Leitartikel

Eine Frage der Moral

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Christoph Rind

CDU-Spitzenmann Christian von Boetticher und die Grenzen des Privaten.

Niemand hatte daran gezweifelt: Anfang November wird Schleswig-Holsteins CDU-Spitzenmann Christian von Boetticher die Rolle einnehmen, für die es vor der formalen Nominierung nur einen saloppen Titel gibt: Kronprinz von Regierungschef Peter Harry Carstensen. Gestern platzte dieser Traum. Eigentlich sogar schon früher. Nämlich genau zu der Unzeit, als sich der heute 40 Jahre alte Anwalt entschloss, den Facebook-Kontakt mit einer 16-Jährigen zu einer wirklichen Liebesbeziehung auszubauen. Sein Gönner und Förderer Carstensen hat die Sprengkraft der - inzwischen beendeten Liaison - sofort erkannt. Sind erst "Gerüchte" in Umlauf, kann niemand mehr die Affäre geheim halten. Carstensen muss überzeugt gewesen sein: Die Öffentlichkeit hätte die ungewöhnliche Beziehung nie akzeptiert.

Warum eigentlich nicht? Schließlich hat niemand gegen Gesetze verstoßen. Sogar das "familiäre Umfeld" war einverstanden. Erwarten wir ein Übermaß Moral an der politischen Spitze? Welche Maßstäbe gelten für Politiker? In einer Zeit, in der Freiheit und Individuum so viel bedeuten und althergebrachte "Sitten" mit Recht in Frage gestellt werden? Sollen, ja müssen Politiker nach strengeren Regeln leben, als wir das von Freunden und Bekannten, von Verwandten oder Nachbarn erwarten?

In diesem Konflikt ist schon Ole von Beust gescheitert. Sein Rücktritt im Sommer 2010 war stark geprägt von einem allgemeinen Überdruss, länger die öffentliche Last zu tragen, vermischt mit einer Sehnsucht nach mehr Privatem und weniger öffentlicher Neugier darüber, ob ein gleichgeschlechtlicher Partner Jahrzehnte jünger sein darf. Verlangen wir von Politikern verlogene Doppelmoral?

Nein, niemand will zurück in die bundesrepublikanischen Kinder- und Jugendjahre, als eine Scheidung als Makel galt oder politische Gegner wegen ihrer unehelichen Geburt beschimpft werden konnten. Hinter vorgehaltener Hand wurde noch mehr geflüstert. Dennoch blieb manches Private privat und störte Politkarrieren nicht. Als Gerhard Schröder, damals Niedersachsens Regierungschef, die Trennung von seiner Frau Hiltrud über die Staatskanzlei verbreiten ließ, zerbrach "die schöne Bonner Schein-Welt, in der die Intimsphäre noch respektiert wurde", schrieb 1996 der "Spiegel". Was zuvor als typisch amerikanisch galt, war auch bei uns kein Tabu mehr: Spitzenkandidaten zogen mit Familie in den Wahlkampf.

Ade, Privatleben! Nichts bleibt mehr verborgen, wenn jeder, der ein fototaugliches Handy besitzt, zum Leserreporter mutieren kann. Wer etwas verbergen will, hat verloren.

So war auch der Boetticher-Absturz nicht aufzuhalten. Er hat gleich mehrere Opfer: Wieder mal ist das Image des nördlichsten Bundeslandes beschädigt, das immer noch unter bösen Erinnerungen leidet wie an Barschels Watergate oder Heide Simonis' Abstimmungsdesaster. Des Weiteren zwingt die Affäre eine geschwächte CDU zur schwierigen Suche nach einem neuen, geeigneten Kandidaten. Außerdem endet eine vielversprechende politische Karriere. Und die Chancen der Nord-CDU auf eine abermalige Regierungsbeteiligung sind seit gestern gesunken.

Dennoch ist Mitleid fehl am Platz. Wer hohe Ämter innehat und höhere anstrebt, wer Verantwortung für die Gemeinschaft trägt, muss sich auch als Privatperson fragen, ob das Verhalten dem Publikum gefällt und vor allem jenen, die man als Gewählter vertritt.

Politiker sind mehr als Manager des Gemeinwohls. Sie werden in eine Vorbildrolle gedrängt. Die Kunst besteht darin, ein feines Gespür zu entwickeln, wo die oft schwer zu erkennende Linie verläuft zwischen dem, was noch verziehen, und dem, was nicht mehr tragbar ist. Christian von Boetticher hat einmal kräftig danebengetreten.

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