Pinneberg
Kreis Pinneberg

Azubis protestieren gegen Berufsschul-Diktat

Die angehenden tierärztlichen Fachangestellten (r. Malin Schütte) müssen nach den Sommerferien auf eigene Kosten zur Berufsschule nach Neumünster fahren.

Die angehenden tierärztlichen Fachangestellten (r. Malin Schütte) müssen nach den Sommerferien auf eigene Kosten zur Berufsschule nach Neumünster fahren.

Foto: Burkhard Fuchs

Angehende Tierärztliche Fachangestellte müssen jetzt zum Unterricht nach Neumünster. Fahrkosten tragen sie allein.

Kreis Pinneberg.  Die Ferien sind eigentlich Grund zur Freude – für diese Berufsschüler allerdings nicht. Eine Klasse mit 15 Auszubildenden zu Tiermedizinischen Fachangestellten (TFA) geht besorgt in ihre Sommerpause. Denn nach den Ferien müssen die jungen Frauen im Alter zwischen 17 und 22 Jahren deutlich weiter fahren, um das theoretische Wissen für ihren Berufswunsch zu erhalten.

Im zweiten und dritten Lehrjahr sollen die angehenden Tierarzthelferinnen, wie der Beruf noch vor einigen Jahren hieß, zur Landesberufsschule nach Neumünster pendeln. Dabei könnten sie an der Kreisberufsschule in Pinneberg – 2015 für 25 Millionen Euro komplett neu gebaut und eingerichtet – genauso gut weiter unterrichtet werden, wie Schulleiter Ulrich Krause erklärt. Ausstattung, Räume, Geräte und Fachlehrer sind vorhanden. Doch die Schule darf es nicht. Das Land beharrt darauf, dass die Auszubildenden den weiten Weg in Kauf nehmen müssen.

Kosten für Auszubildende von etwa 120 bis 240 Euro im Monat

Für die Betroffenen ist das langwieriger und teurer. „Das kostet je nach Fahrweg zwischen 30 und 60 Euro hin und zurück“, sagt Malin Schütte. Bei einer jeweils wöchentlichen Fahrt wären das zusätzliche Kosten für die jungen Auszubildenden von etwa 120 bis 240 Euro im Monat. „Bei einem Verdienst von monatlich 400 bis 500 Euro netto können wir uns das gar nicht leisten“, sagt die junge Frau, die in Hamburg wohnt und in Quickborn ihre Ausbildung bei einem Tierarzt absolviert. Von ihrem Arbeitgeber erhalte sie keinen Fahrkostenzuschuss. „Das bekommt keiner in unserer Klasse. Das müssen wir selber tragen“, berichtet Jana Gerth, die in Hasloh ausgebildet wird.

Einige Auszubildende hätten deshalb bereits ihre Ausbildung abgebrochen. In ihrer Not haben sich die Azubis an die Landesregierung und die Landtagsabgeordnete aus dem Kreis Pinneberg in einem Brief gewandt. Außer den zusätzlichen Kosten gehe durch die lange Bahnfahrt nach Neumünster „wertvolle Zeit (verloren), die wir stattdessen ins Lernen investieren könnten, um gute Noten zu erzielen und die Ausbildung erfolgreich und gut abzuschließen“, schreiben die Berufsschülerinnen darin. „Wir wünschen uns sehr, die Möglichkeit zu bekommen, an unserer Schule zu bleiben.“ Damit ist Pinneberg gemeint.

Azubis haben volle Unterstützung des Landkreises

Von Seiten des hiesigen Kreises haben die Azubis volle Unterstützung. Der Schulausschuss des Kreistages hat die Verwaltung aufgefordert, beim Land zu beantragen, die Beschulung der tierärztlichen Fachkräfte während der gesamten Ausbildungszeit in Pinneberg zu belassen. Zumal der Kreis dafür auch noch jedes Jahr zwischen 25.000 und 30.000 Euro an die Stadt Neumünster an Schulgeld zu zahlen habe, wie Kreissprecher Oliver Carstens mitteilt.

„Wir haben hier alle Möglichkeiten, das Fachpersonal, die Räume und die Ausbildung sind 1 A in der modernsten Berufsschule des Landes“, sagt Schulausschussvorsitzende Kerstin Seyfert. Da sei es doch überhaupt nicht nachvollziehbar, dass die Berufsschüler extra nach Neumünster fahren müssten.

Die Tierärztekammer führt noch ein weiteres Argument ins Feld: den Fachkräftemangel. Im Kreis Pinneberg gebe es etwa 50 Tierarztpraxen, die regelmäßig tiermedizinische Fachkräfte ausbildeten, argumentiert deren Präsidentin Evelin Stampa. Gerade für junge Auszubildende sollte der Grundsatz gelten „kurze Beine – kurze Wege“, teilt sie dazu mit und warnt davor, dass einige Tierarztpraxen wegen des Neumünster-Diktats keine Auszubildenden mehr finden könnten.

Kreis will beim Land Widerspruch einlegen

Die Kreisverwaltung hat im Bildungsministerium interveniert. Ohne Erfolg. Ein Ministeriumssprecher führt Gerätschaften wie Röntgengeräte an, die es nur an der Landesberufsschule in Neumünster gebe. Aber auch diese könnten in Pinneberg in den Arztpraxen genutzt werden, hält der Pinneberger Berufsschulleiter Krause dagegen. In einem Schreiben des Ministeriums an die Verwaltung wird sogar eingeräumt, dass die steigenden Einwohnerzahlen in Pinneberg durchaus „für eine Beschulung auch im zweiten und dritten Lehrjahr in Pinneberg sprechen“ würden. Doch das würde die Landesberufsschule Neumünster schwächen, die gerade in den Bau eines neuen Labors investiere. Deshalb müsse der Antrag aus Pinneberg abgelehnt werden.

Ähnlich argumentiert Grünen-Landtagsabgeordnete Ines Strehlau aus Halstenbek. Wenn die Vereinbarung mit der zentralen Berufsschulausbildung in Neumünster von 1999 aufgegeben werde, würde neben Pinneberg auch die zweite Berufsschule in diesem Bereich in Lübeck diese Ansprüche erheben und die qualitativ gute Ausbildung in Neumünster wäre in Gefahr. Das werde sie auch noch den Berufsschülern mitteilen, die bislang noch keine Antworten auf ihren Brief vom Land und Landespolitikern erhalten haben. „Wir brauchen ein Azubi-Ticket“, fordert Strehlau, damit die Berufsschüler zumindest einen Teil der Fahrkosten erstattet bekämen.

Der Kreis will aber noch nicht klein beigeben. „Wir werden beim Land Widerspruch dagegen einlegen“, kündigt die Kreistagsabgeordnete Seyfert an. Ein Argument könnte der Koalitionsvertrag von CDU, Grünen und FDP sein. Darin heißt es: „Ziel ist es, im Rahmen einer landesweiten Schulentwicklungsplanung ein Ausbildungsangebot an den berufsbildenden Schulen und den Regionalen Berufsbildungszentren in der Fläche unter Berücksichtigung der regionalen Besonderheiten zu erhalten.“ Von einer Subvention der großen Städte in der Berufsausbildung ist darin allerdings keine Rede.