Studie

Selbst ist der Single: Allein in Deutschland

Einpersonenhaushalte in Deutschland nehmen zu: Der Anteil alter Alleinstehender steigt und junge Menschen binden sich zögerlicher.

Hamburg. Allein sein zu müssen sei schwer, allein sein zu können sei schön, befand der indische Philosoph Rabindranath Tagore. Und damit hat der Mann den Nagel so ziemlich auf den Kopf getroffen. Auch wenn niemand sagen kann, wie viele Menschen in Deutschland wirklich freiwillig alleine leben.

Zurzeit sind es insgesamt 15,9 Millionen. Das heißt, jeder Fünfte ist solo, führt, wie es im Behördendeutsch heißt, einen Einpersonenhaushalt. Und der Trend, so der Befund des Statistischen Bundesamts, hält an. 2030, so die Prognose, wird schon nahezu jeder Vierte in Deutschland alleine leben.

Reiner Klingholz, den Direktor des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung", erstaunt das nicht im Mindesten. Zum einen altere die Gesellschaft, und zum anderen gebe es immer weniger Konstanz in den Beziehungen. Wo aber die Bereitschaft abnehme, sich auf Partnerschaft, aufs Elternsein einzulassen, komme es auch schneller zu Trennungen, und das wiederum führe dazu, dass auch Wohnverhältnisse auseinandergingen.

Ein Blick auf die EU-Vergleichsstatistik zeigt, dass in Schweden jetzt schon jeder Vierte allein lebt und dass die anderen nordwesteuropäischen Länder auf dem Weg dahin sind, während in den südöstlichen die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Liegt die Quote der Alleinlebenden in Deutschland bei 19 Prozent, so dümpelt sie in Malta bei 6 Prozent, in Rumänien bei 7 Prozent, in Ungarn bei 9 Prozent und in Griechenland bei 11 Prozent. Was läuft da besser? "Nichts", sagt Klingholz trocken, "das liegt am Wohnungsmarkt und daran, dass die jungen Menschen in Spanien, Griechenland, Italien schlicht kein Geld haben und deshalb noch zu Hause wohnen. Im berühmten Hotel Mama. Wenn die könnten, wären die auch draußen."

Und woran liegt es, dass in den größeren Städten und Stadtstaaten überproportional viele Menschen allein leben? Ganz einfach: "In den Städten ist es natürlich viel leichter, eine kleine Wohnung zu finden." Die Verstädterung nehme in Deutschland auch deshalb immer weiter zu, weil die Lebensbedingungen auf dem platten Lande immer schwieriger würden. Dort werde allerorten die Infrastruktur zurückgefahren, und das treibe insbesondere die jungen Erwerbssuchenden in die Städte. Wo es sich, kleiner Nebeneffekt, auch unbeobachteter lebt. "Stimmt", sagt Klingholz, "die soziale Kontrolle ist auf dem Land natürlich stärker als in den Städten." Halten die Beziehungen da deshalb auch länger? "Na klar. In der Stadt macht doch jeder, was er will." Dass das Alleinleben deutlich teurer ist, kann den Trend bislang nicht brechen. "Höhere Steuern, Mieten und allgemeine Lebenskosten sind den Leuten die Sache offenbar wert."

Jedenfalls denen, die freiwillig alleine leben. Dazu gehören Männer, die gut verdienen und sagen: "Ich muss mich jetzt nicht binden." Dazu gehören auch Frauen, die in Führungspositionen aufgestiegen sind und ihre Zeitgestaltung flexibel halten müssen. Und dazu gehören auch Paare, die zusammen sind, aber nicht zusammen leben. Stichwort: "Living apart together". Also Paare mit einem hohen Mobilitätsanspruch, die separat wohnen, sich am Wochenende mal hier mal dort treffen und in der Statistik zweimal als Single auftauchen.

Apropos: Das Wort Single kommt in der Auswertung des jüngsten Mikrozensus der Wiesbadener nicht vor. Weil zwischen der gesellschaftlichen Definition des Begriffs - "Ich bin Single, weil ich im Moment keinen Partner habe" - und zwischen dem Erhebungskriterium des Statistischen Bundesamtes zwar eine Schnittmenge liegen, aber keine Deckungsgleichheit bestehen kann: Für die Gesellschaft kann eine alleinerziehende Mutter ein Single sein, zu den Alleinlebenden im Sinne des Mikrozensus gehört sie nicht. Da heißt die Definition strikt: ein Haushalt, eine Person.

Dass bestimmt nicht alle Alleinlebenden freiwillig allein sind, beweist die rasant angestiegene Zahl von allein lebenden Männern. Waren es vor 20 Jahren "nur" 4,1 Millionen, so sind es inzwischen 7,4 Millionen. Das entspricht einer Steigerung von über 81 Prozent. Reiner Klingholz sieht die Ursache im Bildungsniveau der Frauen und macht seine These am Beispiel der neuen Länder fest, wo sich die Zahl der Alleinlebenden seit 1991 verdoppelt hat. Die gut qualifizierten Frauen seien abgewandert, und die schlecht qualifizierten Männer seien die Übrigbleiber. "Das sind die typischen Sozialverlierer. Die kommen nicht mehr unter."

Dass 60 Prozent der allein lebenden Männer "Junggesellen" sind, also noch nie verheiratet waren, erhärtet diese These aus Klingholz' Sicht: "Frauen finden Männer ohne oder mit niedrigem Bildungs- und Berufsabschluss nicht attraktiv, die bleiben also über. Umgekehrt finden die attraktiveren Männer relativ mühelos neue Frauen, wenn sie sich getrennt haben. Das heißt, die verfügbaren Frauen konzentrieren sich auf weniger Männer."

Und die Übrigbleiber sind es, die einem erhöhten Armutsrisiko unterliegen. "Nicht weil sie allein leben, sondern weil sie durch ihren sozialen Status häufig dazu kommen, alleine zu leben. Die sind schlecht versorgt und haben übrigens auch eine geringere Lebenserwartung."

Der Mikrozensus ist die größte jährliche Haushaltsbefragung in Deutschland und in Europa. Zum Thema Alleinleben wurde wieder ein Prozent der Bevölkerung befragt. Die Daten, die dabei erhoben wurden, haben die Statistiker aus Wiesbaden gestern weder kommentiert noch interpretiert. Das entspricht dem Comment einer dem Bundesinnenministerium nachgeordneten Behörde, die vermeiden will, dass aus Interpretationen politische Einschätzungen werden.

Die muss die Politik nun selbst vornehmen. Reiner Klingholz findet die jüngste Statistik mit Blick auf die Familienpolitik jedenfalls sehr interessant. Aus seiner Sicht sind die Stellschrauben, an denen jetzt dringend gedreht werden muss, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, familienverträglichere Arbeitszeiten und die Ersetzung des steuerlichen Ehegattensplittings durch ein Familiensplitting, wie es in Frankreich existiert. Eine Trendumkehr sei nur zu erwarten, "wenn die Menschen zufriedener sind und leichter in stabilen Verhältnissen leben".