Religionswissenschaft

Die Evolution im Paradies

In Münster entsteht das erste deutsche Hochschulinstitut, an dem sich Theologen und Naturwissenschaftler mit Bibel und Darwin auseinandersetzen.

Hamburg. Das Paradies hatte es den Brueghels angetan. In zahllosen Varianten haben die Maler aus der berühmten flämischen Künstlerfamilie den Garten Eden dargestellt, detailreich, farbenfroh und voller Leben. Was auf dem Gemälde "Das Paradies" von Jan Brueghel dem Älteren aus dem Jahr 1615 besonders augenfällig wird: Im Vordergrund tummeln sich die Tiere - ein leuchtend weißes Pferd, Affe, Löwe, ein prächtiger Truthahn neben Feuerlilien und weiß-rot geflammten Tulpen. Menschen sind erst weiter hinten zu erkennen - Adam, aus dessen Rippe gerade Eva erschaffen wird. Was soll uns diese Anordnung sagen?

20 Augenpaare starren auf die PowerPoint-Präsentation dieses Bildes im Theologie-Seminar an der Uni Münster. "Der Mensch ist hier nicht der Mittelpunkt der Schöpfung", stellt eine Studentin fest. Und so erzählt es ja auch das Buch Genesis: Danach schuf Gott erst Adam, dann die Tiere ("dass der Mensch nicht allein sei"), schließlich Eva. Seminarleiter Rainer Hagencord, Theologe, Biologe und Philosoph in einer Person, erinnert daran, dass nach dem Ersten Buch Mose auf den Menschen nicht einmal ein eigener Schöpfungstag entfiel.

Bei Moses steht aber auch: "... herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht ..." Hagencord lässt an diesem biblischen Herrschaftsauftrag des Menschen zwar keinen Zweifel aufkommen, schränkt vor den Studenten aber ein: "Das hebräische 'herrschen' bedeutet: als guter Hirte über seine Schafe wachen, und das ist kein Freibrief zur Willkür." Hat der Mensch da etwas missverstanden und allein aus seiner Fähigkeit zu denken sich angemaßt, mit den Tieren machen zu können, was er will? Und hat nicht längst die Naturwissenschaft bewiesen, dass auch Tiere in der Lage sind, Entscheidungen abzuwägen und "nachzudenken"?

Angesichts des Dauerkonflikts zwischen biblischem Glauben und der Evolutionstheorie des Briten Charles Darwin, wonach sich die Lebewesen aus sich selbst heraus entwickelt haben, mutet das, was jetzt in Münster begonnen wird, wie eine kleine Revolution an. Dort entsteht das erste "Institut für Theologische Zoologie" an einer deutschen Hochschule: Nächsten Monat wird es offiziell eröffnet - mit der berühmten Schimpansenforscherin Jane Goodall als Ehrengast.

Theologie und Zoologie unter einem Dach, und das sogar mit Unterstützung eines Bistums: Die Kirche beginnt auch offiziell die Evolutionslehre ernst zu nehmen. "Schöpfung geschieht durch Evolution - nicht statt und nicht neben ihr", befand der Regensburger Jesuit, Biologe und Philosophieprofessor Christian Kummer. Der Schöpfer einer evolutiven Welt "macht keine Dinge, sondern er macht, dass die Dinge sich machen". Der Kirche warf Kummer vor, sie kranke an einer quälenden Angst vor den Naturwissenschaften.

Schöpfung oder Evolution - was ist das Maß der Dinge? In den USA hat dieser Streit bereits das höchste Gericht beschäftigt. Anhänger des Kreationismus (lat. creare = erschaffen) hatten mit Klagen erreichen wollen, dass ihre Denkrichtung - die wörtliche Auslegung der Bibel und ihrer Schöpfungsgeschichte - in den Biologieunterricht an Schulen einbezogen wird. Doch der US-Supremecourt befand: Religiöse Meinungen hätten im Biologieunterricht nichts zu suchen. Inzwischen hat sich die Kreationismus-Bewegung unter dem Stichwort "Intelligent Design" (ID) neu formiert und auch zahlreiche Anhänger in Deutschland. Ihr Credo: Das Leben auf der Erde müsse durch eine "schöpferische Intelligenz" (Gott) entstanden sein. Die Evolutionstheorie könne nicht erklären, aus welchen Vorformen sich komplizierte Organismen wie etwa die "Geißel" der Kolibakterie entwickelt haben. Deren Existenz lasse sich nur mit einer planenden Intelligenz begründen.

Schöpfung oder Evolution? An dem neuen Institut in Münster will man dies nicht länger als Positionen betrachten, die einander ausschließen oder günstigstenfalls unversöhnlich nebeneinanderstehen. Vielmehr soll den Studenten verschiedener Disziplinen der Blick für beide Seiten geöffnet werden.

Was ihn unter anderem angetrieben habe, sagt der Priester und Seminarleiter Hagencord, sei das Fehlen einer angemessenen theologischen Reaktion auf die Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit, vor allem zur engen genetischen Verwandtschaft von Mensch und Tier. "Ich lese immer kirchliche Artikel, die vom Menschen so reden, als sei er vom Himmel gefallen. Wenn der Papst sagt, die Seele bekommt jeder Mensch von Gott, dann frage ich mich: Hat auch der Australopithecus schon eine Seele von Gott bekommen? Oder erst der Homo erectus?"

Der Lehramtsstudent Lukas Ricken sieht in diesen Seminaren "etwas Neues, das gab es in dieser Form noch nie". Seine Kommilitonin Sarah Dittrich hat für Biologie keine Zulassung bekommen und studiert Religion und Sport für das Lehramt an Haupt- und Realschulen. "Ich habe Interesse an Tieren, und für Kinder und Jugendliche ist das ein tolles Thema", sagt sie. Und ihre Mitstudentin Marlene Frekers fragt: "Wo wird denn schon von Wertschätzung für Tiere gesprochen?"

Die biblische Wertschätzung des Tieres sei erst in der Neuzeit verloren gegangen, erklärt Hagencord. Der Rationalismus prägte im 15. und 16. Jahrhundert das Bild des Menschen als Entdecker und Eroberer, gemäß den Worten des Philosophen Descartes: "Ich denke, also bin ich." Das Tier dagegen sei ein "seelenloser Automat". Ein Automat darf benutzt werden, bis er kaputtgeht.

Seit rund 50 Jahren ermitteln Forscherinnen wie Jane Goodall (Schimpansen), Dian Fossey (Gorillas) und Biruté Galdikas (Orang-Utans) in Langzeitstudien, wie sich Prägung, Sozialverhalten, Kommunikation und Entscheidungsfindung bei Primaten entwickeln. Die Studenten in Hagencords Seminar erfahren, dass das limbische System auch im Gehirn von Tieren komplexe Einschätzungen und Handlungen ermöglicht und welche Hormone und Botenstoffe dabei im Spiel sind. Nicht nur Orang-Utans, auch Elefanten trauern um tote Familienmitglieder und besuchen ihre "Friedhöfe".

Im Seminar wirft einer die Frage auf, was die Welt eigentlich ohne Menschen wäre. "Also, ich kann mir eher eine Welt ohne Tiere vorstellen", entgegnet eine Kommilitonin. Ein anderer findet "schon die Fragestellung schwachsinnig". Dann resümiert ein Vierter gelassen: "Ohne Menschen gäbe es auf der Welt keinen Glauben, keine Liebe, keine Hoffnung."

Nach bisheriger Erkenntnis jedenfalls ist der Mensch das einzige Geschöpf, das zu Gott in Kontakt tritt und in allen Kulturen dieses unstillbare Bedürfnis nach Transzendenz und Religion verspürt. Nur hat der Mensch auch selbst dafür gesorgt, dass sein Selbstverständnis als "Krone der Schöpfung" heute so sehr unter Druck steht wie noch nie. Mit der Profitmaximierung in der Fleischerzeugung beispielsweise löst er ein ums andere Mal Skandale um Tierhaltung und Tierseuchen aus. Er schädigt damit nicht nur Tiere, sondern inzwischen auch seine eigene Gesundheit. Der Mensch begnügt sich auch längst nicht mehr damit, Tiere und Pflanzen zu nutzen: Er greift durch Vertreibung, Ausrottung, Zucht und mit immer feineren Veränderungen des Erbguts in die Evolution ein.

Überdies haben Neurowissenschaftler aufgrund der Erforschung von Schaltvorgängen im Gehirn inzwischen die Frage aufgeworfen, inwieweit menschliche Entscheidungen überhaupt bewusst, das heißt aus "freiem Willen" getroffen werden. Das wäre ein Angriff auf die traditionelle Kernkompetenz gegenüber den Tieren. Ist vielleicht auch der Glaube nur Ergebnis einer biochemischen Reaktion, die Wohlfühlreflexe im Hirn auslöst? Wenn "Ich" ein Konstrukt meines Gehirns ist, dann auch Gott?

Die genetische Verwandtschaft zwischen Menschen und höheren Tieren ist so eng, dass "das Tier im Menschen" erklärbar wird, umgekehrt aber auch das Menschenähnliche im Verhalten von Tieren. Als Konsequenz fordern Wissenschaftler im "Great Ape Project", "dass wir Menschenaffen folgende Rechte zugestehen müssten: das Recht auf Leben, auf Schutz der individuellen Freiheit und auf Schutz vor Folter".

Rainer Hagencord will neben der fächerübergreifenden Arbeit mit Studenten auch Netzwerke schaffen, zum Beispiel zwischen Wissenschaft, Naturschützern, Landwirten, Zoos und interessierten Laien. Vor allem setzt er auf ein Umdenken in der Kirche.

Schließlich ist es ja der Mensch, der aus dem Paradies vertrieben wurde. Und der nun mit der Last der Verantwortung durch die Welt irrt.