und steigt zum Kronprinzen auf: Nach der Wahl 2009 wird er Fraktionschef, im September 2010 übernimmt er von Carstensen den Parteivorsitz, lässt sich im Mai zum Spitzenkandidaten ausrufen. Die ordentlichen Wahlergebnisse können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer mehr Christdemokraten daran zweifeln, ob von Boetticher das Zeug zum Ministerpräsidenten hat. Angelastet werden ihm vor allem persönliche Defizite. Der Partei- und Fraktionschef gilt als "kommunikationsfaul" und "beratungsresistent", weil er seine Politik kaum abstimmt und zu Alleingängen neigt. Für Irritationen sorgt auch von Boettichers Faible für die High Society. Der Politiker zeigt elitäre Züge, genießt das Polo auf Sylt mit Schampus ebenso wie seine Auftritte in Hamburg. Er ist Mitglied der Atlantik-Brücke, oft Gast im Übersee- und Anglo-German Club und, wie manche spötteln, häufiger in Hamburg als in Kiel unterwegs.

Die Nähe zu Hamburg zeichnet von Boetticher auch aus. Der Pinneberger gehört in der Nord-CDU zu den "Modernisierern", für die eine Landesgrenze nicht in Stein gemeißelt ist und Hamburg ein Partner in einem Nordstaat sein könnte. Anders als Carstensen weiß von Boetticher zudem wie kaum ein anderer Landespolitiker in Schleswig-Holstein, wie die Hamburger Politik tickt.

Kapital hat der CDU-Politiker daraus aber bisher kaum geschlagen. Für Schlagzeilen sorgt von Boetticher dafür mit seinem Faible für das soziale Netzwerk Facebook. Der Junggeselle hält über Monate mehr als 2000 Freunde im Internet darüber auf dem Laufenden, wie es ihm gerade geht. Die Reißleine zieht von Boetticher nach einer Panne. Er lässt sich "aus Termingründen" bei einer wichtigen Sitzung entschuldigen, postet aber, dass er sich die Mondfinsternis anschauen wolle.

Seitdem baut von Boetticher seinen Facebook-Auftritt um. Er setzt seine bisherigen Freunde vor die Tür und beschränkt sich auf eine Fan-Seite, um die üblichen politischen Botschaften zu vermitteln. Durch die Umstellung können Anhänger nicht mehr so leicht wie vorher direkt mit von Boetticher kommunizieren. Wirklich geschlossen ist die Kontaktbörse aber nicht.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt bisher nicht. Nach dem Strafgesetzbuch ist eine Liebesbeziehung zwischen einem Mann (ab 21) und einem Jugendlichen (ab 16) legal. Selbst mit einem Mädchen unter 16 ist sie nur strafbar, wenn die erwachsene Person eine "fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt". Als Strafe würden in einem solchen Fall bis zu drei Jahre Gefängnis drohen.