Landwirtschaft

Paprika und Tomaten: Holland in Dithmarschen

Foto: Patrick Piel

In zwei Gewächshäusern - 11,3 Hektar groß - produzieren örtliche Bauern wie Jens Kühn Tomaten und Paprika in ganz großem Stil.

Hemmingstedt. Die Arbeitswelt von Jens Kühn ist bestimmt von Rot und Grün. Rot sind Paprika und Tomaten, kräftig grün sind die Pflanzen, die er gesund erhalten soll. Doch eigentlich ist die Welt des Gärtnermeisters und Betriebsleiters schwarz-weiß. Schwarz sind die Schädlinge, weiß sind die Nützlinge. Die Macrolophus steht für Weiß, ausgerechnet die Weiße Fliege für Schwarz. Macrolophus ist eine winzige Raubwanze, die die Weißen Fliegenlarven frisst und damit Jens Kühn eine Menge Probleme abnimmt. Hier in Hemmingstedt geht der Kampf der Guten gegen die Bösen in ganz großem Stil über die Bühne - in zwei 55.000 und 58.000 Quadratmeter großen Glashäusern (etwa so groß wie zwölf Fußballfelder) wird Gemüse angebaut. Was hier in dieser kleinen Gemeinde mit den gut 2900 Einwohnern wächst, wird künftig auf Hamburgs Tellern landen.

Wer auf der A 23 Richtung Nordsee fährt, hat sich über die sich endlos dahinziehenden Glasfronten vermutlich schon gewundert, ehe die Erdölraffinerie mit ihren riesigen Türmen und Rohrleitungen ein paar Hundert Meter weiter die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dieser Shell-Raffinerie verdankt das strukturschwache Dithmarschen die Ansiedlung der größten Gewächshäuser Schleswig-Holsteins, die von Vitarom, einem Verbund von vier Erzeugern aus der Region, betrieben werden. Zum Beheizen der Hallen wird die Abwärme aus der Erdölraffinerie genutzt. Ein System aus Wärmetauschern, Pumpen und Rohrleitungen lässt Tomaten und Paprika wachsen wie im schönsten Sommer. Lange Lieferverträge machen die Kosten der Energieversorgung kalkulierbar. "Das Wasser kommt durch die großen Rohre mit 90 Grad hier an", erklärt Projektleiter Frank Schoof. Er arbeitet für die Godeland Vermarktungsgesellschaft mbH, die ihr Obst und Gemüse auf dem Großmarkt Hamburg verkauft und künftig auch das Gemüse aus Hemmingstedt vertreibt.

Der Untergrund war keineswegs ideal für die überdimensionalen Glashäuser. 2169 Betonpfähle mussten zur Gründung in den Boden gegossen werden - zwölf bis 18 Meter tief, um den moorigen Boden zu befestigen.

Über 275 Meter Länge und 204 Meter Breite ziehen sich die Tomaten durch die eine Halle - die beiden Gemüsesorten sind streng getrennt. Während es in der Tomatenhalle schlicht nach Gewächshaus riecht, ist in der Paprikahalle der Duft der Schoten durchdringend.

So richtig die Finger dreckig machen muss sich hier keiner mehr. Erde gibt es hier nicht. Die Pflanzen wachsen auf Substrat-Matten, die ausgeklügelt mit Feuchtigkeit und Nährstoffen versorgt werden. Ein Klimacomputer kontrolliert die Bedingungen. Wenn die Dithmarscher Sonne zu kräftig scheint, wird das Beschattungssystem ausgefahren.

"Wir setzen hauptsächlich auf biologische Schädlingsbekämpfung", erklärt Gärtnermeister Kühn. "Wir verwenden fünf bis sechs unterschiedliche Arten von Nützlingen." Aus kleinen Tütchen, die zwischen den Pflanzen hängen, schlüpfen die Macrolophus-Wanzen und ihre "Kollegen" auf die Stauden. An den Hallendecken hängen Klebefallen, die Kühn und seinen Mitarbeitern anzeigen, wie hoch der Befall an Schädlingen ist und wie stark sie gegensteuern müssen. Für die Befruchtung der Tomaten sorgen Hummelvölker (Paprika schafft das allein).

35 Leute arbeiten derzeit hier, aber wohl keiner verbringt so viel Zeit im Betrieb wie der 33-jährige Gärtnermeister Kühn. Bei der Frage nach geregelten Arbeitszeiten zieht er die Augenbrauen hoch und grinst. "Die sind wie Kühe", sagt er und meint Paprika und Tomaten. "Man muss ständig kontrollieren, ob die Wassergabe und die Temperatur stimmen. Die Pflanzen sollen nicht mit nassen Füßen ins Bett gehen." Er beginnt zu lächeln: "Wir gehen ja auch nicht mit nassen Socken schlafen." Der Mann mag seinen Job. Unverkennbar.

Für viele hier ist das Gewächshaus eine Chance, endlich aus der Arbeitslosigkeit rauszukommen. Simone Kischel ist gelernte Täschnerin. "Da findet man keine Arbeit mehr", sagt die 44-Jährige, die lange Hausfrau war und zuletzt von Hartz IV lebte. "Es ist ganz anders, sein Geld wieder selbst zu verdienen. Ich kann mir gut vorstellen, hier dauerhaft zu arbeiten", sagt sie.

"Die Ansiedlung stößt in eine Lücke. Der Anteil der Geringqualifizierten unter den Arbeitslosen ist bei uns im Kreis relativ hoch", sagt Jörn Klimant, Landrat von Dithmarschen. "Es ist ein wichtiges Angebot hier, noch dazu in der Nähe der Kreisstadt Heide." Das Arbeitsamt in Heide hatte mehrere Informationsveranstaltungen organisiert. 250 Leute seien gekommen, sagt Kühn, etwa 80 konnten sich danach gut vorstellen, bei Vitarom anzufangen.

Die üblichen Probleme mit vielen Arbeitslosen, dass sie entweder die Arbeit gar nicht antreten und schon am zweiten Tag mit einem ärztlichen Attest kommen, habe man nicht gehabt. "Alle Bewerber, die das Arbeitsamt uns vermittelt hat, sind noch da, nur die drei, die direkt hierherkamen und die ich so eingestellt habe, die sind schon wieder weg", gesteht Kühn und will sich künftig nur noch auf das Arbeitsamt verlassen.

Yasmin Paulus ist eine von denen, die ihre Chance genutzt haben. Die Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte hatte ihren Job bei einem Anwalt gekündigt, "weil er mir zu langweilig war". Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit arbeitete sie erst zwischen Tomaten und Paprika, "aber zunehmend wird der Anteil der Büroarbeit mehr, jetzt bin ich nicht mehr so oft hier in den Hallen", sagt die 23-Jährige.

Sobald die Ernte so richtig in Gang kommt, sollen bis zu 80 Leute hier arbeiten. Pflücker und Verpacker, denn auch in diesem Hightech-Betrieb wird noch ganz viel von Hand gemacht.

Bis November werden nach Schätzung von Schoof 3000 Tonnen Tomaten und 1400 Tonnen Paprika geerntet und von der Firma Godeland vertrieben. Schon jetzt sei "alles, was Rang und Namen hat", Kunde von Godeland, so Schoof. "Bislang verkaufen wir holländische Paprika in großem Stil. Wenn Sie bei Edeka ein Paprika-Trio kaufen, ist es häufig von uns." Aber auch viele Discounter und andere Supermarktketten würden beliefert. Derzeit seien 95 Prozent der in Deutschland verkauften Paprika aus ausländischer Produktion. Er setzt voll auf Hemmingstedt. "Wir sparen Fahrwege, können dadurch zwei bis drei Tage später ernten, und wir sind überzeugt, dass wir dadurch einen besseren Geschmack erzielen." Wenn der kommerzielle Erfolg kommt, kann die Anbaufläche verdoppelt werden - durch den Bau zweier weiterer Gewächshäuser.

Ganz ohne Holland geht es aber immer noch nicht: Die Tüten mit den Macrolophus-Wanzen und auch die Hummeln sind made in Netherlands.