Theater

Wie die nächste Generation dem großen Nichts begegnet

Darsteller v. l.: Leonie Stäblein, Fabian Dämmich, Leo Meier.

Darsteller v. l.: Leonie Stäblein, Fabian Dämmich, Leo Meier.

Foto: Sinje Hasheider

Am Jungen Schauspielhaus wird die fantastische „Unendliche Geschichte“ kunstvoll mit der Realität verwoben und fordert die Zuschauer.

Hamburg. Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ ist eigentlich ein Fest für jeden Ausstatter. Bei dem jungen Regisseur Mathias Spaan ist die Bühne zunächst einmal fast leer. Wie ein schwarzer Dachboden sieht sie aus, mit Resten einer eingestürzten Lichtanlage, einem Haufen Späne, darin vergraben ein Leuchtschild mit dem Titel: Phantasie. Um diesen Kernbegriff, eigentlich das Herzstück des Romans, geht es Spaan und seinem Team in ihrer Inszenierung am Jungen Schauspielhaus, mit der der Regisseur zugleich seine Abschlussarbeit an der Theaterakademie abliefert.

Eigene Bilder zu entwickeln, keine vorgefertigten zu reproduzieren, ist das Ziel der Inszenierung. Und so gerät der talentierte Jungdarsteller Fabian Dämmich als gemobbter, blasser, dicklicher Bastian Baltasar Bux auf einmal in die Faszination eines 400 Seiten starken rot eingebundenen Buches, das er bei dem Buchhändler Karl Konrad Koreander findet. Magisch von dem Wälzer angezogen, stiehlt er es und versteckt sich auf dem Dachboden.

Bastian soll das Reich vor Tod und Untergang bewahren

Ein kluger Kunstgriff, den lesenden Jugendlichen als Rahmenhandlung einzubauen, vor dessen innerem Auge sich dann das Geschehen entwickelt, in das er aber auch nach einigen chorisch von allen drei Darstellern gesprochenen Lese-Szenen bald selbst einsteigt. In groben Zügen spult sich dann halb erzählt, halb gespielt, die Handlung ab. Bastian trifft auf Atréju, die hier bei Leonie Stäblein eine Jägerin ist und kein Jäger.

Mit ihrem Pferd Artax, das als Schattenspiel einer Schleich-Figur auf die Rückwand vergrößert wird, verirrt sie sich in den Sümpfen der Traurigkeit auf der Reise nach Phantásien. Ihr Auftrag ist es, ein Kind zu finden, das der schwerkranken kindlichen Kaiserin einen neuen Namen geben kann und damit sie und das Reich vor Tod und Untergang bewahrt. Natürlich ist Bastian dieses Kind, doch es braucht einige Abenteuer auf dem Weg zum südlichen Orakel bei der Ulala, bis er das begreift.

Der Regisseur fordert seine jungen Zuschauer heraus

Spaan, der gemeinsam mit Paul Marwitz auch die Bühnenfassung erstellt hat, fordert seine jungen Zuschauerinnen und Zuschauer heraus. Denn die Welt, die sich ihnen hier präsentiert, ist dunkel, verunsichernd, ungewiss. Eine Wirklichkeit voller Löcher. Es gibt keine materiellen Dinge, die Geist oder Auge Halt bieten könnten, alles entsteht aus der Leere und der Sprache heraus. Ganz nebenbei verhandelt der Abend aber genau die Grundthemen des Buches, die Begegnung mit dem großen Nichts, mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit der Welt und die Einbeziehung der Fantasie in die Wahrnehmung von Realität.

Die drei Darsteller, ebenfalls von der Theaterakademie, machen ihre Sache obendrein ziemlich gut. Fabian Dämmich agiert souverän, Leonie Stäblein gewinnt ihrer Atréju eine Portion Kampfgeist und kühle Analytik ab. Und Leo Meier holt aus diversen Nebenrollen mit variabler Stimme und Gestik einiges an gelungener Komik heraus. Ansonsten braucht Spaan nicht viel, ab und zu wechselndes Licht, hier und da eine leise Elektronik-Tonspur. Unnötig dagegen sind die Szenen, in denen der Autor Michael Ende selbst aus seinen Briefen spricht oder die unpassende Werbeblock-Unterbrechung. Sie drohen die gewichtigen Sätze des Abends zu schwächen.

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„Die Welt ist ein Spiel im Nichts.“ Das ist sie dann aber eben doch nicht, weil auf einmal Freundschaft, Mut, Rettung für eine Gemeinschaft zählen. Bedeutsame Werte, die man nicht hoch genug schätzen kann.

„Die unendliche Geschichte“ nächste Vorstellungen 20.3., 10.30, 21.3., 16.00, ab 12 Jahren, Junges Schauspielhaus, Große ProbeBühne im Schauspielhaus (U/S Hbf.), Kirchenallee 39, Karten 14,-/8,- (erm.) unter T. 040/24 87 13