Cyber-Stalking: Was Betroffene tun können

Totale Kontrolle per Handy und Internet

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Die Auswirkungen "digitaler Gewalt" sind vielfältig: Angstzustände und Depressionen bis hin zu Suizidgedanken.

Hamburg. Es begann wundervoll. Eine 17 Jahre alte Medizinisch-Technische Assistentin, nennen wir sie Heike, und ein 20 Jahre alter Informatikstudent, in diesem Bericht Christian, waren ineinander verliebt. Aber er wollte, dass sie ihre Freunde nicht mehr sah. Wenn Heike ihre Clique an wechselnden Orten doch heimlich traf, war Christian merkwürdigerweise immer da. Heike fühlte sich bald unter ständiger Beobachtung, wie Angela Wagner berichtet, Beraterin des Frauennotrufs Frankfurt am Main. Heike sei zunehmend unsicher geworden und habe sich wie gelähmt gefühlt. Dann ertappt die junge Frau Christian dabei, wie er in ihrem Handy SMS-Nachrichten überprüft, und entdeckt, dass er in ihrem E-Mail-Postfach heimlich eine Weiterleitung auf seinen Computer eingerichtet und auf ihrem Handy einen Ortungsdienst aktiviert hat und so ihre Schritte auf dem PC und Smartphone verfolgt. Endlich beendet Heike die Beziehung.

Der Fall sei typisch für leichtere Fälle von "digitaler Gewalt", sagt Beraterin Wagner. Junge Frauen legten häufig bedenkenlos ihre Passwörter für PC und Handy ihrem Freund offen. Technische Entwicklungen ermöglichten eine totale Kontrolle. Mit wenigen Mausklicks kann man im Internet Dienste finden, die gelöschte Computertexte wieder sichtbar machen, SMS-Mitteilungen weiterleiten, Anrufe mitschneiden oder die Kontaktliste eines Handys kopieren. Zudem lässt sich ein Handy über das Telekommunikationsunternehmen oder direkt über den GPS-Sender im Smartphone orten. Eine zuvor installierte Webcam lässt sich per Handy steuern.

Das Cyber-Stalking, das rücksichtslose Nachstellen mithilfe von Internet und Handys, macht mittlerweile 40 Prozent aller Stalking-Delikte aus - Tendenz steigend, berichtet die Expertin für Internetkriminalität des Polizeipräsidiums Frankfurt/Main, Birgit Roth. Viele Stalker überschütten ihre Opfer auch mit SMS-Mitteilungen, leiten per Internet persönliche Daten an Dritte weiter, verbreiten Lügen, Gerüchte, intime oder manipulierte Fotos im Netz. Andere tragen Adressen und Fotos auf Pornoseiten ein, begehen Straftaten oder bestellen Waren im Namen des Opfers. Die Opfer des Cyber-Stalkings sind laut Birgit Roth zu 86 Prozent Frauen. Die Auswirkungen sind vielfältig: Angstzustände, Depressionen bis hin zu suizidalen Gedanken. Wer von "digitaler Gewalt" betroffen sei, habe das Gefühl, der Welt nicht mehr vertrauen zu können, sagt Beraterin Angela Wagner. War der Täter ein Freund, könnte man sich nur schwer wieder auf eine Freundschaft einlassen.

Stalking und weitere Delikte der "digitalen Gewalt" können mit Strafen bis zu mehreren Jahren Gefängnis geahndet werden. Die Experten des Polizeipräsidiums Frankfurt empfehlen, den Betreiber einer Internetseite, auf der die strittigen Texte oder Bilder stehen, mittels Impressum oder der Registrierungsstelle " www.denic.de " ausfindig zu machen. Dann sollte der Verantwortliche zur Entfernung der Beiträge oder Fotos aufgefordert werden. Bei Problemen helfe der Datenschutzbeauftragte des Landes. Zudem sollten Betreiber von Suchmaschinen zur Löschung der Inhalte aufgefordert werden. Die Experten raten Opfern, Belästigungen in einem Tagebuch für das Gericht zu dokumentieren und einen Rechtsanwalt einzuschalten. Inzwischen bieten Firmen, sogenannte Reputation Defender, kostenpflichtig an, Rufschädigungen im Internet zu beseitigen.

"Die Folgen von digitaler Gewalt sind massiv", warnt Wagner. "Das Internet macht sie ewig und grenzenlos." Die Opfer fühlten sich meist ohnmächtig und dem Täter hilflos ausgeliefert. Doch wenn sie sich nicht zur Wehr setzten, werde der Täter sie weiter drangsalieren. "Betroffene müssen mit einer Vertrauensperson darüber reden." Die könne auch den Kontakt zu einer Beratungsstelle herstellen, wo anonym Hilfe zu bekommen sei.

Informationen im Internet:
www.jugendinfo.de/pass-auf-dich-auf
www.handysektor.de
www.chatgewalt.de