Castor-Transport

In der Halle des Atommülls von Gorleben

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Der Chef des Zwischenlagers zeigt, wo die Castoren mit dem radioaktiven Abfall stehen. Für ihn ist die Arbeit nicht unheimlich oder gefährlich.

Gorleben/Dannenberg. Lutz Oelschläger hat von Anfang an auf Offensive gesetzt. Dass er im Zwischenlager Gorleben an verantwortlicher Stelle arbeitet, daraus hat er keinen Hehl gemacht, als er vor 20 Jahren mit der Familie ins Wendland kam und nach Gusborn zog. Inzwischen ist Oelschläger der Chef des Zwischenlagers und versicherte am Montag, was er als Handballtrainer des MTV Dannenberg seinen Männern auch immer wieder sagt: "Was wir hier machen, ist nicht unheimlich, nicht gefährlich und auch nicht geheimnisvoll."

91 jeweils über sechs Meter hohe und über 100 Tonnen schwere Castorbehälter stehen am anderen Ende der Lagerhalle, wegen der Entfernung wirken sie fast wie Spielzeug. Davor ist der Platz schon ausgeguckt für die elf weiteren Castorbehälter, die Anfang November aus Frankreich kommen und in der Umladestation Dannenberg für die letzten 19 Kilometer von der Schiene auf mächtige Lastwagen umgepackt werden.

Es war gestern ein goldener Oktobertag im Wendland, dieses Wetter wünschen sich die Demonstranten , während die Polizisten die Daumen drücken für schlechtes Wetter, weil das die Teilnahme an Demonstrationen und Aktionen bremst. Polizei ist bereits stark präsent an großen Kreuzungen im Landkreis Lüchow-Dannenberg, vor dem Zwischenlager und dem Endlagererkundungsbergwerk.

"Das wird noch viel, viel mehr, und am Ende haben wir hier nichts mehr zu sagen", umschreibt eine 54-jährige Frau in Lüchow das, was jetzt zum zwölften Mal bevorsteht: Der Castor kommt, mit ihm kommen die Ordnungsmacht und die Demonstranten.

Oelschläger, Diplom-Ingenieur für Kerntechnik, hat sein ganz privates Rezept gegen Ängste der Mitbürger: "Ich lade meine Nachbarn gerne ein, uns hier zu besuchen und zu sehen, wie wir arbeiten." Danach habe ihm mancher gesagt, worauf der 47 Jahre alte Vater dreier inzwischen großer Töchter gehofft hatte: "Jetzt weiß ich, was du hier tust, und fühle mich sicherer."

In knapp 14 Tagen rollen die Castoren, gerechnet wird aufseiten der Demonstranten je nach Optimismus und Wetterbericht mit 30.000 bis 50.000 Teilnehmern - mindestens doppelt so viele wie bislang. Der zwölfte Transport ist auch wegen der Laufzeitverlängerungen für die Kernkraftwerke und die erneute Erkundung des Salzstocks Gorleben auf Eignung als Endlager wieder das, was nur die ersten Transporte waren - ein Anlass zum Protest weit über die Grenzen der Region hinaus. Dass die Staatsanwaltschaft Lüneburg inzwischen gegen über tausend Personen wegen des Verdachts ermittelt, sie hätten zu Straftaten aufgerufen, zum "Schottern der Gleise", also das Abtragen von Steinen aus dem Gleisbett, regt die Menschen im Wendland auf. Für die Anti-Atom-Initiativen ist das ein untauglicher Versuch, den Widerstand einzuschüchtern.

Auf dem Gelände des Zwischenlagers ist von der spürbaren Unruhe der Bevölkerung nichts zu merken. 91 grüne Lämpchen im Kontrollraum stehen dafür, dass alle 91 Deckel der Castoren dicht sind, Messgeräte spucken für die Strahlung nur Ergebnisse weit unter allen Grenzwerten aus.

Und noch eine - zumindest bedingt gute - Botschaft hatten die Männer der Gesellschaft für Nuklear-Service als Betreiber des Zwischenlagers gestern: Das Ende der Transporte ist absehbar. Im kommenden Jahr kommen die elf letzten Castoren aus Frankreich, dann folgt eine mindestens zweijährige Pause, und ab 2014 rollen noch einmal die vier letzten Transporte mit 21 Castoren aus Großbritannien. Dann ist mit 134 Castoren Schluss, weil es keine Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente mehr gibt. Die anderen verbrauchten Brennelemente der Atommeiler werden auf Jahrzehnte in kleinen Zwischenlagern direkt an den Standorten verwahrt. Von den ursprünglich vorgesehenen 420 Stellplätzen für Castoren im Zwischenlager Gorleben wird nur knapp ein Drittel gebraucht.