Kreis Pinneberg

Stieftochter gewürgt und geköpft: Tornescher will aussagen

| Lesedauer: 6 Minuten
Arne Kolarczyk
Olaf P. versteckt zum Prozessauftakt sein Gesicht hinter einem Aktenordner.  Links neben ihm seine Verteidigerin Katja Münzel.

Olaf P. versteckt zum Prozessauftakt sein Gesicht hinter einem Aktenordner. Links neben ihm seine Verteidigerin Katja Münzel.

Foto: Arne Kolarczyk

Olaf P. steht in Itzehoe vor Gericht. Hinterbliebene können sich die schreckliche Tat nicht erklären und hoffen auf Antworten.

Tornesch/Itzehoe. In Handschellen wird Olaf P. am Donnerstag in den großen Saal des Landgerichts Itzehoe geführt. Sein Gesicht versteckt der bullige Tornescher mit dem Schnauzbart hinter einem Aktenordner vor den Fotografen. Als er den Ordner wegnimmt, guckt der 55-Jährige starr nach vorn, nimmt von den vielen Zuschauern hinter ihm keine Notiz. Als Staatsanwältin Maxi Wantzen wenig später die Anklageschrift verliest, kämpft Olaf P. mit den Tränen.

Dieser Mann hat am 21. August 2019 in Tornesch ein abscheuliches Verbrechen begangen, in seinem Haus am Neuendeicher Weg seine Stieftochter Nina T. (36) ermordet. Im Ermittlungsverfahren hat er dies zugegeben – und will sich nächsten Mittwoch auch während des Prozesses zu den Vorwürfen einlassen. Die grausigen Details der Tat, die in der Anklageschrift aufgelistet sind, lösen unter den Besuchern ein ums andere Mal ein Raunen aus.

Angeklagter hat die Tat bei der Polizei gestanden

Auch der Lebensgefährte des Opfers, der zu einem späteren Zeitpunkt als Zeuge aussagen soll, ist im Saal. Er und Nina T., die in der Altenpflege gearbeitet haben soll, haben einen elf Jahre alten Sohn. Er ist Nebenkläger in dem Verfahren – und wird vom Anwalt Thomas Erdmann vertreten. „Die Familie beschäftigt die Frage, warum die Frau sterben musste“, sagt der Jurist.

Stiefvater Olaf P., der für eine Fluggesellschaft gearbeitet haben soll, habe die Tat zwar gestanden, zum Motiv jedoch kaum Angaben gemacht. „Wir hoffen jetzt auf befriedigende Antworten, bisher ist das alles für uns völlig unerklärlich“, sagt der Opferanwalt. Sein Mandant sei vom Tod der Mutter tief traumatisiert, für ihn sei eine „Welt zusammengebrochen“. Neben den erhofften Antworten werde die Nebenklage auf die Zahlung eines Hinterbliebenengeldes sowie entgangenen Unterhalt pochen.

Opfer hatte sich kurz vor der Tat von seinem Partner getrennt

Doch kein Geld der Welt wird dem Jungen den Verlust der Mutter ersetzen können. Am Tattag hat er seine Mutter ein zweites Mal verloren. Denn wenige Tage zuvor hatten sich die Eltern vorerst räumlich getrennt – der Alkoholsucht Nina T.s wegen, die der Erziehung des Kindes nicht zuträglich war. Die 36-Jährige kam bei ihrem Stiefvater unter. Die Trennung von ihrem Kind sollte wohl so etwas wie ein Warnschuss sein, ihr die Augen öffnen und helfen, vom Alkohol wegzukommen.

Doch es kam anders. Denn Olaf P. war laut der Anklage mit der Betreuung der alkoholkranken Stieftochter, die erst einen Tag vor der Tat dauerhaft bei ihm Quartier genommen hatte, total überfordert. „Keine andere Lösung“ habe er gesehen, als sie umzubringen, so die Staatsanwältin. Laut Anklage schlich sich P. frühmorgens in das Wohnzimmer des Hauses, wo die Stieftochter auf dem Sofa schlief. „Das Opfer war arg- und wehrlos“, sagt Wantzen. Sie hat daher Mord aus Heimtücke angeklagt.

Psychologen sprechen von Übertötung

Was sich im Wohnzimmer des weiß getünchten Einfamilienhauses ereignet hat, wird in der Psychologie allgemein als Übertötung bezeichnet. Laut Anklage schlug Olaf P. zunächst mit einer Hantel auf den Nacken der schlafenden Frau ein, ehe er sie strangulierte und dann mit einem Küchenmesser „zigfach auf den Oberkörper des Opfers einstach“, wie es Wantzen formulierte.

Und auch das schlimmste Detail konnte sie den Prozessbesuchern nicht ersparen. Demnach umwickelte der Angeklagte Hals und Gesicht der Frau mit Klebeband, trennte ihr den Kopf ab und legte ihn auf das Sofa. Zu diesem Zeitpunkt war Nina T. bereits nicht mehr am Leben.

Warum Olaf P. dies tat, das will ebenso wie die Hinterbliebenen der Frau Psychiater Dr. Arno Deister wissen. Der Chefarzt des Zentrums für Psychosoziale Medizin des Klinikums Itzehoe nimmt als Sachverständiger an dem Verfahren teil. Er soll beurteilen, ob der 55-Jährige voll oder eventuell nur eingeschränkt schuldfähig ist – möglicherweise bedingt durch eine psychische Erkrankung. Eine dauerhafte Einweisung des Torneschers in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung steht nicht zur Debatte. „Wir befinden uns im Strafverfahren, nicht im Sicherungsverfahren“, sagt dazu Staatsanwältin Wantzen.

Stieftochter geköpft: Urteil könnte Ende März fallen

Am Ende des Prozesses könnte, wie bei Mordverfahren oftmals üblich, eine Verurteilung zu lebenslanger Freiheitsstrafe stehen. Sollte die aus drei Berufsrichtern und zwei Schöffen bestehende Schwurgerichtskammer auch die besondere Schwere der Schuld feststellen, wäre eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren Gefängnis ausgeschlossen.

Sechs Verhandlungstermine hat die Kammervorsitzende Isabel Hildebrandt angesetzt. 17 Zeugen sollen gehört werden, ein Gutachten der Hamburger Rechtsmedizin zur Todesursache und den Todesumständen der Frau sowie die Psychoanalyse des Angeklagten durch Arno Deister stehen auf dem Programm. Läuft alles wie geplant, könnte das Urteil bereits Ende März fallen.

Doch schon der erste Verhandlungstag, an dem nur die Anklage verlesen werden sollte, verlief anders als geplant. Mehr als eine Stunde lang saßen die Prozessbeteiligten und die Besucher untätig herum, weil einer der Schöffen den Termin verschwitzt hatte. Er wurde schließlich telefonisch vom Gericht erreicht und eilte herbei, das Verfahren begann deutlich verspätet.

Angeklagter will am Mittwoch aussagen

Am Mittwoch geht es weiter. Für diesen Termin kündigte Katja Münzel, die Pflichtverteidigerin des Angeklagten, eine Aussage ihres Mandanten an. Alles andere als eine geständige Einlassung, wie sie bereits bei der Mordkommission erfolgt ist, wäre eine Überraschung. Viele der Prozessbesucher werden dann wieder zugegen sein. Es handelt sich um Freunde und Bekannte des Opfers wie etwa den Großvater der Getöteten. Sie alle eint die Frage nach dem Motiv des Angeklagten.

Nina T., die noch mehrere Brüder gehabt und ihre Mutter vor einigen Jahren infolge einer Krebserkrankung verloren haben soll, hatte angeblich nicht das allerbeste Verhältnis zu ihrem Stiefvater. Warum dieser aber zu ihrem Mörder wurde, das wird zur zentralen Frage des Prozesses werden.

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