20 Jahre Wacken Open Air

Wackäääääääään!!! 75.000 ziehen aufs gelobte Land

Laut, aber friedlich: Fans aus ganz Europa kommen zum größten Heavy Metal Festival der Welt ins schleswig-holsteinische Dörfchen Wacken.

Wacken. Jetzt ist es soweit: Der Kampfruf der internationalen Metal-Gemeinde schallt wieder quer durch die Republik: „Wackäääääääään!!!!“ Jetzt bevölkern schwarz gekleidete Langhaarige mit Bierkästen im Handgepäck wieder Bahnhöfe und Flughäfen, Autobahnen und Landstraßen – allesamt auf dem Treck ins gelobte Land, das schleswig-holsteinische Dörfchen Wacken. Dorthin, wo in diesem Jahr bereits zum 20. Mal das Wacken Open Air stattfindet. Dass es überhaupt zu diesem Jubiläum kommen würde, damit war in den ersten Wacken-Jahren keineswegs zu rechnen. Sechs Bands, die heute (fast) niemand mehr kennt, traten 1990 auf und spielten an zwei Tagen vor insgesamt 1400 Besuchern. Sehr überschaubar blieb das Publikumsinteresse bis 1995, wobei das Festival 1993 nach erheblichen Verlusten ganz auf der Kippe stand.

Nur weil die Eltern der Organisatoren Holger Hübner und Thomas Jensen für eine Finanzspritze sorgten, konnte es weitergehen. Auch 1996 sah es nach einem totalen Desaster aus: Gerade mal 1000 Tickets waren bis Mitte Juni im Vorverkauf abgesetzt worden – bis Jensen und Hübner kurzfristig die Böhsen Onkelz buchten. Ein Coup, der Wacken insgesamt 9000 zahlende Gäste bescherte. „1996 war der absolute Durchbruch“, erinnert sich Jensen, und tatsächlich ging es danach nur noch bergauf.

Die auftretenden Bands wurden immer bekannter, der Publikumszuspruch immer größter. Inzwischen sind schon ein Dreivierteljahr vor dem Festival sämtliche 70.000 Karten abgesetzt, und auch sonst lässt sich im hohen Norden gutes Geld verdienen. Ob T-Shirts, DVDs, Luftmatratzen oder Babystrampler mit Büffelkopf-Logo: Den Verkäufern werden die auf dem Festivalgelände erhältlichen Fanartikel geradezu aus den Händen gerissen.

Für Thomas Jensen ein riesiger Erfolg, doch beim Wacken Open Air geht es für ihn um mehr. Als 2000 seine großen Helden Rose Tattoo auf der Bühne standen, habe er Tränen in den Augen gehabt, erzählt der 43-Jährige. Überhaupt freue er sich immer am meisten über die Auftritte der Bands, deren Platten er sich als Jugendlicher noch vom Taschengeld abgespart habe. Weshalb Motörhead und der Black-Sabbath-Ableger Heaven & Hell in diesem Jahr zu seinen Favoriten zählen. „Wir wollen die ganze Welt mit dem Metal-Virus infizieren“, verkündet Jensen und berichtet stolz, dass mittlerweile 30 Prozente der Festivalbesucher aus dem Ausland anreisen.

Nachdem im vergangenen Jahr der einzige Deutschland-Auftritt von Iron Maiden für Hysterie gesorgt hatte, war für den 20. Geburtstag eigentlich noch eine Steigerung geplant. Aber auch das Angebot einer siebenstelligen Gage reichte nicht aus, um Metallica nach Wacken zu locken. Jensen und Co. hatten allerdings einen Plan B in der Schublade und setzten kurzfristig auf Vergangenheitsbewältigung. Soll heißen: In diesem Jahr sind in großer Zahl Bands am Start, die sozusagen zum Inventar gehören. Neben Motörhead beispielsweise Doro, Tom Angelripper, Amon Amarth, Saxon und Napalm Death. Selbst die Hamburger AC/DC-Coverband Bon Scott, 1991 erstmals dabei, ist wieder dabei.

Den meisten Fans dürfte das konkrete Line-up allerdings nicht so wichtig sein, denn erstens ist in Wacken musikalische Qualität garantiert und zweitens steht für viele ohnehin das gemeinsame Feiern bei Nackensteaks und Wacken Bier (gibt’s wirklich) im Vordergrund. Und das jedes Jahr vielfältigere Beiprogramm. Da finden Mittelaltermarkt und eigens errichtetes Wikingerdorf ebenso Zulauf wie die gefeierten „Girlz from Hell“, die bei ihren Stripshows vor allem junge Männer anlocken, die mit zittrigen Fingern ihre Handykameras justieren. Wer lieber harte Kerle als heiße Mädels begucken will, wird auch bedient, steigen doch in einem Zirkuszelt auf dem Gelände Wrestler mit so martialischen Namen wie Insane Killer und Bad Bones in den Ring.

Blut dürfte dort allerdings kaum fließen, denn Wacken ist – im starken Kontrast zum meist martialischen Outfit der Besucher – ein ausgesprochen friedliches Festival, bei dem die Polizei in erster Linie den Verkehr regelt und die Einheimischen mitverdienen. Indem sie Bierfass-Transporte per Bollerwagen anbieten, mit deftigem Katerfrühstück aus der heimischen Küche locken oder selbst gekochte Sanddorn-Marmelade verkaufen, die – man glaubt es kaum – bei den Metalheads reißenden Absatz findet. Wenn der „Wackäääääääään!“-Ruf ab Donnerstag über die Hauptstraße schallt, muss deshalb kein Tätowierstuben-Stammkunde dahinterstecken. Es kann auch die Omi von nebenan sein, die ihren frisch gebackenen Streuselkuchen publikumswirksam anpreist.