Klima-Anpassungsprogramm

Wie sich Oststeinbeks Ortsplaner gegen Hochwasser rüsten

Oststeinbeks Bürgermeister Jürgen Hettwer und Gemeindeplanerin Nina Kohlmorgen stehen am Forellenbach, der an Himmelfahrt 2018 über die Ufer trat.

Oststeinbeks Bürgermeister Jürgen Hettwer und Gemeindeplanerin Nina Kohlmorgen stehen am Forellenbach, der an Himmelfahrt 2018 über die Ufer trat.

Foto: Filip Schwen

Mit Überflutungsarealen, Aufforstung und Entsiegelung von Flächen möchte die Gemeinde Oststeinbek Fluten künftig vorbeugen.

Zerstörte Fenster, durchbrochene Kellertüren, ein unterspülter Bahndamm und eingestürzte Gebäudeteile – ein Bild der Verwüstung bot sich Oststeinbeks Bürgermeister Jürgen Hettwer, als er nach dem verheerenden Unwetter am Himmelfahrtstag 2018 die Schäden in der Gemeinde erkundete. „Die ausgedorrten Böden konnten die große Niederschlagsmenge nicht ansatzweise aufnehmen“, sagt der Verwaltungschef. Regenmengen von 137 Litern pro Quadratmeter in zwei Stunden verwandelten Straßenzüge in reißende Ströme, der Forellenbach, der die Gemeinde durchzieht, trat über die Ufer. Zahlreiche Keller liefen voll, ein Millionenschaden an Gebäuden und Infrastruktur entstand.

Als Folge des Klimawandels werden die Extremwetterlagen nach Ansicht vieler Experten weiter zunehmen. So heißt es im Klimaschutz-Programm des Kreises Stormarn etwa mit Verweis auf Auswertungen des Weltklimarates, dass mit höheren Temperaturen, längeren Trockenperioden und insgesamt zwar weniger sommerlichen Niederschlägen, dafür aber stärkeren Regenfällen im Kreisgebiet zu rechnen sei.

Engpässe im Kanalsystem wurden identifiziert

Die Gemeinde Oststeinbek hat nach der Flut von 2018 reagiert: Mit einem Klimaanpassungsprogramm will sich die Kommune wappnen. „Als ersten Schritt haben wir in Zusammenarbeit mit Hamburg Wasser eine Modellierung unseres Entwässerungssystems erstellt“, sagt Bürgermeister Jürgen Hettwer. „Durch die Erhebung topographischer Daten und deren Zusammenführung mit gemessenen Niederschlagsmengen konnten wir genau ausmachen, welche Areale besonders überflutungsgefährdet sind“, erklärt Gemeindeplanerin Nina Kohlmorgen, die im Rathaus federführend für das Projekt zuständig ist.

Auch identifizierte Engpässe im Kanalsystem flossen in die Gefährdungsanalyse ein. Kartenmaterial zeigt durch Überflutungen stark gefährdete Gebäude. „Als nächsten Schritt haben wir erarbeitet, an welchen Stellen das Anlegen von natürlichen Überflutungsflächen, sogenannten Retentionsraums, sinnvoll und umsetzbar ist“, erklärt Kohlmorgen. Derartige Areale gäbe es bereits nahe der Oststeinbeker Feuerwache. Weitere könnten am nördlichen Rand der Gemeinde und im Ortsteil Havighorst entstehen. Geplant würden vor allem kleine, dezentrale Maßnahmen, dazu komme Beratung bei der privaten Risikovorsorge. Kohlmorgen: „Um zu vermeiden, dass die Wassermassen in den Ort strömen, könnten an Ackerflächen Mulden entstehen, die das Wasser zurückhalten. Verkehrsflächen wie Parkplätze könnten so umgestaltet werden, dass sie als Versickerungsflächen dienen.“ Als weitere Maßnahme plant die Gemeinde das Anpflanzen von Waldflächen, die als natürliche Bremse auf die Fluten wirken sollen. „Entwässerungssysteme sollen künftig vorrangig offen, beispielsweise durch Gräben, realisiert werden. Rohrsysteme unter der Erde haben immer nur ein begrenztes Aufnahmevolumen“, sagt Kohlmorgen. An der Kreuzung Möllner Landstraße/Stormarnstraße, die im Mai 2018 besonders betroffen war, soll ein Wassernotablauf entstehen.

Im Sommer gab es eine Infoveranstaltung zum Hochwasserschutz

Ein entscheidender Aspekt der Klimaanpassung seien aber auch Maßnahmen auf Privatgrund. Hier gelte es, alle Betroffenen – Gemeinde, Abwasserunternehmen und Privateigentümer – an einen Tisch zu holen, sagt Hettwer. „Wir erleben ein großes Bewusstsein bei den Bürgern“, betont der Verwaltungschef. „Wir haben im Sommer eine Informationsveranstaltung zum Hochwasserschutz durchgeführt, weitere Bürgerbeteiligungsformate sollen folgen“, kündigt Hettwer an. Bürger könnten sich bei der Verwaltung beraten lassen. „Wir empfehlen besonders die Entsiegelung von Gärten, um Regenwasserversickerungsflächen zu schaffen.“ Viele Flächen seien Parkplätzen und Bebauung zum Opfer gefallen. In der Bauleitplanung gelte es daher, künftig die Ausweisung von Begrünungsflächen zu berücksichtigen.

Oststeinbek hat jetzt Fördermittel für das Programm beim Bundesumweltministerium beantragt. Bereits im September könnte mit der Realisierung erster Maßnahmen begonnen werden, sofern die Politik grünes Licht gebe, sagt Nina Kohlmorgen. Zusätzlich soll die Arbeit an einem Klimaschutzkonzept beginnen. Hettwer: „Wir können nicht nur auf die Folgen des Klimawandels reagieren, sondern müssen auch den Ursachen begegnen.“

Weitere Infos: Der Klimawandel und die Gesundheit

Hitzewellen gefährden die Gesundheit von Säuglingen, Kleinkindern sowie älteren und pflegebedürftigen Menschen. Diese reagieren empfindlicher auf Hitze, denn ihre Körper kommen schlechter mit der Wärme zurecht. Für gesunde Menschen gibt es bei ausreichender Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme sowie angepasstem Verhalten keine erhöhten Risiken. Angesichts eines wachsenden Anteils der älteren Bevölkerung steigt das von Hitzewellen ausgelöste Gesundheitsrisiko. Extremwetter, etwa Orkane oder Hochwasser, können Infektionen, Verletzungen oder im Extremfall sogar Todesfälle auslösen. Auch psychische Belastungen wie Stress, Angstzustände, Traumata und Depressionen sind möglich. Längere Blühzeiten können Pollenallergikern schaden – schon heute ist die winterliche Ruhepause kaum noch vorhanden. Zunehmende Wärme hilft tierischen Krankheitserregern wie Zecken und Stechmücken. Damit steigt das Infektionsrisiko für die von ihnen übertragenen Krankheiten. Selbst tropische Krankheiten scheinen nicht mehr ausgeschlossen: Das Verbreitungsgebiet der Überträger etwa von Dengue-Fieber, West-Nil-Fieber, Malaria oder Chikungunya wächst deutlich und hat Südeuropa bereits erreicht.