Henstedt-Ulzburg

Bürgermeisterwahl – die Siegerin und ihr Stratege

Die neue Bürgermeisterin Ulrike Schmidt und ihr Wahlkampfmanager Thies Thiessen.

Die neue Bürgermeisterin Ulrike Schmidt und ihr Wahlkampfmanager Thies Thiessen.

Foto: Christopher Herbst

Der Triumph von SPD-Kandidatin Ulrike Schmidt in Henstedt-Ulzburg ist auch ein Erfolg der Wahlkampftaktik von Thies Thiessen.

Henstedt-Ulzburg.  Die Dokumentenmappe in der Hand, dazu ein Gläschen Sekt, so stand Thies Thiessen am Wahlabend im Henstedt-Ulzburger Rathaus, beobachtete die Siegesfeier um sich herum. „Die Seismographen standen auf Sieg“, sagte er lässig. Eine eher exklusive Meinung, denn selbst enge Unterstützer von Ulrike Schmidt waren bei aller Zuversicht nicht davon ausgegangen, dass die 46-Jährige schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen würde.

Thiessens Beitrag zur Bürgermeisterwahl in Henstedt-Ulzburg

Wohl aber der von seiner Taktik überzeugte Geschäftsführer der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik in Schleswig-Holstein. Als Stratege und Manager für Bürgermeisterwahlkämpfe hat Thiessen eine bemerkenswerte Bilanz. „Seit 2004 bei 39 Kampagnen 28 Siege.“

Was zuvor bereits an vielen Orten funktioniert hatte, war auch in der Großgemeinde erfolgreich: So viele Bürger wie möglich persönlich erreichen, die Kandidatin in den Mittelpunkt stellen, keine Parteibindung erkennen lassen. Und: „Junge Frau gegen alten Sack“, das hat er einmal flapsig in einem „Welt“-Interview gesagt.

SPD-Kandidatin Ulrike Schmidt wird Bürgermeisterin

Ende Oktober war Schmidt bereits von der SPD nominiert worden, damals noch als Herausforderin von Stefan Bauer, der dann kurz vor Weihnachten seinen Rückzug erklärte. Die drei männlichen Kontrahenten stiegen erst Anfang 2020 ein, das war mutmaßlich ein entscheidender Faktor. Denn der zeitliche Vorsprung bedeutete, dass die Eutinerin deutlich mehr Menschen ansprechen konnte, sowohl einzelne Bürger und Familien als auch wichtige Multiplikatoren. Thiessen war im Hintergrund ein strenger Coach. „Es war ein superfleißiger Wahlkampf mit 4100 Haustürbesuchen. Niemand wird zum Sieg getragen. Ulrike Schmidt war sehr diszipliniert – und dabei empathisch.“

Bei Fremden zu klingeln und dann auf Anhieb netten Smalltalk zu führen, ist nicht einfach. „Thies Thiessen gibt einen Rahmen vor“, sagt Ulrike Schmidt. „Der direkte Kontakt zu den Bürgern ist am wichtigsten. Aber wenn einem das nicht liegt, kommt es auch nicht an.“

Ex-Bürgermeister hat Wahlkampf der Kontrahentin unterschätzt

2018 hatte eine solche Kampagne schon einmal im Kreis einen überraschenden Erfolg gebracht: Verena Jeske, zuvor lokalpolitisch unbekannt, kippte in Bad Bramstedt den etablierten Bürgermeister Hans-Jürgen Kütbach aus dem Amt. Der gestand später, den Wahlkampf der Kontrahentin unterschätzt zu haben.

„Aber Bad Bramstedt ist mit Henstedt-Ulzburg nicht vergleichbar“, so Thies Thiessen. „Dort wollte der Amtsinhaber im Amt bleiben. Hier hat Stefan Bauer relativ früh das Handtuch geworfen. Dadurch wurden die Karten neu gemischt.“ Die Sache wurde einfacher für Ulrike Schmidt, denn auch Bauer, den der Streit mit der Politik zermürbte, hat seine Stärken im Umgang mit der Bevölkerung, ist ein guter Redner, geübt in Social Media.

Schmidts Stratege ging explizit nach Handbuch vor

Alles auf eine Person zuzuschneiden, ist explizit vorgesehen in Thiessens Handbuch. „Frau Schmidt musste es allein machen. Sie ist der Star, sie ist die Kandidatin.“ Dass er 2019 in Fockbek die SPD-Bewerberin Tanja Petersen bei deren Triumph gegen Holger Diehr betreute, also jenen Christdemokraten, der nun auch in Henstedt-Ulzburg antrat, war für ihn zweitrangig. „Ich kannte seine Art, Wahlkampf zu machen. Aber das hat uns nicht beeinflusst.“

Es kam auf die Überzeugungskraft seiner Bewerberin an. „Ich war immer allein unterwegs“, sagt Ulrike Schmidt. „Das war Absicht, denn ich denke, man kommt besser ins Gespräch, als wenn man eine Gruppe dabei hat. Ich hatte Tage mit vier Stunden Haustürbesuchen.“ Da habe es viele Fragen zu ihrer Qualifikation gegeben und dazu, ob sie nach Henstedt-Ulzburg ziehen wolle.

Thiessen war auch Wahlstratege für Schmidts Bruder Oliver

Weniger Thema: Parteipolitik, die SPD. „Die Menschen wollen nichts Böses, sie wollen Ansätze, wie wir Dinge lösen wollen.“ Bewusst nüchterner präsentierte sie sich auf den öffentlichen Vorstellungen. „Ich habe diese Veranstaltungen als Möglichkeit gesehen, meine berufliche Erfahrung rüberzubringen, habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich nicht frei spreche.“

Sie wird nicht das erste Familienmitglied an der Spitze eines Rathauses sein. Ihr Bruder Oliver gewann 2018 die Wahl in Heide, auch da war Thies Thiessen der Stratege im Hintergrund. „Durch ihn weiß ich sehr gut, dass eine Bürgermeisterwoche nicht nur fünf Arbeitstage hat.“ Thiessen ist in Gedanken schon weiter. „Eine bis drei Wahlen schaffe ich im Jahr.“ Und deutete an, bereits die nächsten Projekte vorzubereiten.