Karrierewege

Fritz Vahrenholt: Ein Mann, drei Laufbahnen

Viele Talente und Interessen: Chemiker, Politiker, Professor, Unternehmensgründer - Vahrenholts bewegte Vita ist von Neuanfängen geprägt.

Fritz Vahrenholt hat Abschied genommen für einen Neuanfang. Wieder einmal. Vier Jahre hatte der Vorstandsvorsitzende der RWE Innogy GmbH Milliarden in Windparks, Wasserkraft- und Biomasseanlagen investieren dürfen. Als Letztes ließ er die weltweit leistungsfähigsten Installationsschiffe für Offshore-Windkraftanlagen in der Nordsee bauen. Damit, sagt Vahrenholt, sei das Unternehmen in Zukunft einer der wichtigsten Garanten für den Erfolg der Energiewende.

Ab August wird sich Vahrenholt als Alleinvorstand der Deutschen Wildtier-Stiftung in Hamburg um den Schutz bedrohter Tierarten kümmern. "Mich zieht es immer dorthin, wo ich am meisten gebraucht werde und etwas Sinnvolles bewirken kann", sagt der 63-Jährige.

Die Vita des Wahlhamburgers reicht für mindestens drei Karrieren: Chemiestudium und Promotion an der Uni Münster, Stationen in der Politik, darunter Umweltsenator in Hamburg, seit 1999 außerdem Professor im Fachbereich Chemie, Vorstand bei der Deutschen Shell AG, Vorstandsvorsitzender der REpower Systems AG und der RWE Innogy. Dazu bekleidet er sieben Aufsichtsratsposten, unter anderem bei der Körber-Stiftung und der Aurubis AG.

"Ich war gezwungen, mich immer wieder neuen, unbekannten Herausforderungen zu stellen. Das hat mich geistig fit gehalten und mir dabei immer neue Türen geöffnet." Vor allem eine Erfolgsformel hat sich immer wieder bestätigt: "Glaubwürdige Kommunikation von Zielen ist alles. Wer seine Mitarbeiter und sein Umfeld auf ein Ziel einschwören und auf die Reise mitnehmen kann, kann mehr erreichen." Was ihn antreibt? Vahrenholt überlegt nur kurz: "Ich wollte immer etwas von gesellschaftlicher Relevanz schaffen."

Am Beginn seiner Karriere stand ein Unfall. Der Chemiestudent verlor bei einem Experiment - "ich stellte gerade Knallkörper für das Silvesterfeuerwerk her" - drei Finger der linken Hand. Er baute eine Apparatur, mit deren Hilfe er seine Experimente einhändig ausführen konnte. "Ich wollte nach wie vor unbedingt Chemiker werden und neue, sinnvolle Produkte erfinden." Doch dazu kam es nicht. Da Vahrenholt in der Studentenbewegung aktiv war und als Linker galt, fand er keinen Job in der konservativen Chemie-Industrie. "Die Firmen wandten sich an ihre Vertrauensprofessoren an den Hochschulen und erkundigten sich nach der politischen Gesinnung der Studenten, die sich bei ihnen beworben hatten. Ich hatte da keine guten Karten."

Dafür öffneten sich andere Türen. Er ging als Referatsleiter "Chemische Industrie" zum Bundesumweltamt in Berlin, wurde später Abteilungsleiter für Umweltpolitik in Hessen. "Der Main war immer wieder voller giftiger Abwässer, die Fische starben. Weil ich vom Fach war, konnte ich den Betrieben klarmachen, welche Auswirkungen ihre Substanzen auf die Umwelt haben, und sie zwingen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen."

Politisch ein Quereinsteiger, kniete er sich voll in die unbekannte Materie hinein. "Hier habe ich gelernt, Menschen für meine Anliegen zu gewinnen und Mehrheiten zu bilden." Weil sich die Kunde von seinen Erfolgen gegen die hessische Chemiebranche verbreitet hatte, holte ihn Klaus von Dohnanyi 1984 vom Main an die Elbe. Die belasteten Gewässer von Elbe und Alster und der Dioxin-Skandal um die Giftmülldeponie Georgswerder forderten schnelles Handeln. 1991 wurde Vahrenholt Umweltsenator. Die Jahre mit Dohnanyi und Henning Voscherau haben ihn geprägt. Beide, so sagt er, seien bis heute seine größten Vorbilder.

Als er gegen Ortwin Runde 1998 im Kampf um das Amt des Bürgermeisters unterlag, wechselte Vahrenholt in die Wirtschaft. "Mit dem Einzug der Grünen in den Senat war ich dort ohnehin überflüssig geworden." Für die Shell AG, die wegen der geplanten Versenkung ihrer Bohrinsel "Brent Spar" in einer Image-Krise steckte, baute er den Bereich Erneuerbare Energien auf, stattete die Tankstellen mit Solardächern aus und verbürgte sich öffentlich für die Integrität des Konzerns.

Nebenher macht er einen "Schnellkurs in BWL" und fuchste sich in die Konzernbilanzen ein. "Ich musste auf Pressekonferenzen Rede und Antwort stehen. Hätte ich Rückstellungen mit Rücklagen verwechselt, wäre es peinlich gewesen." Nach knapp drei Jahren stand Shell mit glänzendem Image da, für Vahrenholt blieb ein bitterer Beigeschmack: "Nachdem ihr Ruf wiederhergestellt war, waren Erneuerbare Energien kein Thema mehr."

Doch seine Erfahrung im Top-Management eines Weltkonzerns rüstete ihn für das große Abenteuer seines Lebens. Die bevorstehende Insolvenz der Husumer Schiffswerft (HSW) weckte den Unternehmer in ihm. Statt Schiffe, so seine Vision, würde er dort die größten Windkraftanlagen bauen. "REpower" nannte Vahrenholt sein Projekt.

Er bildete ein Team aus 35 verbliebenen Werftarbeitern und 15 Jung-Ingenieuren von der Uni. Sein Enthusiasmus, die Gabe, Menschen zu überzeugen und zu motivieren, schweißten auch dieses Team zusammen. Dank guter Auftragslage wuchs REpower in drei Jahren auf mehr als 300 Mitarbeiter. Im Jahr 2007 krönte er die Erfolgsgeschichte der AG mit dem Verkauf an das indische Unternehmen Suszlon für 1,2 Milliarden Euro. Für Vahrenholt ein logischer Schritt: "Die Inder können die von uns entwickelten Getriebe und Anlagenteile fast 30 Prozent günstiger bauen und damit die Windkrafttechnologie weltweit bezahlbar machen."

Wieder musste er Abschied nehmen. "Der Inder", so nennt Vahrenholt den Suzlon-Chef Tulsi Tanti durchaus respektvoll, hätte seinen Rausschmiss blumig begründet: "Sie sind ein Mann mit weißen Haaren. Bei uns sind Männer mit weißen Haaren weise Männer, die nicht mehr arbeiten müssen."

Doch auch diesmal ging eine neue Tür auf. Jürgen Großmann, Chef des Essener Energiekonzerns RWE, beauftragte Vahrenholt im Jahr 2008, die Sparte Erneuerbare Energien aufzubauen. Unter dem Namen RWE Innogy wurde das Unternehmen zum größten deutschen Investor in Erneuerbare Energien in Europa. Als Vahrenholt am 21. Mai in Bremerhaven die Taufrede für das neue Installationsschiff "Victoria Matthias", hielt, schloss sich für ihn ein Kreis: "Die Anlagen, die das Schiff in Zukunft auf hoher See verankert, habe ich vor zehn Jahren bei REpower entwickelt."

Auch sein künftiges Engagement bei der Deutschen Wildtier-Stiftung hat für Vahrenholt einen höheren Sinn: Hier kann er seinen Einfluss bei den Herstellern der Windkraftanlagen nutzen, damit die Natur nicht unter die Räder kommt. "Windkraftwerke am Waldesrand wird es bei mir nicht geben."