Darmerreger-Epidemie

Minister Lindemann: Spuren nach Bienenbüttel verdichten sich

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Neue Informationen erhärten den Verdacht, der Sprossenhof könne den Darmkeim verbreitet haben - die dritte Mitarbeiterin an EHEC erkrankt.

Hannover/Hamburg. Die Spuren zu dem gesperrten Sprossen-Hof in Bienenbüttel bei Uelzen als Quelle für die EHEC-Epidemie verdichten sich nach Angaben von Niedersachsens Agrarminister Gert Lindemann (CDU). Demnach ist eine dritte Mitarbeiterin des Gärtnerhofs im Mai vermutlich an EHEC erkrankt und nun wieder gesund. „Das steht in einem Vermerk, den LAVES und Landesgesundheitsamt gemeinsam erarbeitet haben“, sagte Lindemann am Rande einer CDU-Klausurtagung in Goslar der Nachrichtenagentur dpa. Bisher war die EHEC-Erkrankung einer Mitarbeiterin des Hofs bekannt, eine zweite litt ebenfalls unter Durchfall.

Auch zwei EHEC-Fälle in Cuxhaven wiesen Verbindungen zu dem verdächtigen Biohof auf, erklärte Lindemann. „Das sind Betroffene, die Produkte aus Bienenbüttel konsumiert haben.“ Der Landkreis Cuxhaven ist mit mehr als 60 EHEC-Erkrankten der Schwerpunkt der Epidemie in Niedersachsen.

Der niedersächsische Agrarminister setzt sich für Entschädigungszahlungen des Bundes an deutsche Landwirte ein. „Der Bund ist ganz entscheidend, der Bund ist die Hauptanlaufstelle neben der EU“, sagte Lindemann. Von den EU-Entschädigungen in Höhe von mindestens 150 Millionen Euro werde voraussichtlich wenig nach Deutschland fließen. „Frau Aigner hat mir soeben in einer Telefonschalte gesagt, dass der Löwenanteil der EU-Entschädigung nach Spanien geht, weil es sich nach der Größe der Anbaufläche für Gemüse richtet. Die EU hat inzwischen auch Paprika und Zucchini auf die Entschädigungsliste gesetzt, was ja auch mehr wieder Richtung Spanien weist“, erklärte der Minister. (dpa)

Zur Lage im Norden

Schleswig-Holstein

Die Zahl der Menschen, die sich in Schleswig-Holstein mit dem aggressiven Darmkeim EHEC angesteckt haben, ist auf 676 gestiegen. Dies teilte das Gesundheitsministerium am Dienstag in Kiel mit. Am Vortag waren es noch 588 bestätigte Fälle. Bei den Patienten, die an der Komplikation HUS leiden, gab es eine Zunahme um 6 auf 173. Insgesamt sind in Schleswig-Holstein bisher sechs Menschen an den Folgen der Durchfallerkrankung gestorben. Auf der Suche nach der Quelle für die EHEC-Erkrankungen hat das Landeslabor bisher mehr als 280 Proben untersucht; laut Landwirtschaftsministerium waren alle frei von dem Erreger. Analysiert wurden nicht nur Salat, Gurken, Tomaten und Sprossen, sondern auch weiteres Gemüse, Fleisch und Milch.

Niedersachsen

Die Zahl der EHEC-Toten ist in Niedersachsen auf sechs gestiegen. Zwei weitere Frauen starben an den Folgen der schweren Darmerkrankung, teilte das Gesundheitsministerium am Dienstag in Hannover mit. Dabei handelte es sich um eine 88-Jährige in einem Celler Pflegeheim und eine 74-Jährige im Kreis Stade. Entwarnung könne noch nicht gegeben werden, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Die Zahl der Neuinfektionen stieg allerdings geringer an als in der Vorwoche. Landesweit kletterte die Zahl der Fälle und Verdachtsfälle auf 534. Engpässe in den niedersächsischen Kliniken gebe es nach wie vor nicht, betonte Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU).

Bremen

Die Zahl der Patienten mit dem lebensgefährlichen HU-Syndrom hat sich mit 19 im Bundesland Bremen am Dienstag kaum verändert. Inzwischen seien aber vier Erkrankte gestorben, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Bestätigte Fälle der schweren bakteriellen Infektion EHEC gab es 39, davon 20 in Bremen und 19 in Bremerhaven.

Mecklenburg- Vorpommern

Die Zunahme von EHEC-Infektionen in Mecklenburg- Vorpommern hat sich nach Behördenangaben verlangsamt. Die Zahl der Patienten stieg von 130 am Montag auf 137 am Dienstag, wie das Landesamt für Gesundheit und Soziales in Rostock mitteilte. Nach wie vor stamme die Hälfte der Erkrankten aus den Landkreisen Ludwigslust und Parchim. Bisher mussten 109 Menschen mit dem aggressiven Darmkeim ins Krankenhaus eingewiesen werden. Die Zahl der HUS-Fälle ist von 34 auf 37 gestiegen. HUS ist die Abkürzung für Hämolytisch-Urämisches Syndrom, eine Komplikation, bei der akutes Nierenversagen, Blutarmut durch den Zerfall roter Blutkörperchen und Mangel an Blutplättchen auftreten.

In Mecklenburg-Vorpommern sind bislang zwei Menschen an der Krankheit gestorben, deren Auslöser weiter unklar ist. Proben von Gemüsesprossen, die in Verdacht geraten waren, hatten keine Hinweise auf den EHEC-Erreger gebracht. Ein Gärtnerhof bei Uelzen in Niedersachsen war allerdings am Dienstag weiter geschlossen.

Die Opposition im Landtag kritisierte das Krisenmanagement der Landesregierung. Das Meldesystem im Land funktioniere offensichtlich nur unzureichend, erklärte die gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Marianne Linke. Die Landesregierung scheine keinen Krisenstab eingerichtet zu haben oder er sei am Wochenende nicht zu erreichen gewesen. „Wir erwarten am Mittwoch im Sozialausschuss Antworten unter anderem auf die Frage, welchen weiteren Verlauf der Epidemie die Landesregierung für MV prognostiziert.“ Aufklärung verlange ihre Fraktion auch über die Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit und warum sich die Erkrankungen vor allem auf die Landkreise Ludwigslust und Parchim konzentrieren.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Norbert Nieszery wies die Kritik zurück. Gesundheitsministerin Manuela Schwesig (SPD) unterbreche am Mittwoch extra ihren Urlaub, um an der Gesundheitsministerkonferenz der Länder teilzunehmen. Er zeigte sich zudem verwundert über die Frage zum weiteren Verlauf der Erkrankungswelle. Das sei eine der Fragen, „an denen die gesammelte Fachwelt derzeit immer noch intensiv arbeitet“.

Keine EHEC-Keime auf alter Sprossen-Probe

Die von einem Hamburger EHEC-Patienten bei den Behörden abgegebene, alte Sprossen-Probe weist keine EHEC-Keime auf. Das sagte Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) am Dienstag. Der 42-jährige Hamburger hatte das Sprossengemüse des gesperrten Hofs in Niedersachsen im Kühlschrank vergessen. Die mehrere Wochen alte Packung hätte den Behörden dabei helfen können, die Infektionsquelle zweifelsfrei nachzuweisen.

Der 42-jährige Mann war selbst – möglicherweise nach dem Verzehr von anderem Sprossengemüse – an EHEC erkrankt und lag tagelang auf einer Isolierstation in einem Lüneburger Krankenhaus. Mittlerweile ist er von der Infektion wieder genesen.

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Zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes gehen auf der Hofeinfahrt des Gartenbaubetriebes auf und ab. Das Grundstück ist mit Sträuchern und hohen Bäumen bewachsen, gleich nebenan liegen Kühe auf einer Weide. Nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministers, Gert Lindemann (CDU), könnten die in dem Betrieb produzierten Sprossen Ursache der schweren EHEC-Erkrankungen sein. "Es war ein gewaltiger Paukenschlag, als wir gehört haben, dass hier die Quelle für das EHEC-Bakterium liegen soll“, sagt Bruno Greve, der direkt neben dem Hof wohnt.

Wenn es sich bewahrheite, dass hier die "Ursache allen Übels“ liege, sei das für die Allgemeinheit natürlich gut, sagt Greve. "Schlimm ist es nur, wenn der Schuss nach hinten los geht“, so der 79-Jährige. Er deutet auf die zahlreichen Kameras, die sich vor einem grünen Gittertor postiert haben. "Sollte sich der Verdacht als falsch herausstellen, kann der Schaden für den Hof nicht mehr rückgängig gemacht werden“, befürchtet Greve.

Bio-Anbau seit 1978

Der Gartenbaubetrieb liegt im niedersächsischen Bienenbüttel, einer Gemeinde mit rund 6.500 Einwohnern im Landkreis Uelzen. Auf seiner Internetseite wirbt der Betrieb mit "Bio-Anbau seit 1978“. Auf dem Gelände des Betriebes stehen hinter dem überwucherten Zaun ein Wohnhaus und ein Gewächshaus. Immer wieder fährt an diesem Vormittag eine Polizeistreife an der Hofeinfahrt vorbei. Der Betrieb ist seit Sonntag gesperrt.

Am Montag will sich keiner der Geschäftsführer gegenüber Presse äußern. Kamerateams warten vergeblich auf Interviews vor den Toren des Betriebs. Auf der Internetseite des Gärtnerhofs ist aber nachzulesen, dass man „erschüttert und besorgt“ sei, dass ein Teil der Produkte mit dem EHEC-Erreger verunreinigt sein soll.

"Wir betreiben die Sprossenproduktion seit 25 Jahren und haben bisher immer einwandfreie Ware ausliefern können. Im Januar 2011 hatten wir routinemäßig auf E.coli beprobt, die Ergebnisse waren negativ. In der zweiten Mai-Hälfte testeten wir aufgrund der aktuellen Lage zusätzlich verschiedene Sprossen, die Laborergebnisse waren ebenfalls alle negativ“, heißt es weiter auf der Internetseite.

"Auf dem Hof war alles sehr, sehr sauber“

Die Ehefrau des 79-Jährigen Greve, Hildegund Greve, traf am Montag noch eine Mitarbeiterin des Betriebes beim Einkaufen im Dorf. "Die Dame sagte mir, auf dem Hof sei alles sehr, sehr sauber gewesen“, erzählt Greve. Es sei unvorstellbar, dass hier alles ausgelöst worden sein soll, sagt die 73-Jährige und geht zurück in ihren Garten, um Wäsche aufzuhängen.

+++ Acht Sprossen-Proben in Hamburg negativ +++

Karen Erbuth fährt auf ihrem Fahrrad die kleine Straße entlang, die auf den Hof führt, vorbei an Einfamilienhäusern und Gärten. Überrascht von den vielen Leuten vor der Hofeinfahrt hält sie an. "Finanziell ist das sicherlich jetzt schon ein Desaster für die Familie“, sagt Erbuth, die wenige Meter entfernt wohnt. Die Nachbarin lebt seit 16 Jahren in dem Ort und hat bis vor einigen Jahren auch in dem Betrieb eingekauft. "Ich erinnere mich daran, dass auf dem Grundstück ein großer Erdkeller liegt“, sagt die Nachbarin. Von dort sei Obst und Gemüse direkt verkauft worden. Das habe sich aber scheinbar nicht gelohnt. Jetzt verkaufe der Betrieb seine Waren auf dem Markt in Lüneburg, sagt Erbuth.

"Hoffentlich ist alles bald vorbei“

Bruno Greve kommt aus seinem Haus und schießt mit einer Digitalkamera Fotos von den Journalisten vor dem Gartenbaubetrieb. "Wenn schon mal so viele Leute kommen, muss das auch festgehalten werden“, sagt Greve. Wollen wir hoffen, dass alles bald vorbei ist„, fügt der Rentner hinzu. Ob er den Trubel vor seinem Haus oder die EHEC-Erkrankungswelle meint, sagt Greve nicht.

Mit Material von dpa