Norderstedt
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Als Jüdin in Deutschland sichtbar sein

Die Norderstedter Unternehmensberaterin Ayala Nagel engagiert sich seit 20 Jahren für die deutsch-israelische Freundschaft in Norderstedt

Die Norderstedter Unternehmensberaterin Ayala Nagel engagiert sich seit 20 Jahren für die deutsch-israelische Freundschaft in Norderstedt

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Ayala Nagel, Vorsitzende des deutsch-israelischen Freundschaftsvereins Chaverim, spricht über aufflammenden Judenhass in Berlin.

Norderstedt.  Ayala Nagel hat am Sonntag in der Paul-Gerhardt-Kirche Chanukka gefeiert, das Lichterfest im Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 165 vor Christus. Ein wichtiges jüdisches Fest in einer christlichen Kirche. Es ist längst Tradition in Norderstedt geworden, dass Nagel als Vorsitzende des deutsch-israelischen Freundschaftsvereins Chaverim zur Chanukka-Feier lädt, gemeinsam mit ihrem Vorstandskollegen, dem Pastor Hans-Christoph Plümer.

Klezmer-Klänge der Band Mischpoke, Kerzenschein und friedvolle Stimmung machten den Sonntag zu einem gelungenen Fest. Und trotzdem konnte Ayala Nagel in diesem Jahr beim Feiern ein ungutes Gefühl nicht verdrängen.

Tage zuvor brannten in Berlin bei anti-israelischen Demonstrationen Davidsterne und israelische Flaggen. Der Judenhass wurde offen demonstriert. Junge Muslime sprachen Israel das Existenzrecht ab und schworen gegenüber der „Bild“-Zeitung, Israelis und Amerikaner zu töten, falls sie ihnen auf der Straße begegnen würden. Szenen, wie man sie aus Gaza-Stadt oder Teheran gewohnt ist – aber aus Berlin, direkt vor dem Brandenburger Tor?

„Man darf dazu nicht schweigen“, sagt Ayala Nagel. „Und auch wenn Berlin weit weg ist: Ich habe mir meine Gedanken zur Sicherheit beim Chanukka-Fest in Norderstedt gemacht. Denn weiß ich, wer draußen so alles herumläuft?“ Wobei – groß ist die Angst nicht bei Ayala Nagel. Zum einen, weil sie eine starke Frau ist und Offizierin der israelischen Armee. Zum anderen, weil sie eben doch viele Menschen da draußen in Norderstedt gut kennt und weiß, dass ihr in all den Jahren in dieser Stadt als Jüdin und bekennender Verfechterin des israelischen Staates nie Hass oder Ablehnung entgegenschlugen. Im Gegenteil: „Seit ich in Norderstedt lebe, habe ich viele Freunde gefunden. Und ich stieß auf großes Interesse an meinem Land und meiner Religion.“ Hass-Mails, Sprüche auf der Straße, Anfeindungen – all das hat sie in Norderstedt nie erlebt.

Doch die schlimmen Bilder aus Berlin versetzen Ayala Nagel in Verteidigungsbereitschaft. „Ich denke, man muss gerade jetzt sichtbar sein als Jüdin in Deutschland und einstehen für seine Werte und für Israel.“

In ihrem früheren Leben in Haifa kannte sie das nicht anders. Nachdem sie dort ihren Mann, den Norderstedter Lufthansa-Manager Andreas Nagel, kennenlernte und der Liebe wegen nach Deutschland zog, erlebte sie in Norderstedt eine Art gesellschaftspolitischen Kulturschock. „Ich musste erkennen, dass ich nicht normal war.“

Normal – das war für die Israelin bis dahin, Angst zu haben, wenn eine herrenlose Tasche irgendwo auf einer Bank stand, wenn man auf dem Schuk, dem Markt, oder in großen Menschenansammlungen unterwegs war oder man in einen Bus oder eine Bahn stieg. Normal war, Freiheit und die eigene Unversehrtheit nicht als gesetzt zu verstehen, sondern sie immer mit der Überzeugung und Bereitschaft zu leben, sie in jeder Minute mit allem, was man hat, zu verteidigen.

Die Selbstverständlichkeit des Seins der Deutschen, diese fast schon naive Gelassenheit, die in ihrem Nicht-möglich-Halten von Gefahren liegt, entwaffnete Ayala Nagel. „In Israel steht eine herrenlose Tasche keine fünf Minuten auf einer Bank, ehe die Polizei kommt, alles abriegelt und die Tasche untersucht. In Norderstedt würden die meisten Leute achtlos an der Tasche vorbeigehen und sich kaum wundern.“ Aufgewachsen in einem Staat, der im permanenten Kriegszustand mit allen seinen Nachbarn liegt, erfährt die Jüdin zum ersten Mal, wie es ist, in einer friedlichen und unbedrohten Grundordnung zu leben. „Und ich empfinde das als etwas ganz Wunderbares.“

Umso trauriger macht es Ayala Nagel, dass Terrorangst für Deutsche nun keine abstrakte, sondern eine sehr reale Gefahr ist. Dass Menschen vor dem Gang auf den Weihnachtsmarkt kurz innehalten und intuitiv die Betonsperren vor den Zufahrten prüfen. Und herrenlose Taschen stehen auch in Deutschland nicht mehr allzu lange ohne Polizeieinsatz herum. Die Welt ist seit 1997 eine entschieden andere geworden in Deutschland.

Chaverim, der deutsch-israelische Freundschaftsverein, wird im nächsten Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiern, gleichzeitig wird der Staat Israel 70 Jahre alt. Wenn Ayala Nagel davon spricht, gerade in Zeiten aufkommenden Israel- und Judenhasses besonders sichtbar zu sein – kommt sie da in Versuchung, noch mehr Veranstaltungen, noch mehr Vorträge und noch mehr Konzerte mit Chaverim zu veranstalten, die Hand noch viel weiter auszustrecken zur Verständigung? „Nein. Ich will nicht reagieren müssen auf den Hass der anderen. Chaverim ist als anerkannter Kulturträger mit seinen vielen Angeboten und nicht zuletzt auch durch den Bustan im Stadtpark gut sichtbar in der Stadt.“ Und das Interesse der Norderstedter an Israel ist ungebremst groß. Im März führt Chaverim in Kooperation mit der Kirchengemeinde Harksheide erneut eine Reisegruppe nach Israel. „Wir haben schon über 50 Anmeldungen.“

www.chaverim-norderstedt.de