Norderstedt
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Der Star-Club war ihr zweites Zuhause

Der Musiker Hans Gerdes aus Henstedt-Ulzburg und der Fotograf Robert Günther aus Norderstedt erinnern sich an legendäre Zeiten im Star-Club.

Es ist 22 Uhr, alle Jugendlichen unter 18 Jahren müssen das Lokal verlassen!" Diese Durchsage war nicht populär, aber legendär: So wurden im Hamburger Star-Club die jungen Gäste verabschiedet. Bühnenmanagerin Hilde Peters übernahm diese Durchsagen häufig, manchmal trat auch Star-Club-Maskottchen Pico (alias Salvatore Martens) ans Mikrofon, doch das wurde nicht immer gerne gesehen, weil der für den Geschmack von Star-Club-Chef Manfred Weißleder bei dieser ernsten Angelegenheit zu viele Faxen machte. Wenn es gar nicht anders ging, sprang ein junger Mann, eher noch ein Jüngling, auf die Bühne und schickte die jugendlichen Gäste nach Hause: Robert Günther machte das nett und charmant.

Heute erinnert sich der Norderstedter Fotograf und Party-Veranstalter gerne an diese Zeit - und er lässt andere daran teilhaben: Auf seiner Internetseite www.starclub-hamburg.eu zeigt Günther Tausende von Fotos, die er zu den Glanzzeiten des Clubs gemacht hat.

Heute vor 50 Jahren öffnete der Star-Club erstmals seinen Eingang. Auch in Norderstedt und Umgebung gibt es Menschen, die auf der Bühne des Clubs gestanden haben und live miterlebten, wie ein Stück Musikgeschichte geschrieben wurde. Nur gemerkt hat es damals offenbar kaum jemand. Von der Presse ignoriert, vom Fernsehen geschmäht, von den Musikfans geliebt. Hans Gerdes aus Henstedt-Ulzburg gehörte zu den Musikern, die jahrelang auf der Bühne des Clubs gestanden haben. "Das war für uns eigentlich nichts Besonderes", sagt er heute. "Es war toll, da zu spielen, aber es war so wie jeder andere Gig auch." Hans Gerdes war Gitarrist von Mama Betty's Band, die 1963 beim ersten Star-Club-Wettbewerb für deutsche Nachwuchsbands mit ihrem Beach-Boys-Sound den zweiten Platz belegte und dadurch eine rasante Karriere machte, die eigentlich noch größer hätte ausfallen können. Sieger wurden die Rattles, aber Hans Gerdes hadert noch heute mit dem Schicksal seiner Band: Wie sich später herausstelle, hätte eigentlich Mama Betty's Band gewinnen müssen, aber viele Stimmzettel waren einfach verbrannt worden. Es existiert ein Star-Club-Buch, in dem dieses Geschehen Jahrzehnte später dokumentiert wurde - geschrieben hat es der spätere Star-Club-Manager Horst Fascher.

Hans Gerdes war nicht nur Star-Club-Musiker, sondern häufig auch Gast, um sich über andere Bands zu informieren. So erlebte er auch die Beatles, die kurz nach ihrem letzten Star-Club-Gastspiel zu einer Weltkarriere abhoben und den Hamburger Musikclub nachträglich so geschichtsträchtig machten. Der Henstedt-Ulzburger hat bis vor wenigen Jahren noch mit den Memories gespielt - oft auch im Bürgerhaus. Heute hindert ihn ein Beinleiden an weiteren Auftritten.

+++ 50 Jahre Star-Club: In war, wer drin war +++

Robert Günther hat sie alle vor der Linse gehabt - auch Hans Gerdes und seine Mama Betty's Band. Er absolvierte damals eine Fotografenausbildung bei Conti-Press in Hamburg und wurde zunächst beruflich in den Star-Club geschickt. Und weil es ihm dort so gut gefiel, wurde er Stammgast. Als Jugendlicher - Robert Günther wurde erst zwei Jahre nach Eröffnung des Star-Clubs 18 Jahre alt - trieb er sich vor der Bühne und vor allem hinter der Bühne herum. "Ich habe die Mitarbeiter so lange genervt, bis ich überall Zutritt hatte." Auch auf die Bühne durfte er, um seine Fotos zu machen. So gelangen ihm legendäre Fotos, die teilweise preisgekrönt sind. Zum Beispiel das Foto mit dem Gitarrenkuss von Jimi Hendrix: 1967 wurde es zum drittbesten World-Press-Foto gekürt. Es gibt kaum eine Band, die Robert Günther im Laufe der Jahre nicht fotografiert hat. Und er war so schlau, seine Negative zu sortieren und zu archivieren, sodass sie heute in vielen Ausstellungen zu sehen sind. Seine Erinnerungen an den Star-Club und die Musiker zieren auch die Erinnerungsseiten so mancher Internet-Community. Zum Beispiel sein Erlebnis mit Jimi Hendrix in einer Spielhalle gegenüber vom Star-Club. "Dort spielten wir am Flipper. Ich erinnere mich noch, wie Jimi einen Bierdeckel unter den Apparat legte, damit die Kugel nicht so schnell ins Aus rollte." Robert Günther war damals einer von insgesamt 51 Personen, die im Besitz eines Star-Club-Ausweises für jederzeitigen kostenlosen Besuch waren.

Ein Musiker mit Star-Club-Erfahrung ist auch der Tangstedter Uwe Lost, der seit 34 Jahren Bassist bei der Countryband Truck Stop ist. Seine Erinnerungen sind zwar blass - er stand dort lediglich einmal während eines Bandwettbewerbs auf der Bühne - dafür aber gehört er heute zu den Aktiven. Während der Jubiläumsfeier in den Fliegenden Bauten ist Uwe Lost Teil einer All-Star-Formation, zu der auch Cliff Bennett, Clem Clempson, Adrian Askew, Roy Dyke und Howie Casey, der einst als Saxofonist bei Paul McCartneys Wings gespielt hat, gehören. Geübt hat er für diesen Auftritt im heimischen Musikkeller, die Lieder sind ihm per Mail zugeschickt worden.

Nicht zu den Fans der ersten Stunde, aber zu den hartnäckigsten Spurensuchern der Vergangenheit gehört das Norderstedter Ehepaar Liane und Wilfried Schurig, das sich schon seit Jahren mit den Musikern der Star-Club-Ära trifft und mit vielen persönlich befreundet ist. Beide begleiten und betreuen in diesen Tage zum Beispiel den früheren Star-Club-Star Lee Curtis, fahren ihn hierhin und dorthin und konnten dem NDR-Fernsehen sogar Material für einen Bericht über Lee Curtis liefern.

Und dann gibt es da noch einen Norderstedter, der ein ganz besonderes Hobby hat: In seiner Freizeit hat er die Star-Club-Bühne nachgebaut. Aber das ist eine ganz andere Geschichte - der Mann möchte seiner Freizeitaktivität lieber im Verborgenen nachgehen. Beim 60. Geburtstag des Star-Clubs will er damit vielleicht an die Öffentlichkeit gehen. Vorher lieber nicht.