Prof. Fritz Vahrenholt

Neustart als Naturschützer in der Wildtier-Stiftung

Der ehemalige Hamburger Umweltsenator Prof. Fritz Vahrenholt wechselt sein Arbeitsgebiet und wird Vorstand der Wildtier-Stiftung.

Hamburg. In den 1980er- und 90er-Jahren setzte er sich für den technischen Umweltschutz ein, gegen die Verschmutzung der Luft und der Gewässer durch Industrie und Altlasten. Dann wandte sich der promovierte Chemiker den erneuerbaren Energien zu. Zum 1. August beginnt Prof. Fritz Vahrenholt seine dritte Karriere - im Naturschutz, als Alleinvorstand der Deutschen Wildtier-Stiftung in Hamburg. Er engagiere sich immer dort, wo er gerade am meisten gebraucht wird, sagt der ehemalige Hamburger Umweltsenator (1991 bis 1997 für die SPD). Jetzt sei dies der Schutz der Natur.

"Seit ein, zwei Jahren kommt der Naturschutz zunehmend in Bedrängnis", sagt Fritz Vahrenholt. "Früher setzten Infrastrukturmaßnahmen und die Landwirtschaft der Natur zu, die Industrie nur am Rande. Doch die Energiewende führt dazu, dass nun ein ganzer Industriezweig Landfläche für Biogas und Biosprit beansprucht und damit den Wildtieren Lebensräume nimmt. Dabei sind manche Strukturen außer Rand und Band geraten, vor allem der Anbau von Mais als Biogas-Rohstoff, aber auch die Nutzung von Windenergie, wenn die Anlagen in Waldnähe oder sogar im Wald errichtet werden."

Sein weiteres Berufsleben möchte der 63-Jährige nun den Wildtieren widmen. Er will der Natur eine prominente, kämpferische Stimme geben. Andere Umweltverbände hätten sich voll und ganz der Energiewende verschrieben und hielten sich deshalb bei Konflikten mit dem Naturschutz zurück. Vahrenholt führt die Arbeit vom Stifter Haymo G. Rethwisch, 73, weiter. Dieser hatte in Billbrook das Berufskleidungs-Unternehmen Boco GmbH geleitet. 1992 gründete der Naturliebhaber die Boco-Stiftung, die sich für den Schutz und die Förderung heimischer Wildtiere einsetzt.1999 wurde sie in Deutsche Wildtier-Stiftung umbenannt. Vor einigen Jahren habe Rethwisch ihn angerufen und gefragt, ob er in das Kuratorium seiner Stiftung eintreten wolle, erzählt Vahrenholt, "bereits damals mit der Perspektive, einmal sein Nachfolger zu werden". Seit 2010 ist Vahrenholt Mitglied des Kuratoriums.

+++ Die Wildtier-Stiftung +++

+++ Fritz Vahrenholt wird Naturschützer +++

Die Stiftung hat ihren Kopf, den Hauptsitz, in Hamburg. Ihr Herz schlägt aber in Mecklenburg-Vorpommern, im Wildtierland Gut Klepelshagen östlich von Neubrandenburg. Auf knapp 2000 Hektar finden Rothirsch und Dachs, Seeadler und Kranich, Trauerseeschwalbe und Fischotter perfekte Refugien. Sie leben ohne Gehege völlig frei in einer Landschaft, die nach ihren Bedürfnissen gestaltet wurde.

Das Wildtierland soll naturentwöhnten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Naturerlebnisse bieten. Das Projekt zeigt aber auch, wie eine wildtierfreundliche Land- und Forstwirtschaft aussieht. Gerade diese Mischung aus Landnutzung und Naturschutz hat es Fritz Vahrenholt angetan. Schon als Umweltsenator hatte er betont, dass der Naturschutz kein Selbstzweck ist, sondern auch den Menschen diene. In Klepelshagen grasen Galloway- und Herfordrinder neben Rot- oder Rehwild. Das gibt nicht nur schöne Bilder, sondern auch leckere Fleischspezialitäten der gutseigenen "Gourmet Manufaktur".

Begeistert erzählt Vahrenholt, der im Frühjahr mit seinem Buch "Die kalte Sonne" die Brisanz des Klimawandels bestritt und damit viel Kritik einfing, von seinem neuen Aufgabengebiet: "Wir müssen zeigen, dass eine Landwirtschaft, die im Einklang mit den Wildtieren steht, Landwirte ernähren kann." Dazu soll der Gutsbetrieb noch professioneller werden, so wird gerade der Rinderbestand auf mehr als 300 Tiere vergrößert. Hier wie in anderen Bereichen der Stiftung will Vahrenholt seine Management-Erfahrungen einbringen, die er vor allem als Vorstand für erneuerbare Energien bei Shell (1998 bis 2000), als Vorsitzender des Windanlagenherstellers Repower (2001 bis 2008) und zuletzt beim Energiekonzern RWE erwarb, wo er die Sparte Erneuerbare Energien aufbaute.

Vahrenholt: "Ich habe mich gefragt, was ich zur Stiftung beitragen kann. Ich möchte sie bundesweit als Marke positionieren. Durch meine Kontakte zur Industrie und einzelnen Unternehmen kann ich finanzstarke potenzielle Sponsoren ansprechen. Sie können sich engagieren, ohne gleich eine gesellschaftspolitisch kontroverse Debatte führen zu müssen." Die Wildtier-Stiftung betreibe konservativen Naturschutz ohne Ideologie. Dazu zählt die Kampagne, Spatzen mit Nistkästen die Städte wieder wohnlicher zu machen. Oder der Appell an die Landwirte, durch spätere Mähtermine Rehkitze vor dem Tod zu bewahren.

Auch Forschung gehört zur Stiftungsarbeit. "Bei uns gibt es profunde Kenntnisse zur Wildtierbiologie", sagt der Präsident in spe, "eine Schwäche der Stiftung ist, dass sie bisher zu bescheiden war." Beispiel Adler-TV: Unter www.wildtierstiftung.de lässt sich das Familienleben in einem Schreiadler-Horst verfolgen - Schreiadler sind in Deutschland akut vom Aussterben bedroht. Vahrenholt: "Wir Erwachsenen finden es spannend, eine halbe Stunde per Internetkamera auf den Horst zu schauen. Kindern wird schnell langweilig. Für sie brauchen wir ein interaktives Angebot, um ihnen die Natur ins Wohnzimmer zu bringen."

Dass sich der kampfeslustige Querdenker von nun an aus den umweltpolitischen Debatten komplett heraushalten wird, damit ist trotz der neuen Schwerpunkte nicht zu rechnen. So sieht er es auch selbst: "Sie haben doch meine Aussagen zu den Maismonokulturen und den Windrädern in Waldnähe gehört", sagt er und schmunzelt. Aber sein "Pensum, Ausrufezeichen zu setzen", sei langsam erfüllt. Mal abwarten.