Kiel/Itzehoe

Ministerin Alheit wegen Friesenhof-Heim unter Druck

Sondersitzung: Sozialministerin Kristin
Alheit (SPD)

Sondersitzung: Sozialministerin Kristin Alheit (SPD)

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Seit 2007 Kritik am Mädchenheim Friesenhof. Nun kommt sexueller Missbrauch hinzu. Opposition fordert Akteneinsicht.

Kiel/Itzehoe.  Der Friesenhof“ in Dithmarschen – das klingt nach einem beschützten Leben in einer heilen Welt. Die Wirklichkeit sah anders aus. In den Jugendheimen des „Friesenhofs“ waren die Mädchen, die dort eingewiesen wurden, alles andere als geschützt. Das galt insbesondere in dem gefängnisähnlichen Heim „Nanna“. Von Misshandlungen ist schon seit Längerem die Rede, von absurden Strafen, von Telefonverboten und Taschengeldentzug. Nun kommt ein noch viel schlimmerer Verdacht hinzu. Ein „Friesenhof“-Betreuer soll ein sexuelles Verhältnis mit einem minderjährigen Mädchen gehabt haben, das im Heim wohnte. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat deshalb ein Ermittlungsverfahren gegen diesen Betreuer eingeleitet. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Uwe Dreessen, der Pressesprecher der Itzehoer Behörde.

Mit dieser Nachricht wird der „Friesenhof“-Fall noch um einiges verworrener. Die Führungsetage des schleswig-holsteinischen Sozialministeriums wirkte am Dienstag angesichts immer neuer Details ratlos. „Ich kann nicht ausschließen, dass da noch mehr dazukommt“, sagte die Sozialministerin Kristin Alheit (SPD). Im Sozialausschuss des Landtags, der zu einer Sondersitzung zusammengekommen war, musste sie Rede und Antwort stehen. Am Ende war klar: Es hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Hinweisen darauf gegeben, dass im „Friesenhof“ pädagogische Standards verletzt werden. Die Hinweise sind aber nach Aussage der Ministerin nie bis zu ihr vorgedrungen. Alheit ging damit deutlich auf Distanz zum Landesjugendamt (LJA), das Teil ihres Ministeriums ist. „Es ist richtig, die Frage zu stellen, ob das Landesjugendamt schneller und früher hätte handeln müssen“, sagte Alheit.

Wenn der zeitliche Ablauf, den die Ministerin schilderte, richtig ist, gibt es im LJA in der Tat einiges zu tun. Denn die Informationen über Probleme im „Friesenhof“ haben dort durchaus vorgelegen. Schon 2007, 2009 und 2011 hatte es erste Auffälligkeiten gegeben. 2013 wurden mehrere Beschwerden registriert, etwa über das Personal, 2014 ebenso. Im Mai 2014 berichtet sogar die Meldorfer Familienrichterin Christiane Orgies in der Zeitschrift „Das Jugendamt“ über die Missstände im „Friesenhof“. Im LJA liest man den Artikel. Auf die Idee, Abhilfe zu schaffen, kommt man nicht. Stattdessen wird mit Christian Kohl, Pressesprecher des Sozialministeriums, die Frage diskutiert, ob eine Gegendarstellung sinnvoll sei. Kohl rät ab.

Im August wird aus einer Beschwerde sogar eine erste Auflage. Barbara Janssen, die Trägerin des Heims, soll den Betreuten in Zukunft einen unkontrollierten Kontakt mit dem LJA ermöglichen. Immer wieder holt in dieser Zeit das Kreisjugendamt Dithmarschen Kinder aus der Einrichtung heraus, weil sie dort gefährdet sind. Elf solcher „Inobhutnahmen“ gibt es in der Zeit vom 4. März 2014 bis zum Tag der Schließung, dem 3. Juni 2015.

Am 15. Januar 2015 informiert Janssen einen LJA-Mitarbeiter dann darüber, dass es den Verdacht des sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen gebe. Der Vormund des Mädchens habe Anzeige erstattet. Der Betreuer sei vom Dienst suspendiert worden. Doch der Mitarbeiter reicht sein Wissen angeblich weder an die LJA-Chefin Silke Duda, an die Ministerin Kristin Alheit noch an die Staatssekretärin Anette Langner weiter.

Stattdessen nimmt die Heimaufsicht des LJA den „Friesenhof“ unter die Lupe. Am 28. und 29. Januar wird unangemeldet kontrolliert. Wegen der Anzeige? Oder weil die Kontrolle ohnehin geplant war? Die Ministerin kann diese Frage nicht beantworten. Jedenfalls werden erneut Auflagen verhängt. Janssen geht juristisch dagegen vor. Im April wird eine Einigung erzielt. Alles scheint gut zu sein.

Doch dann schaltet sich die Partei Die Linke in Hamburg ein. Sie ist irgendwie an das LJA-Schreiben gekommen, mit dem die Auflagen verhängt werden. Einige der Kinder in den Heimen „Nanna“ und „Campina“ stammen aus Hamburg. Die Linke-Bürgerschaftsfraktion startet eine Kleine Anfrage – und informiert am Freitag, dem 29. Mai, die Öffentlichkeit. „Der Friesenhof erinnert an ein Straflager, nicht an eine Hilfeeinrichtung“, schreibt die Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus in ihrer Pressemitteilung.

In Kieler Sozialministerium weiß man nun von der Anfrage, die alles öffentlich machen wird. Hektischer Aktionismus bricht aus. Die Fachsprecher der Landtagsfraktionen werden für Montag, 1. Juni, zu einem Hintergrundgespräch eingeladen. Zugleich kontrolliert die Heimaufsicht erneut im „Friesenhof“ – ein angeblich schon länger geplanter Einsatz. Nur zwei Tage später werden die Heime „Nanna“ und „Campina“ geschlossen.

Und immer noch weiß die Ministerin Kristin Alheit nicht, dass es in Dithmarschen vielleicht zum Schlimmsten gekommen ist, das in einem Jugendheim passieren kann: sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen. Angeblich hat das erst eine Durchsicht der Akten am vergangenen Freitag zu Tage gefördert. „Es ist schmerzhaft und inakzeptabel, wenn Jugendliche keinen Schutz bekommen“, sagt Alheit. Für die Opposition ist inakzeptabel, wie Alheit mit dem Fall umgeht. Sowohl CDU als auch FDP haben Akteneinsicht beantragt.