Pinneberg
Bauarbeiten bei der Bahn

Vom großen Frust der Bahn-Pendler im Kreis Pinneberg

Fahrgäste beim Einstieg in einen Ersatzbus am Pinneberger Bahnhof

Fahrgäste beim Einstieg in einen Ersatzbus am Pinneberger Bahnhof

Foto: Lea Sirowitzki / HA

Zugausfälle: Kreis-Pinneberger beklagen Defizite beim Schienenersatzverkehr, Torneschs Bürgermeister reicht Beschwerde in Kiel ein.

Pinneberg/Tornesch.  Die S-Bahn aus Hamburg ist angekommen, Endstation Pinneberg. Jetzt rennen die Fahrgäste über den Bahnsteig und weiter raus aus dem Bahnhof auf die Straße. Dorthin, wo die Busse stehen. Die Ersatzbusse, mit denen die Fahrt weitergehen soll – in Richtung Elmshorn fährt wegen Bauarbeiten zurzeit nur jeder zweite Zug (wir berichteten). Doch aus Sicht der leidgeprüften Pendler hakt es an allen Ecken und Enden. Viele sind frustriert. Alltag in Pinneberg.

An diesem Tag sind wenigstens Busse da. „Es ist aber schon vorgekommen, dass ich mehr als eine Stunde am Bahnhof gewartet habe, um dann am Ende mit dem Taxi nach Hause zu fahren“, sagt Nina Dreyer aus Tornesch. Die 19-Jährige arbeitet als Barista in Hamburg. „Ab einer gewissen Uhrzeit möchte man ja nicht mehr allein am Bahnhof warten“, sagt sie. Und auch wenn Fahrzeuge da seien: „Einen Platz bekommt man nur ab und an, und die Züge fahren willkürlich und eigentlich immer verspätet“, meint Dreyer.

Samira Noroozi (27) besucht in Pinneberg einen Deutschkursus. Sie muss nun zurück nach Prisdorf – und ist verzweifelt: „Ich habe hier eine Stunde am Bahnhof gewartet, und der Bus ist nicht gekommen. Ich muss meine Kinder aus der Kita abholen, die warten, Und ich kann keinem Bescheid sagen.“ Sie habe herumgefragt, aber niemand habe ihr helfen können. An anderen Bahnhöfen entlang der Strecke sei es ähnlich: „Alle müssen warten, und niemand weiß wirklich, wann was fährt.“

Ghaleb Satem (17) aus Elmshorn, der die Berufsschule in Pinneberg besucht, berichtet: „Ich bin jetzt schon oft zu spät zur Schule gekommen.“ Und wenn ein Bus oder eine Bahn führen, sei es „wie Gruppenkuscheln, einfach viel zu eng“. „Die Busse sind viel zu voll und immer verspätet“, sagt Nadja Wennmann (24) Versicherungskauffrau, die jeden Tag zwischen Hamburg und Tornesch pendelt.

Ein anderer Ort, das gleiche Bild: Der Schienenersatzverkehr funktioniere überhaupt nicht, die Situation sei schlichtweg „erschreckend“, sagt Gisela Hüllmann von der Bürgerinitiative „Starke Schiene“ in Tornesch: „Es gibt keine Informationen am Bahnsteig, wo ein Ersatzverkehr eingerichtet ist.“ Und das betreffe nicht nur die Tornescher. „Die Verspätungen und der nicht funktionierende Schienenersatzverkehr der Bahn stellen auch für den Uetersener Bereich ein Problem dar“, sagt der Uetersener Grünen-Politiker Bernd Möbius. Busfahrer seien eigentlich angehalten, bei Verspätungen der Bahn oder anderer Anschlussbusse zu warten, damit Reisende ihren Anschluss bekommen. „Das klappt nicht. Die Folge sind natürlich Beschwerden“, konstatiert Möbius.

Die landen dann bei den Mitarbeitern an den Bahnhöfen, die Ordnung in die Organisation bringen sollen. „Die Menschen haben keine Geduld, alle zwei Minuten wird gefragt, wann ein Bus fährt, dabei hängt das alles aus oder steht im Internet“, sagt ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Und: „Es scheint, als würden die Fahrgäste sich nicht richtig informieren und uns dann die Schuld geben.“

Die Wut bekommen dann die Busfahrer ab. Fritz Esser (35) fährt für einen Unternehmer Schienenersatzdienst. „Wir werden von Pendlern angepöbelt und beleidigt, weil niemand so richtig einen Überblick hatte. Aber wir Fahrer wissen nur über unsere eigene Strecke Bescheid.“ Selbst die Fahrer der HVV-Linienbusse seien auf die Ersatzbus-Fahrer nicht gut zu sprechen. Esser: „Weil wir deren Stellplätze belegen. Aber irgendwo müssen wir die Leute ja auch einsammeln.“ Er kritisiert: Anscheinend gebe es keine Kommunikation unter den Beteiligten. „Die Nummer, falls mal Anschlussbusse oder -züge erfragt werden müssen, leitet mich zum Kundenservice und nicht in die Leitstelle. Dort kann mir auch keiner helfen.“

Karl-Heinz Koart (67) aus dem Raum Flensburg, eigentlich schon pensioniert und zurzeit trotzdem am Steuer eines Ersatzbusses unterwegs, berichtet: „Zu den Hauptverkehrszeiten sind die Busse gut gefüllt, manchmal müssen die Menschen auf den nächsten warten. Im Laufe eines Tages kommt es aber auch mal vor, dass Busse fast leer fahren. Das könnte man besser organisieren, um die Kapazitäten besser zu nutzen. Aber dafür, allgemein für die Organisation, fühlt sich hier keiner zuständig.“

Manchmal fahren die ortsunkundigen Busfahrer auch einen komplett falschen Weg, das ist den Kollegen Anett Herzog (34) und Frank Warnke (55) schon passiert. Sie beklagen sich: Die Busse seien ab und an so voll, dass man sich wie in einer Sardinenbüchse führe. Dabei dürften in alten Reisebussen, die zum Teil eingesetzt würden, gar keine stehenden Fahrgäste transportiert werden.

Die in Kiel ansässige Verkehrsgesellschaft nah.sh sieht indes keine Möglichkeit, kurzfristig eine spürbare Verbesserung herbeizuführen. „Wir können Ihnen nicht zusagen, dass der Verkehr im Augenblick stabil laufen wird“, heißt es in einem Schreiben an Torneschs Bürgermeister Roland Krügel. Zusätzliche Halte würden zu Verzögerungen an anderen Stellen sorgen, ein Domino-Effekt trete ein, der dann alle Züge aus der Planung werfe. Ein noch schlimmeres Verkehrschaos drohe. Krügel hatte in einem Brief an nah.sh seinen Unmut über den nicht funktionierenden Schienenersatzverkehr geäußert. Die Stimmung bei Pendlern sei „nicht die beste“.