Erste Hilfe: Zu wenige trauen sich

Fußballfan überlebte Herzstillstand nur durch schnelles Eingreifen Umstehender. ASB bemängelt Aufklärung der Bevölkerung und bietet App an

Hamburg. Die Straßen waren voll, der Verkehr chaotisch. Erst kurz vor Spielbeginn erreichte Detlef Vierke, der aus Lübeck gekommen war, das Stadion. Hier empfing an diesem Tag vor sechs Wochen der HSV die Spieler von Bayern München zum Viertelfinale des DFB-Pokals. Obwohl der Bayern-Fan spät dran war, erreichte er vor seinen Freunden die Arena. Vierke hörte die letzten Strophen von Lotto King Karl, als er die Stufen zur Tribüne hinauf ging. Von seinem Sitzplatz aus blickte er einige Sekunden auf das Spielfeld – dann verlor er das Bewusstsein. „Ich weiß nur noch, dass eine schwarze Wand auf mich zukam. Danach erinnere ich mich an nichts mehr“, sagt Vierke.

Der 60-Jährige erlitt einen Herzstillstand. Besucher in Block 17B reagierten sofort: Nach Angaben des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) begann ein Arzt aus dem Publikum noch auf der Tribüne mit der Herzdruckmassage, während ein anderer Zuschauer den anwesenden Rettungsdienst informierte. Insgesamt vierzig Minuten lang wurde Detlef Vierke reanimiert, bevor er um 21.19 Uhr in das Uniklinikum Hamburg-Eppendorf eingeliefert wurde. „Wäre mir das auf dem Weg zum Stadion passiert – ich glaube, ich hätte keine Chance gehabt“, sagt der Kriminalbeamte.

Der plötzliche Herzstillstand gehört zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Laut Statistik sterben jährlich etwa 150.000 Menschen am plötzlichen Herzversagen. Im Großraum Hamburg trifft es rund 2000 Menschen im Jahr. Ein erheblicher Teil dieser Todesfälle wäre durch sofortige Hilfe zu verhindern, sagt Petra Witt, Sprecherin des ASB. „Das Hauptproblem ist die mangelnde Aufklärung in der Bevölkerung. Viele Menschen wissen nicht, wie sie helfen können, wenn jemand Kammerflimmern hat oder einen Herzstillstand erleidet.“

Die Initiative „Hamburg schockt“, die ihren offiziellen Starttermin im November 2013 hatte, soll das ändern. Neben den Erste-Hilfe-Maßnahmen, die jeder schnell erlernen könne, sollen Laien auch mit dem Einsatz von Automatisierten Externen Defibrillatoren, kurz AEDs, vertraut gemacht werden. Die besondere Neuheit sei aber die Applikation (App) „Hamburg schockt“, die seit dem vergangenen August auf Smartphones installiert werden kann. Etwa 7900 Handynutzer hätten die kostenlose App bereits heruntergeladen, sagt Petra Witt.

Die App beinhaltet eine Karte, auf der etwa 350 Defibrillatoren im Großraum Hamburg (dort, wo der Hamburger Rettungsdienst aktiv ist) eingezeichnet sind. Schätzungsweise ist die Zahl der vorhandenen Defibrillatoren (kurz Defis) wesentlich höher, allerdings seien die Standorte der Geräte nirgends offiziell registriert. Das erschwere die Arbeit des ASB, so Witt, der versuchen würden, das Netzwerk zu verdichten und möglichst alle Geräte in der Karte zu verzeichnen.

Viele Unternehmen hätten zudem Defis, die aber oft nur ihren Mitarbeiten zugänglich seien. Petra Witt: „In vielen Firmen sind die Defibrillatoren so angebracht, dass sie für die Öffentlichkeit unzugänglich sind. Um sich an ‚Hamburg schockt‘ beteiligen zu können, haben einige Unternehmen die Standorte ihrer Defis geändert und sie etwa an der öffentlich zugänglichen Rezeption stationiert.“

Die Hemmschwelle vieler Menschen, die Geräte zu benutzen, sei sehr hoch. Doch die Defis, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, seien leicht zu bedienen und „halbautomatisch“. „Die Defis erstellen selbstständig ein EKG (Elektrokardiogramm). Dabei erkennt das Gerät, ob der Herzschlag intakt ist oder nicht. Wenn keine Herzrhythmusstörung erkannt wird, wird das Herz auch nicht stimuliert“, sagt Dr. Lenard Conradi, der Detlef Vierke in der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie im UKE behandelte.

Zwar könne eine Bewusstlosigkeit viele Ursachen haben, doch wenn eine Herzrhythmusstörung der Grund ist, seien die ersten Minuten entscheidend, sagt Dr. Conradi. Kammerflimmern und Herzstillstand hätten die gleichen funktionellen Auswirkungen: In beiden Fällen käme der Kreislauf zum Erliegen. „Die Organe werden dann nicht mehr mit Sauerstoff versorgt“, so Conradi. Besonders gefährdet seien das Herz und das Gehirn: „Nach drei Minuten beginnen die Zellen im Gehirn abzusterben, nach fünf Minuten im Herzen. Die dadurch entstehenden Schäden sind irreversibel.“

Dass Detlef Vierke keine langfristigen Schäden zu erwarten hat, verdankt er der schnellen Reaktion der anwesenden Fußballfans und den Rettungskräften. „In solchen Momenten ist man auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen“, sagt Vierke und bedankt sich hiermit bei allen, die ihm geholfen haben. „Denen habe ich mein Leben zu verdanken.“ Vierke, der als Bayern-Fan ins Stadion gefahren war, ist von der Hilfe und Anteilnahme des HSV berührt. „Deshalb habe ich noch im Krankenhaus entschieden, dem Verein beizutreten – und das mache ich jetzt auch.“