Pinneberg

Giftlabor schließt: Europas größte Schlangenfarm ist am Ende

| Lesedauer: 4 Minuten
Nico Binde
Der Firmensitz von Nordmark an der Pinnauallee in Uetersen.

Der Firmensitz von Nordmark an der Pinnauallee in Uetersen.

Foto: HA

Warum die Firma Nordmark die Anlage mit 600 hochgiftigen Malaiischen Grubenottern nach zehn Jahren in Uetersen aufgibt.

Uetersen. Die Hoffnung auf einen Durchbruch in der Arzneimittelforschung mit Reptiliengift – sie hat sich vorerst zerschlagen. Das Pharmaunternehmen Nordmark schließt mit sofortiger Wirkung Europas größte Schlangenfarm in Uetersen (Kreis Pinneberg).

Mehr als 600 hochgiftige Malaiische Grubenottern wurden dort mehr als zehn Jahre unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen gezüchtet, gehalten und gemolken. Medizinischer Zweck war, ein wirksames Medikament für Hörsturzpatienten zu entwickeln. Nun sollen die Tiere in „professionelle Hände“ abgegeben, die Schlangenfarm aufgegeben und umgebaut werden.

Schlangentoxikum sollte Hörsturz-Patienten helfen

Als Grund für das Ende der Forschung mit Schlangengift nennt Nordmark die ernüchternden Studienergebnisse an Hörsturzpatienten. In Uetersen wurde jahrelang der Wirkstoff Ancrod aus dem Toxikum der Grubenottern gewonnen – ein die Blutgerinnung hemmendes Molekül, das Gerinnsel im Ohr verhindern sollte. Aber die Vorstellung der jüngsten Untersuchungsergebnisse durch Martin Canis, Studienleiter an der Universitätsklinik München, seien für Nordmark unbefriedigend gewesen.

An insgesamt 35 Patienten war Ancrod getestet worden. „Bedauerlicherweise lautet das Fazit, dass klinisch keine signifikante Überlegenheit von Ancrod gegenüber dem Placebo bei Patienten mit Hörsturz festgestellt werden konnte“, so ein Unternehmenssprecher. Daraufhin sei bei Nordmark die Entscheidung gefallen, die insgesamt mehr als 20 Millionen Euro teure Schlangenfarm zu schließen.

„Die gesammelten Forschungsergebnisse zu Ancrod bleiben für Nordmark aber höchst wertvoll“, so der Sprecher. Der Wirkstoff, der zur Blutverdünnung eingesetzt werden kann, sei für viele Unternehmen interessant. „Das führt derzeit zu vielversprechenden Forschungskooperationen mit Universitäten und der Pharmaindustrie.“

Mitarbeitern werden neue Stellen angeboten

Mit dem Ende der Schlangenfarm will sich das Pharmaunternehmen – eines des 40 größten in Deutschland – neu aufstellen. In diesem und kommendem Jahr werde die Firma einen zweistelligen Millionenbetrag investieren, um das Biotechnologiezentrum aus- und umzubauen.

Ziel sei ein moderner Entwicklungs- und Fertigungsbereich, für den das Firmengelände zur Gemeinde Moorrege hin erweitert werde. Mit dieser Maßnahme sollen andere Kundenprojekte bedient werden können. Auch das einst aufwendig ausgebaute Haus, in dem die Schlangenfarm ansässig war, wird in diese Neuausrichtung einbezogen. Der Innenbereich werde komplett umgestaltet.

Nordmark-Geschäftsführer Jörn Tonne: „Mit dieser Investition reagieren wir auf die Nachfrage renommierter Pharma-Kunden, die biologische Wirkstoffe mithilfe unseres Know-hows herstellen lassen wollen.“ Dabei müsse die Schlangenfarm auch aus „räumlichen Gründen“ weichen. „Es ist mir wichtig zu betonen“, sagt Finanz-Geschäftsführer Detlev Baumeister, „dass wir den betroffenen Mitarbeitern andere Arbeitsplätze im Unternehmen anbieten.“

Fünf Millionen Euro teure Klimaanlage

Hochspezialisiert und vielbeachtet – so war Ende 2006 die eigenem Bekunden nach „größte pharmazeutische Schlangenfarm der Welt“ in einem schmucklosen Flachbau auf dem Firmengelände an den Start gegangen. Dafür wurden nicht nur speziell ausgebildete Mitarbeiter benötigt, sondern unter anderem auch eine fünf Millionen Euro teure Klimaanlage.

Denn die Grubenottern – anfangs zur Hälfte in Asien gefangen, zur Hälfte aus einer amerikanischen Forschungsstation importiert – brauchten spezielle, maßgeschneiderte Bedingungen: konstant 28 Grad Celsius und 79 Prozent Luftfeuchtigkeit. Um einen Ausbruch der temperaturempfindlichen Schlangen zu verhindern oder die Gattung Calloselasma rhodostoma vor Einbrechern zu schützen, wurden Sicherheitsschleusen mit unterschiedlichen Temperaturzonen und biometrischen Schlössern eingebaut. Zu einem Zwischenfall kam es bisher nicht.

Wohin die 600 Schlangen kommen, ist unklar

Die Tiere lebten in Uetersen in rund 30 Quadratmeter großen Containern, die jeweils in 50 mal 40 Zentimeter große Boxen unterteilt waren. In den fensterlosen Kabinen wurde sogar ein Tag-Nacht-Rhythmus für die Versuchstiere simuliert. Monatlich haben ausgebildete Fachleute die Schlangen „gemolken“, um den Wirkstoff isolieren zu können.

Erst danach bekamen die Schlangen ihre Nahrung: eine Maus, ebenfalls aus eigener Züchtung. Im Fall von Bissen hätte das ausreichend bei Nordmark vorhandene Gegengift den baldigen Tod der Mitarbeiter zwar verhindert, nicht aber die Gewebe zerstörende Wirkung des komplexen Schlangentoxikums.

Wohin die mehr als 600 Tiere, deren Gift das Startmaterial für die Herstellung von Ancrod lieferte, nun genau kommen, konnte das Unternehmen in der Kürze der Zeit nicht beantworten. Die Anschlussverwendung sei aber tierschutzrechtlich mit dem zuständigen Kieler Umweltministerium abgestimmt. Das bestätigte ein Sprecher am Mittwoch dem Abendblatt.

Es gebe seitens des Ministeriums keinerlei Bedenken. Vorstellbar ist, dass die Schlangen auf ähnliche pharmazeutische Farmen im Ausland verteilt werden. Denn einen Gnadenhof für 600 obdachlos gewordene Giftschlangen gibt es bundesweit nicht.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg