Eine neue Hüfte ist wie ein neues Leben

Endo-Klinik: Der weltweite Marktführer kommt aus Hamburg. Bundesweit wird jedes Jahr 200 000 Patienten ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. Immer wieder werden Prothesen und Operationsmethoden verbessert. Der Chef der Hamburger Endo-Klinik sagt, worauf es ankommt und wo die Risiken liegen.

Für den Chirurgen ist der Eingriff echte Knochenarbeit. Denn die künstliche Hüftprothese wird mit kräftigen Schlägen eines kiloschweren Spezialhammers in den Knochen getrieben, und zum Ende der Operation kostet es noch einmal eine Menge Kraft, den künstlichen Hüftkopf in die Gelenkpfanne zu drücken. "Das ist Handwerk", sagt Dr. Thorsten Gehrke (44), Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Hamburger Endo-Klinik. Ein Handwerk, das hohes medizinisches Können erfordert, wenn es zum Wohl der Patienten gelingen soll. Die Endo-Klinik am Nobistor in Altona ist nicht nur weltweiter Marktführer, was die Zahl von 5500 Operationen im Jahr angeht. Einer der Schwerpunkte mit knapp 3000 Operationen im Jahr sind Hüftgelenks-Operationen. An dieser größten Spezialklinik für Endoprothetik werden auch neue Prothesen und Methoden auf ihren Einsatz wissenschaftlich untersucht.

Seit vor gut 50 Jahren die ersten künstlichen Hüftgelenke in größerer Zahl eingesetzt wurden, hat sich die Medizin unaufhaltsam fortentwickelt. Seitdem sind Prothesen und Operationsmethoden immer weiter verfeinert worden.

Pro Jahr werden bundesweit 200 000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt. Die Statistik kann sich sehen lassen: Zehn Jahre nach der Operation funktionieren noch um die 95 Prozent der künstlichen Hüftgelenke (Endo-Klinik: 98 Prozent). Trotz dieser Erfolgsbilanz gibt es eine ernüchternde medizinische Erkenntnis: "Keine Hüftprothese hält ewig", sagt Gehrke. Und da immer häufiger "jüngere" Patienten (unter 70 Jahren) eine "neue Hüfte" bekommen, richtet sich das Interesse der Mediziner verstärkt auf die Zeitspanne etwa 18 Jahre nach dem Gelenk-Einbau, denn solange hält im Schnitt das Teil aus hochwertigem Edelstahl, einer Mischung aus Chrom-Kobalt-Molybdän oder Titan.

Zwar hält bei vielen Patienten die Prothese auch zwei Jahrzehnte oder länger. Doch das Grundproblem bleibt bestehen. Gehrke: "Wir bauen totes Material in einen lebenden Knochen." Und so kann sich, wenn der Knochen altert, das Kunstgelenk lockern. Das fällt zunächst nicht auf, weil dabei anfangs keine Schmerzen entstehen. Doch wenn die Prothese keinen festen Halt mehr hat, muß das Teil ausgetauscht werden. Nur so kann die Gehfähigkeit des Patienten erhalten bleiben. Schließlich ist und bleibt dies das oberste Ziel aller Hüftgelenk-Prothesen: "Wir wollen die Patienten vor dem Rollstuhl bewahren", sagt Gehrke.

So wird in der Endo-Klinik bei Patienten, bei denen vom Lebensalter her ein Austausch später wahrscheinlich ist, zunächst eine "Mini-Prothese" eingesetzt, ein mit zehn Zentimetern etwa 30 Prozent kürzeres Metallteil aus Titan, eine "zementfreie Kurzschaftprothese", die in Hamburg mitentwickelt worden ist. Die Oberfläche dieser Endoprothese hat eine poröse Struktur und ist mit einer Substanz (Hydroxylapatit) beschichtet, die es dem Knochen leicht macht, sich mit dem Kunstteil fest zu verbinden. Der obere Schenkelhals kann dabei (wenn er gut erhalten ist) fast vollständig erhalten bleiben, die Knochensubstanz bleibt weitgehend unangetastet - beste Voraussetzungen für einen späteren Wechsel. Seit 1999 haben die Endo-Klinik-Chirurgen rund 3000 dieser Prothesen eingesetzt, "wenn die Patienten dafür geeignet sind", schränkt Gehrke ein, das heißt, wenn noch genug gesundes Knochenmaterial vorhanden ist. Nur zwölf Kurzschaftprothesen mußten in dieser Zeit ausgewechselt werden.

Eine weitere Entwicklung zeichnet sich ab - hin zu kleineren Operationsschnitten von acht bis zehn Zentimetern statt der üblichen 20-Zentimeter-Schnitte. Das beschleunigt den Heilungsprozeß und viele Patienten schätzen den kosmetischen Vorteil einer kleineren Narbe. Nach zehn bis zwölf Tagen werden heute die Operierten gewöhnlich in die Reha entlassen.

Bei Patienten über 70 Jahren werden die künstlichen Gelenke meist einzementiert. Dafür stehen Standardimplantate zur Verfügung, die mit ihren unterschiedlichen Kopf- und Pfannendurchmessern, Schaft- und Schenkelhalslängen individuell angepaßt werden können. Seit 1976 hat die Endo-Klinik knapp 70 000 Hüftendoprothesen implantiert. Wissenschaftliche Studien kontrollieren die Ergebnisse. Die Daten zeigen: Sogar nach 20 Jahren sind noch 73 Prozent der Prothesen fest verankert.

Dennoch kann es in Einzelfällen zu gefährlichen Infektionen kommen. Denn Bakterien siedeln sich im Körper gern an Fremdkörpern wie Prothesen an. Gefährdet sind zum Beispiel durch Dauerleiden wie Diabetes geschwächte Patienten. Verbreiten sich die Keime immer weiter, ein oft über Jahre schwelender unbemerkter Verlauf, können sich entzündliche Wunden bilden, die nur noch eine Form der Heilung zulassen, erläutert Gehrke, der seine Erfahrung auf diesem Gebiet in Fortbildungsveranstaltungen im In- und Ausland einfließen läßt. Dann gebe es drei Grundsätze umzusetzen: "Radikalität, Radikalität und noch einmal Radikalität." In die Tat umgesetzt, bedeute dies: "Die Prothese muß heraus, das infizierte Gewebe radikal entfernt und die Wunde gründlich durchspült werden."

In der Endo-Klinik wird dann in nur einem Eingriff, das heißt in derselben Operation, eine neue Prothese eingesetzt, umgeben von einem Knochenzement, der mit einem Antibiotikum gemixt, ganz auf die individuelle Keimzusammensetzung eines jeden Patienten abgestimmt ist. Mit dieser Methode erreichen die Hamburger die gleichen Erfolgszahlen (nach zehn Jahren 90 Prozent der Prothesen einsatzfähig) wie andere Kliniken, die mit der Standardmethode vorgehen. Danach wird dem Patienten erst nach zwei bis sechs Monaten Liegezeit nach Herausnahme der Prothese und nach gesichertem Abklingen der Entzündung ein neues Teil eingepflanzt. Die "Endo-Methode" des sogenannten "einzeitigen Wechsels" hat den Vorteil, daß bei gleichen Heilungschancen nur eine Operation erforderlich ist, während die Standardmethode mindestens zwei große Operationen nötig macht und der Patient zwischen den beiden Eingriffen monatelang ohne Gelenk immobil ist.

Was wird der medizinische Fortschritt auf diesem Gebiet noch bringen? Es werde derzeit an Prothesen mit einer Spezialbeschichtung geforscht, sagt Thorsten Gehrke, "die Infektionen von vornherein verhindern helfen". Außerdem sei eine Art Gen-Detektor denkbar, der eine mögliche genetische Veranlagung aufspürt, die ein erhöhtes Risiko gefährlicher Infektionen beinhaltet. Die durch eine bestimmte Kombination besonders gefährdeten Patienten könnte man dann gezielt im Vorwege behandeln.

An der Endo-Klinik wird es also weiter viel zu tun geben.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.