Pinneberg
Uetersen

Auf dieser Farm werden Schlangen gemolken

So wird eine Schlange „gemolken“: Um das Gift zu gewinnen, wird das Tier an eine Schale gedrückt und die Drüsen leicht massiert, bis das Toxikum austritt

So wird eine Schlange „gemolken“: Um das Gift zu gewinnen, wird das Tier an eine Schale gedrückt und die Drüsen leicht massiert, bis das Toxikum austritt

Foto: Petr Kliment / Nordmark

Nordmark-Werke betreiben in Uetersen die weltweit größte pharmazeutische Schlangenfarm mit 600 Malaiischen Grubenottern.

Uetersen/Moorrege.  „Hier bitte bis auf die Unterwäsche ausziehen“, sagt Abteilungsleiter Petr Kliment. Denn wer zu den Schlangen der Firma Nordmark in Uetersen möchte, muss sich erst einmal frei machen. Im Sicherheitsbereich müssen Spezialkleidung, Schutzbrille und Stiefel getragen werden – zum Schutz vor Bissen. Hände waschen und desinfizieren, dann weiter durch mehrere Sicherheitstüren mit biometrischen Türschlössern. Hinter der letzten Schleuse wird es warm und stickig.

Eine etwa fünf Millionen Euro teure Klimaanlage hält die Temperatur bei 28 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit bei 79 Prozent. Kliment öffnet eine Panzertür und tritt in einen hellen, fensterlosen Raum, der an ein Labor erinnert. Einer von vier, in denen aktuell insgesamt 600 Malaiische Grubenottern leben. Die gehören Uetersens größtem Arbeitgeber, der Nordmark. Das Unternehmen hatte jüngst für Schlagzeilen gesorgt. Wie berichtet, fürchten Anwohner, das Pharmaunternehmen könne vor ihrer Haustür bauen.

Nordmark isoliert aus dem Gift der Schlangen ein Enzym, das therapeutische Wirkung hat. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen garantieren nicht nur, dass die Tiere drinnen bleiben. „Wir müssen auch sicher gehen, alle Faktoren auszuschalten, die zu Wirkstoffverunreinigungen führen könnten“, sagt Kliment. Um das nötige Enzym zu gewinnen, muss der Schlangenfarmleiter seine Tiere „melken“.

Kliment benutzt dafür einen langen Metallstab mit Haken, mit dem er die Schlange vorsichtig von unten aufnimmt. „So fühlt sich das Tier nicht eingeengt – es kommt ihm vor, als liege es auf einem Ast“, erklärt er. Auf einer weichen Schaumstoffunterlage wird das gelb und braun gemusterte Tier abgelegt und anschließend mit dem Schlangenhaken fixiert. Jetzt kann Kliment die Grubenotter am Kopf greifen, die Giftzähne freilegen und an eine Kristallinschale legen. Beim Ausmassieren übt er leichten Druck auf die Drüsen aus, wodurch das an dünnflüssigen Honig erinnernde Toxikum austritt.

Handschuhe trägt der 52-Jährige dabei nicht. „Entweder sie sind zu dick, um damit zu arbeiten, oder sie sind zu dünn, um zu schützen“, erklärt er. Auch deshalb ist große Vorsicht geboten. Zwar ist die Gefahr, an einem Biss zu sterben, relativ gering. Allerdings produzieren die Labortiere durch das regelmäßige Melken und die gute Versorgung mit Futter doppelt so viel Gift wie ihre frei lebenden Artgenossen. „Gegengift ist zwar ausreichend vorhanden, aber die gewebszerstörende Wirkung kann auch damit nicht aufgehalten werden“, sagt Kliment. Bei Bissen könnten Verstümmelungen entstehen.

Wozu dann das Risiko? Momentan konnte mit der weltweit größten pharmazeutischen Schlangenfarm trotz Investitionen von etwa 20 Millionen Euro auch noch kein Cent verdient werden. Doch das soll sich ändern. „Ich glaube fest daran, mit dem Wirkstoff Ancrod eines Tages vielen Menschen helfen zu können“, sagt Geschäftsführer Jörn Tonne. Aus dem Gift der Malaiischen Grubenotter wird ein die Blutgerinnung hemmendes Molekül gewonnen. Das ist zu komplex, als dass es im Labor nachgebaut werden könnte. Die Hoffnung: Ancrod könnte die Bildung von Gerinnseln verhindern und die Viskosität des Blutes so weit senken, dass eine Blutversorgung im Ohr auch nach einem Hörsturz gewährleistet wird. „Bei Versuchen mit Meerschweinchen hat das bereits bestens funktioniert“, sagt der 50-Jährige. Das Hörvermögen von Nagern mit fast komplettem Hörverlust sei innerhalb von zwei Stunden wieder vollständig hergestellt worden.

Für die Zulassung eines Medikaments muss nach den Tierversuchen eigentlich eine Verträglichkeitsstudie an gesunden Menschen folgen. Dieser Schritt konnte übersprungen werden, denn es gibt bereits genug belastbare Daten durch klinische Studien. Ancrod war schon als Medikament für periphere Durchblutungsstörungen registriert – und zwar vom selben Unternehmen, aber zu einer Zeit, als es noch Knoll AG hieß und der BASF AG angehörte. Das damalige Management nahm das unrentable Produkt vom Markt, um es neu aufgestellt als Medikament für Schlaganfälle wieder zu zulassen.

Da das aber nicht funktionierte, musste die heutige Nordmark wieder von vorne anfangen. Ein Medikament, das neu zugelassen werden soll, muss beweisen, dass es mindestens gleich gut oder besser geeignet ist als die momentan eingesetzten Wirkstoffe. Hierin sieht Tonne seine Chance: Trotz intensiver Forschung gebe es aktuell keine Behandlung, die erwiesenermaßen helfe. „Wir haben also eine klinische Studie mit Erkrankten durchgeführt“, erklärt Tonne. „Dabei wurde Ancrod an 35 Hörsturzpatienten getestet, und wir werten momentan die Ergebnisse aus.“

Um die für eine Zulassung nötige statistische Signifikanz zu erreichen, wären vermutlich mehr Testpersonen nötig gewesen. „Unsere Kernkompetenz liegt nicht in der Durchführung klinischer Studien“, sagt Tonne. Deshalb hofft er nun auf ausreichend positive Ergebnisse, um damit einen Partner zu gewinnen, der genug Durchschlagskraft hat, international Testpersonen für weitere Studien zu rekrutieren.

Für den Fall, dass Ancrod zugelassen wird, ist eine Vergrößerung der Schlangenfarm laut ihrem Leiter zunächst unnötig: „Wir haben hier noch mehr als genug Platz, um die Zahl der Schlangen zu verdoppeln“, sagt Kliment und zeigt auf vier leer stehende Räume im Sicherheitsbereich.