Norderstedt
Kiel/Norderstedt

Drogengeschäfte aus der Psychiatrie heraus organisiert

Die Angeklagten handelten aus der Psychiatrie heraus mit illegalen Codein-Hustensäften (Symbolbild).

Die Angeklagten handelten aus der Psychiatrie heraus mit illegalen Codein-Hustensäften (Symbolbild).

Foto: mrp / picture alliance / imageBROKER

Dealer sollen mit Codein-Säften gehandelt haben. Mitarbeiterin einer Norderstedter Apotheke wird der Mithilfe beschuldigt.

Kiel/Norderstedt.  Im April 2019 hatten die Ermittlungen der Drogenfahnder Schlagzeilen gemacht: Teilweise aus der geschlossenen Psychiatrie der Helios-Kliniken in Schleswig heraus soll eine sechsköpfige Dealergruppe schwunghaft mit illegalen Codein-Säften („Lean“, „Purple Drank“) gehandelt haben. Nun hat im Kieler Landgericht der erste von drei Prozessen gegen die mutmaßlich Beteiligten begonnen.

Alle sechs Beschuldigte, darunter eine Ehefrau und eine Ex-Partnerin der untergebrachten Psychiatrie-Insassen, waren nach der Aufdeckung der Drogengeschäfte in Haft gekommen. Gemeinsame Quelle ihrer selbst zusammengebrauten Mixturen soll eine Apotheke in Norderstedt gewesen sein.

Apothekenmitarbeiterin besorgte Codein

Eine dortige Mitarbeiterin wird beschuldigt, den Tätern Medikamente als Zutaten geliefert zu haben. Sie soll mit dem Ehepaar befreundet gewesen sein und muss sich demnächst in einem eigenen Prozess vor dem Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Frau wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz.

Die beiden jetzt in Kiel vor Gericht stehenden Angeklagten sind 29 und 23 Jahre alt und einschlägig vorbestraft. Sie müssen erneut mit mehrjährigen Haftstrafen rechnen. Der Ältere verbrachte wegen Drogendelikten schon knapp zehn Jahre hinter Gittern. Gegen ihn hatte das Landgericht im April 2018 eine Therapie-Maßregel in der forensischen Psychiatrie verhängt.

Therapie hielt nicht von Straftaten ab

Der Aufenthalt dort soll den 29-Jährigen jedoch nicht von der Organisation weiterer Drogengeschäfte abgehalten haben. Zur Klärung der Frage, ob die selbst abhängigen Angeklagten zur Tatzeit schuldfähig waren, nimmt ein psychiatrischer Sachverständiger am Prozess teil. Die beiden Freunde teilten sich zeitweise eine gemeinsame Wohnung am Kieler Ostring. Hier stellte die Polizei neben Drogen auch einen Elektroschocker, eine Schreckschusspistole und ein Springmesser sicher. Die Waffen im Drogenlabor waren laut Anklage „zur Verletzung von Personen bestimmt“.

Durch den Verkauf von vier Kilogramm Speed und rund 30 Liter Codein-Saft soll das Duo rund 65.000 Euro eingenommen haben. Drogenexperten des Landeskriminalamts wehren sich gegen eine Verharmlosung der neuen Partydroge als „Hustensaft“. Konsumenten mixten die häufig lila eingefärbte Flüssigkeit gerne mit alkoholischen Getränken. Ermittler von Staatsanwaltschaft und Zoll warnen vor nicht nachvollziehbaren Inhaltsstoffen. Unkontrollierbare Dosierungen führten zu einem unberechenbaren Drogenmix.

Ob der aktuell verzeichnete Anstieg der Drogentoten in Schleswig-Holstein auf ein neues Zehn-Jahres-Hoch – 2018 waren es 51 Menschen und damit 17 mehr als noch 2017 – den Codein-Säften zuzuschreiben ist, lasse sich indes noch nicht sagen.