Pinneberg
Uetersen/Itzehoe

Mit zwei Promille: Mann soll Ex-Frau erschlagen haben

Der Angeklagte Anatoli T. (2.v.l.) während des Prozessauftakts im Gerichtssaal. Rechts Verteidiger Christian Lange.

Der Angeklagte Anatoli T. (2.v.l.) während des Prozessauftakts im Gerichtssaal. Rechts Verteidiger Christian Lange.

Foto: Katja Engler

Zweiter Prozesstag: Mehrere Polizisten sagen zum Zustand von Anatoli T. aus, der im Mai in Uetersen seine Ex-Frau getötet haben soll.

Uetersen/Itzehoe.  Mehrfach beugt sich der Angeklagte am Dienstag zu seinem Verteidiger Christian Lange und flüstert ihm etwas zu. Anatoli T. hat offenbar eine andere Erinnerung an das Geschehen an jenem 8. Mai als die vier Zeugen, die das Landgericht Itzehoe am zweiten Prozesstag hört. Es handelt sich alles um Polizisten, die dem 48-Jährigen an jenem Mittwochabend begegnet sind, kurz nachdem der seine Ex-Frau Natalja umgebracht hat. Angeklagt ist Totschlag.

Dass der Uetersener überhaupt eine Erinnerung an diesen Abend hat, mag verwundern. Zum einen hat er bisher im Prozess geschwiegen – und zum anderen ergab ein nach der Tat erfolgter Alkoholtest bei ihm einen Wert von zwei Promille. „Das hätte ich nicht für möglich gehalten“, sagte Polizist Matthias S. (39). Der Angeklagte habe zwar nach Alkohol gerochen, sich jedoch total kooperativ verhalten, alle Anweisungen befolgt und keine Ausfallerscheinungen gezeigt. „Wenn ich hätte tippen müssen, hätte ich 0,6 Promille gesagt“, so der Polizist.

Der Angeklagte sei völlig aufgelöst gewesen

Er war mit seinem Kollegen als zweite Streifenwagenbesatzung am Tatort, einem Mehrfamilienhaus am Tornescher Weg, eingetroffen. „Wir konnten schon im Treppenhaus Geschrei hören“, so der 39-Jährige. Urheber sei der Angeklagte gewesen, der mit einem weiteren Polizeibeamten vor seiner Wohnungstür stand. „Er hat geweint und geschrien, hat mehrfach gesagt, dass er das nicht wollte, dass es einfach passiert ist.“ Laut dem Beamten habe Anatoli T. angegeben, er habe zuvor mit seiner Ex-Frau mehrere Flaschen Korn geleert, es sei dann zum Streit gekommen und man habe sich gegenseitig geschubst. „Es ging um Unterhalt für die Kinder, sie wollte wohl mehr Geld.“

Finn S. (23) war Streifenpartner von Matthias S. – und berichtete ebenfalls, dass der Angeklagte völlig aufgelöst war. „Er hat immer wieder aufgeschrien, geweint, sich die Hände vors Gesicht gehalten.“ Anatoli T. habe Blut an den Händen und Armen gehabt. Um keine Spuren zu verwischen, hätten sie ihm Tüten über die Hände gezogen und ihm beim Wechseln der Kleidung geholfen, weil die zur Tatzeit getragene Kleidung auf Spuren untersucht werden sollte. „Er hat ein kleines bisschen gelallt, aber alles, was von mir kam, verstanden. Er hat mehrfach gesagt, dass er das alles nicht wollte, und geäußert, er brauche keinen Anwalt, er sei sowieso schuldig.“

Täter schlug sechsmal auf seine Ex-Frau ein

Edwin T. (29) war am Tatabend auf Zivilstreife unterwegs, als er zur Unterstützung zum Tatort gerufen wurde. „Ich sollte den Beschuldigten im Auge behalten.“ Er habe noch das Bild vor Augen, wie Anatoli T. auf der Treppe sitzt und vor sich hinredet. „Er hat immer wieder gesagt, dass es ihm leid tut und hat mehrfach nachgefragt, ob sie wirklich tot ist.“ Nachdem der Angeklagte in Polizeigewahrsam nach Pinneberg gebracht worden war, suchte der Polizist mehrere Angehörige der Toten auf. „Ihr Sohn sagte mir, dass er zu seiner Mutter keinen Kontakt hatte, weil sie Alkoholikerin gewesen sei. Er sei von seiner Großmutter aufgezogen worden.“ Die Schwester der Toten habe ebenfalls angegeben, aufgrund der Alkoholsucht kaum Umgang mit ihr gehabt zu haben. Allerdings habe die Schwester ihm erzählt, der Angeklagte habe Natalja T. mehrfach verprügelt.

Am Tattag soll der 48-Jährige laut Anklage der Ex-Frau sechsmal mit einem unbekannten Gegenstand auf den Kopf, ins Gesicht und auf die Beine geschlagen haben. Er biss sie demnach in die Zunge und erwürgte sie. Leise kann dies nicht passiert sein. Polizist Tobias P. (26) hat nach der Tat die Nachbarn befragt – und niemanden gefunden, der etwas gehört haben will. Allerdings berichtete der Beamte, dass mehrere Nachbarn in den Monaten vor der Tat Zeuge lautstarker Streitigkeiten in der Wohnung wurden und sich auch mehrfach darüber beschwert haben. Der Prozess wird Mitte Dezember fortgesetzt, ein Urteil soll noch vor Weihnachten fallen.