Ellerbek

Flüchtlinge – Was von der kalten Heimat übrig blieb

| Lesedauer: 8 Minuten
Katja Engler
Privatfotos von Rüdiger Stüwe, der in Ostpreußen geboren wurde und mit fünf Jahren von dort fliehen musste

Privatfotos von Rüdiger Stüwe, der in Ostpreußen geboren wurde und mit fünf Jahren von dort fliehen musste

Foto: Privat

Erinnerungen: Ellerbeker Rüdiger Stüwe schildert in seinem Buch eine Flucht aus Ostpreußen, wie sie viele sie erlebt haben.

Ellerbek. Frieda Stüwe ist eine mutige, kämpferische Frau: Im Februar 1945 flieht die junge Witwe mit ihrem fünfjährigen Sohn Rüdiger und seinem kleinen Bruder Hartmut aus Ostpreußen. Zwei Tage lang marschieren sie über das zugefrorene Haff von Heiligenbeil nach Pillau. Rüdiger hat 39 Grad Fieber. Die Kinderhände hält sie eisern umklammert und murmelt stoisch den Satz: „Immer schön festhalten!“ Bis sie vor einer Menschenmauer stehen. Alle warten auf eine Schiffspassage. 28.000 Flüchtlinge statt der errechneten 8000. Frieda schafft es.

Nach gut zehn Jahren akribischer Forschungsarbeit und vielen Gesprächen mit noch Lebenden – der Mutter, Großmutter, den Tanten – hat der pensionierte Lehrer Rüdiger Stüwe (80), der in Ellerbek lebt, ein Buch über seine von den beiden Weltkriegen zerrüttete Familiengeschichte veröffentlicht: „Ich hatte Ellenbogen – eine streitbare Frau aus Ostpreußen“ ist im Anthea-Verlag erschienen. Ein Familienporträt.

Stüwe: War er ein überzeugter Nazi?

In langsamem Tempo und bruchstückhaft beginnt Rüdiger Stüwe zu erzählen und sich seinen dringlichsten Fragen als Flüchtlingskind und Sohn des 1942 in Russland gefallenen Vaters zu nähern. Was war mein Vater für ein Mensch? War er ein überzeugter Nazi? Warum war meine Mutter so kühl? Wo liegt meine und wo lag ihre Heimat: in Ostpreußen oder in Schneverdingen, wohin es uns als Flüchtlinge verschlug?

Wird Stüwe persönlich, treten die eigenen Verletzungen zutage. Mit dem frühen Vater- und Heimatverlust ist er bis heute nicht fertig geworden, noch immer träumt er vom ihm und vom Krieg.

Erst im Verlauf des Buches dringt Stüwe zur eigenen, oft schwer beschreibbaren Gefühlslage vor. Dieses Schicksal teilt er mit Tausenden, die zur selben Zeit aus den deutschen Ostgebieten fliehen und sich fortan zusammenreißen müssen, obwohl sie schwer traumatisiert sind. Die eigene Familiengeschichte ergänzt er das ganze Buch hindurch mit sauber recherchierten, passgenau eingefügten historischen Fakten. Da seine Mutter eine eifrige Sammlerin war, helfen ihm all die Rechnungen, Lebensmittelmarken oder Briefe aus ihrem Nachlass, die Erinnerungen und Geschichten zu illustrieren.

Warum er das Buch überhaupt schrieb? „Ich spürte, dass das ja auch meine Geschichte war“: So schildert er, was in ihm vorgeht, als er nach Mutters Tod 2007 Briefe und Fotos sichtet. „Oma, erzähl doch mal was von früher“, heißt ein Kapitel des Buches. „Es fußt auf meiner Überzeugung, dass die nachfolgenden Generationen ohne das Wissen um die Vergangenheit ihrer Familie und die Geschichte der eigenen Nation keine festen Wurzeln haben können“, schreibt Stüwe.

Lieblingsoma erzählt: „Was ham wir da gearbeetet.“

Ist er mit der Verharmlosung der Geschehnisse konfrontiert, empfindet er es bis heute als Verpflichtung, dieser „entschieden entgegenzutreten. Und ich begrüße alle Bemühungen, die Erinnerung an die damaligen Verbrechen wachzuhalten, in den Nachforschungen nicht nachzulassen, im Kampf um die Erinnerung fortzufahren“, schreibt der Autor.

Der früheste innerfamiliäre Schock, der die nachfolgenden Generationen beschädigt, ist der Tod des Großvaters 1916 im Ersten Weltkrieg. Omelie, die Lieblingsoma von Rüdiger Stüwe, die mit einem langen Leben gesegnet war, verliert ihren Mann. Sie ist eine einfache Frau und muss jetzt, um sich und ihre Tochter Frieda über Wasser zu halten, schwer arbeiten. Das Krabbelkind Frieda gibt sie zu ihrer Schwester Marie, weil sie von morgens früh bis spät in die Nacht schuften muss. Kochen, abwaschen, putzen, Fremdenzimmer in Ordnung halten. Die kleine Frieda muss bei Tante Marie allein am Katzentisch essen, und, wenn der Onkel betrunken ist, sich unterm Tisch verkriechen. Dabei zerreißt die Bindung zwischen Mutter und Tochter, das Kind verhärtet.

Besonders aufschlussreich sind Abschriften von Tonbandaufnahmen wie die mit Omelie, wo sie mit ostpreußischem Zungenschlag erzählt: „Wenn Vergnügen war, denn och de Nacht durch arbeeten. Wenn Vergnügen Schluss war, denn war da der Saal, Herrenzimmer und im Saal war Parkettboden. Und wenn da Dreck war, denn ham wer auf alle viere gelegen. Was ham wir da gearbeetet.“

„Für viele Menschen war es schon zu spät"

Der zweite Schock erschüttert die nächste Generation. Es ist 1942 die Nachricht, dass Vater Paul Stüwe, der junge Ehemann von Frieda, in Russland gefallen ist. Rüdiger kann sich bald kaum noch an ihn erinnern und versucht alles, um mehr über ihn herauszufinden. Den Mann, von dem er abstammt. Im Buch druckt er die Sterbeanzeige ab. Darin steht, dass der Inhaber des Eisernen Kreuzes „im blühenden Alter von 28 Jahren in treuer, soldatischer Pflichterfüllung im Osten am 4. Juni für Führer und Vaterland den Heldentod gefunden hat. Nach knapp drei Monaten folgte er seinem Bruder.“

Paul Stüwe soll ein lebenslustiger Mensch gewesen sein. Einer, der auch mal auf den Tisch kletterte, um vor seinen Freunden eine Arie zu schmettern. So fröhlich hat sein Sohn Rüdiger ihn nicht erleben dürfen, so fröhlich wird es nie mehr zugehen im Hause Stüwe. Vor der Flucht sowieso nicht, und hinterher auch nicht. Gauleiter Erich Koch ist in Königsberg ein besonders eifriger Beschützer der deutschen Wehrkraft. Fluchtvorbereitungen lässt er als „besonders infame Art der Sabotage“ ahnden. „Für viele Menschen war es schon zu spät, als die allgemeine, chaotische Massenflucht einsetzte“, schreibt Stüwe.

Tante Elly wurde verschleppt und vergewaltigt

Härter trifft es dann Tante Elly, die Verlobte von Pauls ebenfalls gefallenem Bruder Kurt. Diese zitiert Stüwe aus einem Brief, den Elly ihrer Schwägerin Frieda 1948 schreibt und öffnet ein Kapitel, das in der offiziellen Geschichtsschreibung komplett unter den Tisch fällt: Ihre Schwester Gerda sei verschleppt worden, schreibt Elly, und sie selbst floh, 14 Tage mit nassen, geschwollenen Füßen bis Stargard: „Trotzdem wurde auch ich erwischt und blieb von den Vergewaltigungen nicht verschont. So wollte es das Unglück, dass ich schwanger blieb. Ein Eingriff war streng verboten.“

In Pommern muss Elly schwer arbeiten, es gibt kaum etwas zu essen. „Ja. Wir waren manchmal keine Menschen mehr.“ Das Kind wird im Dezember 1945 entbunden: „Ich wollte es weggeben, aber auch das gelang mir nicht. Nun ist der kleine Gerd gut zwei Jahre alt, er ist ein kleiner Engel (blond). Ich habe das Kind sehr lieb gewonnen.“ Was sich da in der jungen Frau, Stüwes Tante, abgespielt haben mag, lässt sich nur erahnen.

Stüwe über plötzliche Wutausbrüche und schlechte Konzentration

Im niedersächsischen Schneverdingen, wo die junge Witwe Frieda mit den beiden Jungs schließlich unterkommt, nimmt sie zunächst jede Arbeit an, später kämpft sie um Anerkennung, und das ist schwer, denn auf Flüchtlinge blicken die Ortsansässigen oft herab. Rüdiger Stüwe wird ein Sport-Ass, aber ansonsten fällt es ihm schwer, genügend Leistung in der Schule zu bringen.

Auch rutscht er gelegentlich wider Willen in eine Art Vaterrolle hinein. Warum er sich schlecht konzentrieren kann, warum er plötzliche Wutausbrüche hat – damals interessiert das niemanden. Eher ist es lästig. Dabei steht heute fest, dass es die Folgen schrecklicher Erfahrungen sind, die auch er als kleiner Junge machen musste. Erfahrungen, die er mit Tausend anderen aus der Zivilbevölkerung teilt.

Rüdiger Stüwe, „Ich hatte Ellenbogen - Eine streitbare Frau aus Ostpreußen“. Anthea Verlag, 300 S., 14,90 Euro.

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