Naturschutz

Wo auf der Nordseeinsel Sylt der Sand fehlt

Die Mitarbeiter
des Landesbetriebs
für
Küstenschutz
fahren die
Strände auf
Sylt ab

Die Mitarbeiter des Landesbetriebs für Küstenschutz fahren die Strände auf Sylt ab

Foto: Simone Steinhardt

Ohne Vorspülungen geht es nicht auf der Nordseeinsel. Fünf Millionen Euro werden in diesem Jahr dafür ausgegeben.

Hörnum/List.  Einige Spaziergänger staunen am Donnerstagmorgen nicht schlecht, als der Nebel am Sylter Strand plötzlich einen Geländewagen nach dem anderen ausspuckt. Autofahren ist dort normalerweise strikt verboten. Doch einmal im Jahr gibt es für die Mitarbeiter des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) eine Ausnahme: Dann steht die Expedition „Strandbereisung“ im Kalender. Gemeinsam mit dem Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung (MELUND), dem Landschaftszweckverband Sylt sowie Bürgermeistern und Tourismusdirektoren der Inselgemeinden begutachten die LKN-Mitarbeiter den Zustand der Strände an Sylts Westküste. Dann wird festgelegt, an welchen Strandabschnitten wie viel Sand aufgespült werden muss.

„Von den Nordseeinseln ist Sylt nicht nur die größte, sondern auch die am meisten gefährdete“, erklärt LKN-Sprecher Hendrik Brunck-horst. Amrum beispielsweise hat mit dem Kniepsand eine vorgelagerte Sandbank, die als Wellenbrecher fungiert. Durch die niedrige Wassertiefe brechen die Wellen weiter draußen. So trifft weniger Energie auf den Strand. Fehlt eine solche Sandbank wie auf Sylt, trifft die Brandung mit voller Energie auf den Strand und trägt Sand ab. Deshalb wird bereits seit 1972 mit Sandvorspülungen nachgeholfen.

Jedes Jahr bricht etwa ein Meter Küste weg

„Im Schnitt bricht jedes Jahr etwa ein Meter Küste weg, an den Inselenden sind es sogar drei bis vier Meter. Ohne die Sandvorspülungen wären in Hörnum und Westerland längst die ersten Häuser ins Wasser gefallen“, erklärt LKN-Leiter Johannes Oelerich. Jährlich werden etwa eine Million Kubikmeter Sand in ebendiesen gesetzt. Das sind rund 50.000 LKW-Ladungen voll. Vergangenes Jahr wurden 850.000 Kubikmeter aufgespült – dieses Jahr kommt die Insel mit 830.000 Kubikmetern aus. „Und das, obwohl wir ein stürmisches Jahr 2017 mit viel Westwind hatten“, sagt Oelerich zum Start der Strand-Expedition. Allerdings habe der Ostwind der vergangenen Wochen dazu geführt, dass die Dünung wieder Sand an die Strände zurückgebracht und sich so die Lage wieder etwas entspannt habe.

Mit den Geländewagen geht es vom Inselsüden in Hörnum bis in den Norden nach List. Kleine Pannen eingeschlossen: Schon nach dem ersten Stopp hat sich einer der Wagen festgefahren und muss mit einem Trecker aus seiner misslichen Lage befreit werden. Von der kleinen Panne abgesehen fahren die LKN-Mitarbeiter samt Anhang ohne weitere Zwischenfälle den Strand ab.

Hörnum Odde besonders betroffen

Inklusive Stopps an den Strandabschnitten, an denen Stürme und Sturmfluten stärker nagen als anderswo: an der Südspitze Hörnums, der sogenannten Hörnum Odde, dem Strandabschnitt am Hörnumer Campingplatz, an der Sturmhaube sowie dem Wasserwerk/Möwenweg in Kampen und der Fläche an der Lister Strandkorbhalle. „An einigen Stellen wie Kampen oder List trifft viel Westwind auf, der Energieeintrag ist höher. Deshalb wird an diesen neuralgischen Punkten mehr Sand abgetragen“, so Oelerich.

Besonders stark sind die Sandabbrüche jedoch an der Hörnum Odde: Von 108 Hektar im Jahr 1972 ist sie bis 2015 auf 24 Hektar geschrumpft. Und sie schrumpft weiter. „Wir haben letztes Jahr teils rund 20 Meter verloren“, so Arfst Hinrichsen vom LKN. Die Odde sei ein sogenannter Nehrungshaken, der von Sand gespeist werde. „Und der kommt an der Südspitze nicht mehr an“, so Hinrichsen. Sand wird dort aber nicht aufgespült. „Die Sandvorspülungen sind Küstenschutz und kein Naturschutz.

Fünf Millionen Euro an Investitionen

Es gibt immer Kritik, wenn sich die Natur verändert“, stellte Dietmar Wienholdt, Abteilungsleiter Wasserwirtschaft im MELUND, klar. Es gehe in erster Linie darum, die Ortslage Hörnums zu sichern. Allerdings stellen die LKN-Mitarbeiter auch fest, dass einige Strandabschnitte so gut wie lange nicht aussehen. Dazu gehöre etwa der Brandenburger Strand in Westerland. „Dort verklappen wir auch Sand im Vorstrandbereich. Das so entstandene Riff stabilisiert den Strand, weil es einen Teil der Energie abfängt“, sagt Oelerich.

Fünf Millionen Euro werden dieses Jahr in die Sandvorspülung auf Sylt investiert. Mehr sei ohne Bundeshaushalt erst mal nicht drin, heißt es vom LKN. Grundsätzlich werden die Kosten von Bund und Land getragen. Zusätzlich beteiligt sich die EU mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für die Entwicklung ländlicher Räume. Am 15. April sollen die Arbeiten in List beginnen. Dort landet mit 300.000 Kubikmetern der meiste Sand. 270.000 Kubikmeter werden insgesamt in Kampen vorgespült, in Hörnum sind es insgesamt 250.000 Kubikmeter. Geländewagen am Strand werden Spaziergänger erst wieder im kommenden Jahr wieder sehen.