Rückblick

Turbulentes Raumfahrtjahr 2011 – jetzt ist der Mars im Visier

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Wolfgang Jung, Andreas Landwehr und Marco Mierke

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/NASA

Trotz Einzelerfolgen im Jahr 2011 ist den Experten klar: In der Raumfahrt sind wirkliche Fortschritte nur länderübergreifend zu erzielen.

Moskau/Peking/Washington. Aus für die US-Space-Shuttles, Licht und Schatten für Russland, China als neuer „Stern“ am Himmel: Zweifellos war 2011 für die drei großen Raumfahrtnationen ein historisches Jahr. Auch die Europäer durften mitmischen: Bei der spektakulären Simulation Mars500 in Moskau kamen zwei der sechs Männer von der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa.

Für 2012 sind weitere Meilensteine geplant: Im August soll eine US-Raumsonde auf dem Mars landen, China wird mit Macht den Bau einer eigenen Raumstation vorantreiben. Und Russland will sich mit seinen Sojus-Raumschiffen als zuverlässiger Transporteur zur Internationalen Raumstation ISS erweisen.

2011 begann für Moskau mit den Feiern zum 50. Jahrestag von Juri Gagarins Pionier-Flug 1961 – und entwickelte sich zum Horror-Jahr. Satelliten gingen verloren, Trägerraketen stürzten ab und schließlich folgte der erfolglose Kampf der Weltraumbehörde Roskosmos um ihre Marsmond-Sonde „Phobos-Grunt“, die im Januar unkontrolliert abstürzen soll. Der 120 Millionen Euro teure Apparat, mit dem Russland 15 Jahre nach seiner letzten interplanetaren Mission eine neue Ära einläuten wollte, geriet außer Kontrolle.

Nach dem Absturz des russischen Militärsatelliten „Meridian“ am 23. Dezember sprach Roskosmos-Chef Wladimir Popowkin von einer „Krise in der Raumfahrt“ seines Landes. Trotzdem nimmt Russland weiter eine Schlüsselstellung ein: Seit dem Einmotten der US-Space-Shuttles ist die Sojus das einzige Transportmittel zur Versorgung der ISS.

Seit die „Atlantis“ im Juli ein letztes Mal zur Erde zurückkehrte, stehen ausgerechnet die USA ohne eigene bemannte Raumschiffe da. Um den Ruf des Landes als Vorreiter im All zu wahren, zieht der Chef der Raumfahrtbehörde Nasa, Charles Bolden, mit der Botschaft durch die Welt, der Behörde stehe eine große Zukunft bevor. „Entgegen der landläufigen Meinung war dies ein unfassbares Jahr“, sagte Bolden jüngst dem US-Kongress. Neben der Fertigstellung der ISS sei es gelungen, die Weichen für weltverändernde Missionen zu stellen. Er meint die von Präsident Barack Obama eingeforderten Flüge zu einem Asteroiden bis 2025 und zum Mars rund zehn Jahre später.

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Tatsächlich wirken die Ankündigungen beeindruckend. Die größte Trägerrakete in der Nasa-Geschichte nahm ebenso Gestalt an wie ein neues Raumschiff für bis zu sechs Astronauten. 2014 schon könnten die unbemannten Testflüge starten. Doch ist ungewiss, ob die Nasa die drei Milliarden Dollar Entwicklungskosten pro Jahr schultern kann. Und die Missionen sind nicht unumstritten.

Niemand in der Behörde wisse, wie man es in nur 14 Jahren schaffen solle, die komplizierte Technik für einen Flug zu einem Asteroiden zu entwickeln, schrieb die „Washington Post“ jüngst. Zudem sei unklar, zu welchem Himmelskörper die Reise gehen solle. Auf die Nasa wartet

2012 viel Arbeit. Mitte Dezember kündigte Microsoft-Mitgründer Paul Allen den Bau des bisher größten Flugzeuges auf der Welt an, von dem aus in 10 000 Metern Höhe Satelliten oder auch Raumfahrzeuge gestartet werden sollen.

China hat 2011 mit dem Raummodul „Tiangong 1“ (Himmelspalast) und seinem ersten Andockmanöver entscheidende Schritte auf dem Weg zum Bau einer Raumstation gemacht, die um 2020 fertig sein soll. Das unbemannte Raumschiff „Shenzhou 8“ (Magisches Schiff) koppelte im November zweimal am „Himmelspalast“ an. Dabei kooperierte China auch mit Deutschland im All. „Shenzhou 8“ hatte mit der „Simbox“ eine deutsche Versuchsanlage an Bord, mit der die Folgen der Schwerelosigkeit auf Organismen erforscht wurden.

Mit dem Ankoppeln schloss China zu den großen Raumfahrtnationen USA und Russland auf, die diese Technologie seit vier Jahrzehnten beherrschen. Experten sahen einen weiteren Beweis, wie schnell China in der bemannten Raumfahrt aufholt. Die zweitgrößte Wirtschaftsnation verfolgt ehrgeizige Pläne: Sollte der Bau der Raumstation wie geplant fortgesetzt werden, wäre China 2020 die einzige Nation mit einem ständigen Außenposten im All.

Darüber hinaus baut die junge Raumfahrtnation mit Satelliten ein eigenes globales Navigationssystem im All, will Raumapparate auf den Mond und in die Tiefen des Alls schicken. Für die großen Pläne werden leistungsstärkere Raketen entwickelt. China kann nach Ansicht von Experten auch politisch Kapital schlagen. Daheim könne sich die kommunistische Führung im Licht der Erfolge im All sonnen, während außenpolitisch die strategische Position Chinas gestärkt werde.

Auf der Suche nach neuen Zielen rückt gut 42 Jahre nach der ersten Mondlandung immer mehr der Mars ins Zentrum der Raumfahrt. Es gebe Hoffnung, Mitte der 2030er Jahre einen ersten Flug zum Roten Planeten umzusetzen, meint Johann-Dietrich Wörner, Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), in Köln. Eine solch ehrgeizige Reise sei aber nur als Gemeinschaftsprojekt denkbar, betont Wörner.

( (dpa) )

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