Pinneberg
Prozesse in Itzehoe

Getötete Mutter: Töchter ersuchen Freispruch des Vaters

Der Angeklagte Anatoli T. im Gerichtssaal des Landgerichts. Das Bild entstand beim Prozessauftakt Anfang November.  Rechts Verteidiger Christian Lange

Der Angeklagte Anatoli T. im Gerichtssaal des Landgerichts. Das Bild entstand beim Prozessauftakt Anfang November. Rechts Verteidiger Christian Lange

Foto: Katja Engler

Die Töchter bezweifeln, dass Anatoli T. ihre Mutter tötete. Doch die Staatsanwältin hält ihn für schuldig, fordert zehn Jahre Haft.

Uetersen/Itzehoe. Der Angeklagte beteuert seine Unschuld, doch die Staatsanwältin Maxi Wantzen ist sicher: Anatoli T. (48) hat am 8. Mai 2019 seine Ex-Frau Natalya (44) gewaltsam getötet – und soll dafür wegen Totschlags zehn Jahre in Haft. Mit den Plädoyers von Staatsanwältin, Nebenklage und Verteidigung ist am Donnerstag der sechste und vorletzte Prozesstag gegen den Uetersener vor dem Landgericht Itzehoe zu Ende gegangen.

Staatsanwältin: Angeklagter erstickte Ex-Frau mit Tüte

Es begann mit einer Überraschung. Richterin Isabel Hildebrandt verlas eine kurzfristig in Auftrag gegebene Expertise des Landeskriminalamtes, die Aufschluss über die Todesursache der 44-Jährigen geben könnte. Ihr Körper wies drei schwere Kopfwunden, zahlreiche Hämatome sowie Verletzungen am Hals auf, die jedoch laut der Rechtsmedizin nicht todesursächlich waren.

Die LKA-Experten haben nun nochmals eine Aldi-Plastiktüte untersucht, in der Blutanhaftungen und Haare der Toten festgestellt worden waren. Nun wurden auch Speichelreste von Natalya T. im Innern entdeckt. Für Staatsanwältin Wantzen lässt dies nur einen Schluss zu. „Der Angeklagte hat seiner Ex-Frau die Tüte über den Kopf gezogen, sodass sie erstickt ist.“

"Ambivalentes Verhältnis" zwischen Angeklagtem und Opfer

Laut der Anklagevertreterin bestand ein „ambivalentes Verhältnis“ zwischen Anatoli T. und seiner Ex-Frau, die zwei 17 und 20 Jahre alte Töchter haben und Ende 2002 aus Kasachstan nach Deutschland übersiedelten. 2009 ließen sich beide scheiden. „Es kam in der Folge immer wieder zu Streit um die Kinder und den Unterhalt, aber auch zu regelmäßigen Treffen und Geschlechtsverkehr.“ So auch am Vorabend der Tat, als beide sich trafen und gemeinsam in der Wohnung des 48-Jährigen am Tornescher Weg in Uetersen übernachteten.

„Beide waren seit vielen Jahren alkoholabhängig“, so die Staatsanwältin weiter. Am Morgen des 8. Mai habe Anatoli T. zwei bis drei Flaschen Doppelkorn bei einem Discounter gekauft, beide hätten dann den ganzen Tag über in der Wohnung gezecht. Wantzen: „Gegen 16.30 Uhr entstanden Fotos, in denen das spätere Opfer mit den Ersparnissen des Angeklagten posierte.“ Das letzte Bild sei um 17.02 Uhr entstanden, zu diesem Zeitpunkt sei Natalya T. noch nicht von Hämatomen gezeichnet gewesen. „Es folgte ein Streit, bei dem es um Geld ging.“

Körperverletzung oder Todschlag? Beide standen unter Alkoholeinfluss

Anatoli T. habe seiner Ex-Frau mehrfach ins Gesicht geschlagen, sodass diese zu Boden gestürzt und mit dem Hinterkopf gegen einen Schrank und ein Tischbein gestoßen sei. „Das Opfer erlitt ein Schädelhirntrauma und eine Risswunde am Hinterkopf.“ Anschließend habe der Angeklagte mehrfach mit einem Schuhspanner auf Gesicht und Körper der Frau eingeprügelt und ihr dann die Tüte über den Kopf gezogen. Das Opfer habe sich wegen 4,1 Promille Alkohol nicht wehren können. „Dann realisierte der Angeklagte, was er getan hat. Er entfernte die Tüte, versuchte die Blutung am Hinterkopf zu stoppen und seine Ex-Frau, die keinen Puls mehr aufwies, wiederzubeleben.“

Anatoli T. sei dank 2,6 Promille vermindert schuldfähig, sodass die Höchststrafe für Totschlag bei elf Jahren und drei Monaten liege. Wantzen forderte für ihn zehn Jahre Haft und zwei Jahre in einer Entzugsklinik. „Es kann sich so abgespielt haben, wie es die Staatsanwältin rekonstruiert hat. Es kann aber auch ganz anders gewesen sein“, so Verteidiger Christian Lange. Sicher sei nur, dass sein Mandant eine Körperverletzung begangen habe. „Ich glaube nicht, dass er die Ex-Frau töten wollte.“ Laut Lange seien die schweren Verletzungen auf einen Sturz zurückzuführen, der sich ereignet habe, als Anatoli T. alkoholbedingt schlief.

Anatoli T. beteuert: "Ich bin unschuldig"

Der Angeklagte beteuerte in seinem letzten Wort, die Ex-Frau nach dem Aufwachen tot vorgefunden zu haben. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Aber ich bin unschuldig.“ Die Polizei habe einseitig ermittelt, und er sei aufgrund der Sprachbarriere und des Schocks missverstanden worden. Andreas Weizel, der als Opferanwalt die Töchter der Toten vertritt, äußerte Zweifel an der Täterschaft von Anatoli T. – und beantragte wie die Verteidigung Freispruch. Das Urteil folgt am Dienstag.