Künstliche Befruchtung: Debatte über die Grenzen der Wissenschaft

Erstmals Mutter mit 64 Jahren

Ein solcher Eingriff ist in Deutschland verboten. Doch die "Leihmutter" macht sich nicht strafbar. Das wirft viele grundsätzliche Fragen auf.

Die 64-jährige Frau aus Aschaffenburg, die als wohl älteste Spätgebärende in Deutschland jetzt ein Kind bekommen hat, konnte nur nach künstlicher Befruchtung schwanger werden. Das gelang, weil eine 25 Jahre junge Frau die Eizelle gespendet hatte. Diese gespendete Eizelle, die in der Petrischale mit dem Sperma des ebenfalls 64 Jahre alten Ehemannes befruchtet worden war, wurde dann der Frau eingepflanzt. Sie wurde damit zur Leihmutter, da sie nicht die leibliche Mutter des Kindes ist. Diese Behandlung ist nach Aussage ihres behandelnden Arztes im Ausland durchgeführt worden. In Deutschland ist Leihmutterschaft und Eizellspende generell verboten. Dieser Fall hat erneut heftige Debatten ausgelöst, denn er wirft grundsätzliche Fragen auf.

Sollen Frauen in hohem Alter überhaupt künstlich geschwängert werden?

"Wenn eine Frau aus Altersgründen keine Eizellen mehr produziert, sollte Schluss sein mit Eizellspende und künstlicher Befruchtung", sagt Prof. Klaus Diedrich. Der Direktor der Uni-Frauenklinik Lübeck war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er halte die Entscheidung des Paares für egoistisch. "Die Zukunft des Kindes wird nicht beachtet." Wenn das Kind 18 Jahre ist, sind die Eltern 82 Jahre.

Sollte die Eizellspende, die in Deutschland verboten ist, doch erlaubt werden?

Der Leiter der Frauenklinik in Aschaffenburg, der die Entbindung vorgenommen hat, erklärte: "Herr Dr. Elias Karam und die Frauenklinik waren weder direkt noch indirekt am Zustandekommen der Schwangerschaft beteiligt." Eine notwendige Erklärung, denn der Geburtshelfer könnte ansonsten wegen Beihilfe zu einer Straftat angeklagt werden. Das Strafrecht untersagt deutschen Medizinern nicht nur bestimmte Fortpflanzungstechniken, es verbietet auch, Patienten auf diese hinzuweisen. Ein Verstoß gegen das Embryonenschutzgesetz, in dem das Verbot der Eizellspende verankert ist, ist strafbar. Allerdings nur für den Arzt, nicht für die Patienten.

"Generell bin ich dafür, dieses Verbot aufrechtzuerhalten", sagt Diedrich. Er könne sich allerdings vorstellen, dass eine Kommission bei der Bundesärztekammer Ausnahmen zulasse, wenn junge Frauen infolge einer Krebserkrankung die Eierstöcke verloren hätten. "Aber sonst gibt es keinen guten Grund."

Die Eizellspende sei verboten worden, erläutert Prof. Eve-Marie Engels von der Uni Tübingen, die Mitglied im Nationalen Ethikrat war, um eine "gespaltene Elternschaft" zu verhindern. Sonst könnte ein Kind drei Mütter haben: eine leibliche Mutter, von der das Ei stammt, eine Leihmutter, die den Embryo austrug, und eine soziale Mutter, die das Kind aufzieht. "Wenn noch Samenspende hinzukommt, erhöht sich die Zahl der Varianten dramatisch", so die Ethikerin.

Wie hoch sind die Risiken für Mutter und Kind?

Im Ausland sei nicht immer eine solide Behandlung gewährleistet, warnt Diedrich. Zudem sei diese Technik für das Kind neben psychosozialen auch mit gesundheitlichen Risiken behaftet. Die mithilfe eines Hormoncocktails aktivierte Gebärmutter bleibe in ihrer Funktion eingeschränkt. Die Versorgung des Embryos sei nicht optimal, sagt Diedrich.

Wie geht das Ausland mit dem Thema um?

Das Internet zeigt, im Ausland ist vieles möglich: das Erbgut von Embryonen mittels Präimplantationsdiagnostik zu überprüfen, sich fremde Eizellen, fremden Samen oder eine Leihmutter zu besorgen. Oft werden die Niederlande als erste Adresse für anonyme Samenspenden gehandelt, das zieht besonders lesbische Paare an. Belgien gilt als führend bei der Embryonenselektion und der Präimplantationsdiagnostik. Nach Spanien reist, wer zudem eine Eizellspende will - oft ältere Frauen. Am Instituto Valenciano de Infertilidad (IVI) ist die Auswahl an Spenderinnen groß, vielleicht am größten in Europa. Die Spende wird dort anonym behandelt. Weniger zurückhaltend sind amerikanische und russische Eizellagenturen und Fortpflanzungskliniken. Sie preisen ihre Spenderinnen (und Leihmütter) regelrecht an. Mit Eizellen für alle lockt die südafrikanische Cape Fertility Clinic im Internet.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.