Pinneberg
Itzehoe

Mann soll Ex-Frau in seiner Wohnung erwürgt haben

Der Angeklagte Anatoli T. (l.) bekommt im Gerichtssaal seine Handschellen abgenommen. Rechts von ihm sein Verteidiger Christian Lange.

Der Angeklagte Anatoli T. (l.) bekommt im Gerichtssaal seine Handschellen abgenommen. Rechts von ihm sein Verteidiger Christian Lange.

Foto: Katja Engler

Prozessauftakt in Itzehoe: Der Uetersener Anatoli T. soll im Mai dieses Jahres seine Ex-Frau umgebracht haben.

Uetersen/Itzehoe.  Die Tote lag auf dem Bauch. Sie war nur noch spärlich bekleidet und umringt von Geldscheinen. Vor dem Sofa ein roter BH und eine Blutlache, die aufzuwischen jemand versucht hatte. Draußen im Treppenhaus stand der Mann, der jetzt vor dem Itzehoer Landgericht angeklagt ist, die Frau auf dem Boden seiner Wohnung umgebracht zu haben: Anatoli T. (48) hatte selbst die Polizei gerufen. Die Tatzeit: 8. Mai gegen Abend. Der Tatort: die zweite Etage eines Mietshauses am Tornescher Weg in Uetersen in einer nicht unproblematischen Wohnsiedlung. Die Anklage lautet auf Totschlag, die Tote ist die Ex-Frau von Anatoli T.. Prozessauftakt am Montag im Landgericht Itzehoe.

Sechsmal soll der Angeklagte seine frühere Ehefrau mit einem unbekannten Gegenstand auf den Kopf, ins Gesicht, auf die Beine geschlagen haben - und er soll sie in die Zunge gebissen und dann erwürgt haben. Das bestätigt im Groben der geladene Notfallsanitäter, der auch als Psychologe ausgebildet ist. Er berichtet, dass er mit seinem Kollegen vier Minuten nach dem Notruf in jenem Haus war, wo eine bewusstlose Person liegen sollte. Da die Polizei sie danach darauf hingewiesen habe, dass es sich um ein Tötungsdelikt handele, warteten die Sanitäter „wegen Eigensicherung“ auf die Polizei. Wertvolle Minuten verstrichen, bevor sie mit ihren Reanimationsversuchen beginnen konnten. Diese endeten erfolglos. Der Sanitäter entdeckte Hämatome im Gesicht der Frau, ringsum seien Blutflecken gewesen, die unvollständig weggewischt worden seien.

Polizei traf Anatoli T. mit blutigen Händen an

Die Polizei hatte den Tatverdächtigen mit blutigen Händen angetroffen. Weiter berichtet der Sanitäter, der Angeklagte habe ihn „sehr aufgeregt angesehen“ und gefleht: „Sie darf nicht tot sein. Sie lebt doch noch?“ Dann habe er gesagt: „Wir haben gestritten. Es ging um Geld. Wir haben zwei Kinder. Sie lebt doch noch?“ Als er ihm mitgeteilt habe, dass sie tot sei, sei der Angeklagte kurz zusammengesackt. „Das kann nicht sein. Das stimmt nicht“, habe er gesagt und immer wieder gefragt, ob man sie noch retten könne. Den Atemalkohol des Angeklagten maß die Polizei auf mehr als zwei Promille. Alkoholbedingte Ausfallerscheinungen hat aber keiner der Aussagenden festgestellt. „Er reagierte kooperativ“, sagt die Polizeibeamtin, die an jenem Mai-Abend den Einsatz leitete. „Er streckte uns seine Hände hin, damit wir ihm Handschellen anlegten. Dazu sahen wir in dem Moment aber keine Veranlassung.“ Anatoli T. habe aufgewühlt und aufgelöst gewirkt.

Im Gerichtssaal ist die Stimme des Angeklagten nur ein einziges Mal zu hören: Ganz am Anfang. Es ist eine ruhige, tiefe Stimme. Anatoli T. ist ein kleiner, aufrechter Mann mit akkuratem Haarschnitt. Sein auberginefarbenes Hemd trägt er offen, darüber gestreifte Hosenträger und Jeans. Während der gesamten, sich über gut fünf Stunden ziehenden Gerichtsverhandlung wirkt er meist gefasst und schweigt zu allem, was vorgebracht wird. Nur manchmal ist seinen Händen eine gewisse Nervosität anzusehen.

Der Sanitäter redet, was die Wohnverhältnisse des Tatverdächtigen angeht, Klartext: „Es wirkte verwohnt. Überall lagen Alkoholflaschen herum, der Müll in der verschmutzten Küche quoll über, jemand hatte dort noch blutige Taschentücher hineingeworfen. Auf dem übervollen Tisch standen Essensreste, und Kleidungsstücke waren über die Möbel verteilt.“

Angeklagter wirkte verzweifelt und aufgelöst

Am besagten Tag hatte seine Nachbarin Anatoli T. mit einer brünetten Frau an der Bushaltestelle gesehen. „Er hat sie untergehakt, weil sie torkelte“, berichtet die Zeugin. Später habe die jüngere Tochter ihren Vater Anatoli T. besucht. Nachdem sie gegangen sei, sei mal wieder Streit aufgekommen, erzählt die Zeugin. Streit mit Gebrüll und Gepolter. Dem Sanitäter gegenüber sagte Anatoli T. er und seine Ex-Frau hätten sich gegenseitig geschlagen, sie habe Unterhalt für die Kinder von ihm verlangt, er habe ihr das Geld gegeben. Es waren wohl die Geldscheine, die die Tote umgaben, als die Rettungssanitäter eintrafen. Einer Nachbarin sagte er: „Ich wollte das nicht.“ Er habe verzweifelt und aufgelöst gewirkt, das bestätigt auch die Polizeibeamtin.

Die Nachbarn erzählen, dass der Angeklagte eine Freundin hatte. Blond. Nicht brünett, wie seine Ex-Frau. Ihn selbst beschreiben sie als freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Seine blonde Freundin eher als streitsüchtig und wie er dem Alkohol zugetan. Und sie berichten übereinstimmend, dass er öfter „Party gemacht“ habe, mit Musik und lautem Gerede, das häufiger in handfesten Streit mit Geschrei und Getrampel übergegangen sei. Wiederholt hätten sich Nachbarn bei der Hausverwaltung über die Zustände in der betreffenden Wohnung beschwert. Als daraufhin nichts passiert sei, haben sie resigniert.

Eine der Zeuginnen hatte ein paar Wochen nach der Tat Besuch von der älteren Tochter des Angeklagten und der Toten bekommen. Sie habe ihr erzählt, die Eltern hätten sich gut verstanden. „Mal mehr, mal weniger. Sie hat zu mir gesagt, dass er sie definitiv umgebracht hat.“ Der Prozess ist auf insgesamt sechs Verhandlungstage anberaumt worden. Ein Urteil wird am 18. Dezember erwartet.