Segeberger Geheimnisse

Letzter Grenzstein der Herrschaft Pinneberg steht bei Lidl

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Frank Knittermeier
Heimatforscher Peter Reimann kennt die Geschichte der Grenzsteine. Dieser steht an der Ulzburger Straße.

Heimatforscher Peter Reimann kennt die Geschichte der Grenzsteine. Dieser steht an der Ulzburger Straße.

Foto: Frank Knittemeier

Kleine und große Ereignisse geraten in Vergessenheit. Das Abendblatt begibt sich auf Spurensuche – und findet eine Fälschung.

Kreis Segeberg.  Der graue Granitstein steht unauffällig direkt neben einem knallroten Hydranten. Für den Laien ist nicht sofort zu erkennen, worum es hier geht. Für Historiker hat dieser Stein am Rande des Lidl-Parkplatzes an der Ulzburger Straße in Norderstedt aber eine besondere Bedeutung. „Er ist ein Zeuge der Vergangenheit“, sagt Peter Reimann. Und schränkt ein: „Obwohl er nicht echt ist.“ Der Vorsitzende des Heimatbundes Norderstedt zeigt auf die Inschrift, die eine ganze Geschichte erzählt – allerdings nur für diejenigen, die diese Zeichen zu deuten wissen.

Pinnebergs letzter, herrschaftlicher Grenzstein

Der Granitstein an der Ulzburger Straße ist der letzte einer Reihe von Grenzsteinen der einstigen Herrschaft Pinneberg. Gesetzt wurden diese Steine vom Dänenkönig Christian VII. (1749-1808), der damit Ende des 18. Jahrhunderts sein Herrschaftsgebiet Pinneberg markierte. Es reichte vom Eimsbüttler Markt in Hamburg bis nach Ulzburg-Süd, dann über Quickborn-Heide, Bilsen, Quickborn-Himmelmoor, Seeth-Eekholt bis nach Elmshorn, dann die Krückau entlang bis zur Pinnau, ehe es westlich von Wedel auf die Elbe traf, der südwestlichen Grenze des Herrschaftsgebietes.

Die östliche Grenze, die die Herrschaft Pinneberg vom Gut Tangstedt trennte, verlief entlang der Ulzburger Straße. Dort stehen seit einigen Jahren die Grenzsteine 27, 28 und 30 – die letzten in der Reihe auf Norderstedter Gebiet.

Originale auf unerklärliche Weise verschollen

Allerdings handelt es sich um Repliken. „Die Originale sind leider verschollen“, bedauert Peter Reimann. Stein Nummer 30 – um den handelt es sich auf dem Lidl-Parkplatz – war 1969 bei Erdbauarbeiten kurzfristig aufgetaucht, um allerdings gleich darauf auf unerklärliche Weise wieder zu verschwinden.

Vermutlich ist er bei einem Liebhaber gelandet, oder er ist einfach wieder untergebuddelt worden. Denn die Geschichte der Grenzsteine interessierte damals nur wenige Menschen. Es gibt für alte Grenzsteine in Deutschland aber auch einen Markt außerhalb der Legalität. Möglicherweise ist der historische Stein in einem dieser Kanäle verschwunden. Peter Reimann: „Nur per Zufall wird man es heute noch herausfinden.“

Hobbyhistoriker Joachim Grabbe stellte die Repliken her

Weil die alten Steine also verschollen waren, machte sich der inzwischen verstorbene Hobbyhistoriker Joachim Grabbe aus Henstedt-Ulzburg im Auftrag der Stadt Norderstedt 2012 daran, die gesponserten Granitsteine zu bearbeiten. Das Landesarchiv Schleswig war begeistert, dass sich ein Hobbyhistoriker um die Rekonstruktion kümmerte. Drei Arbeitstage benötigte Grabbe damals, um mit Hammer und Meißel die Inschriften originalgetreu herzustellen. Die Vorlagen dafür stammten vom Landesarchiv.

Wer sich den Stein am Lidl-Parkplatz genauer ansieht, kann die Geschichte verfolgen: HP steht für Herrschaft Pinneberg, C 7 für den Dänenkönig Christian VII., 1782 für das Jahr der Steinsetzung, 30 für die Nummer des Steins, ausgehend vom Eimsbütteler Marktplatz. Die Standorte der Grenzsteine sind auf historischen Karten im Landesarchiv Schleswig verewigt. Genau betrachtet, handelt es sich hier also um einen nachgemachten Stein, der aber exakt auf dem richtigen Platz steht.

In Norderstedt gibt es Grenz- und Meilensteine

Grenzsteine kamen erstmals im 16. Jahrhundert in wirtschaftlich entwickelten Gebieten an jeglicher Art von Grenze zum Einsatz. Sie verdrängten damals Mauern, Hecken oder Zäune, die zuvor die Grenzen sichtbar gemacht hatten. Die Steine, die als rechtlich verbindlich galten, standen unter einem besonderen Schutz. Dieser Schutz findet schon in frühen Volksrechten und auch in den mittelalterlichen Rechtssammlungen Erwähnung.

Im Norderstedter Stadtgebiet gibt es weitere Steine, über deren Bedeutung viele Passanten rätseln. Dabei handelt es sich nicht um Grenz-, sondern um Meilensteine, deren Ursprung ebenfalls in der einstigen dänischen Herrschaft zu finden ist. Sie stehen an den Chausseen von Altona nach Kiel, Lübeck und Neustadt, von Hamburg nach Elmenhorst, von Bad Segeberg nach Bramstedt und von Bad Segeberg nach Neumünster.

Dänisches Herzogtum Holstein baute Straßen

Diese Straßen wurden zwischen 1830 und 1845 im damals dänischen Herzogtum Holstein gebaut und bildeten zusammen mit den ersten Eisenbahnstrecken die Basis einer modernen Verkehrsinfrastruktur. Die Entfernungssteine stehen sowohl in Hamburg als auch in Schleswig-Holstein unter Denkmalschutz. In Norderstedt findet man die letzten Meilensteine an der Segeberger Chaussee (ehemals Altona-Lübecker Chaussee) in Höhe der Häuser Nummer 51 und 341.

Als Inschrift enthalten sie auf der Südwestseite die Entfernungsangabe nach Altona, auf der Nordostseite die Entfernungsangabe nach Lübeck (jeweils in Meilen) und auf der Vorderseite das eingemeißelte Königsmonogramm Christian VIII. sowie die Jahreszahl 1840.

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