Uni-Klinik Eppendorf

Schaufensterforschung? Empörung im UKE

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Jan Haarmeyer

Foto: dpa

Dekan Uwe Koch-Gromus empfindet die Aussagen von Professorin Beisiegel als "arrogant". Sie hatte die Art der Forschung des UKE verurteilt.

Hamburg. Geht es bei der Forschung in Deutschland heute immer öfter nur noch ums Geld und nicht mehr um Inhalte? Die Hamburger Professorin Ulrike Beisiegel, die nach 26 Jahren an der Uni-Klinik Eppendorf (UKE) nun als Rektorin an die Universität Göttingen wechselt, hatte im Hamburger Abendblatt diese Art der "Schaufensterforschung" im UKE verurteilt. Und gleichzeitig moniert, dass die Forschungsgelder vor allem denjenigen zugutekommen, "die sich besonders angepasst haben und ihre Ergebnisse gut vermarkten". Kritische Wissenschaftler, so Ulrike Beisiegel, blieben auf der Strecke.

"Wenig qualifiziertes öffentliches Nachtreten entspricht weder akademischer noch hanseatischer Kultur. Ich wünsche Frau Beisiegel viel Erfolg in Göttingen", sagte Professor Jörg Debatin, Vorstandsvorsitzender und Ärztlicher Direktor des UKE.

Professor Uwe Koch-Gromus kritisiert die Aussagen von Ulrike Beisiegel deutlich. "Der Vorwurf der Schaufensterforschung hat bei vielen Kollegen große Empörung ausgelöst", sagte der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg und UKE-Vorstandsmitglied. "Wir empfinden das als arrogante Betrachtung der Forschungsarbeit von den Kollegen."

Im Dezember erhielt UKE-Professor Büchel den höchstdotierten Förderpreis

Koch-Gromus sagte, Ulrike Beisiegel habe einige wichtige Themen angesprochen, aber wenn sie behauptet, erforscht würden nur noch Dinge, die "trendy" sind und wirtschaftlichen Gewinn versprechen, "dann wird das der Vielfalt der Forschung im UKE nicht gerecht".

Als Beispiel nannte Koch-Gromus die Forschung des jüngsten Leibniz-Preisträgers Christian Büchel. Der UKE-Professor und Neurowissenschaftler hatte im vergangenen Dezember den mit 2,5 Millionen Euro höchstdotierten Förderpreis in Deutschland erhalten für seine grundlegenden Forschungen zu neuronalen Netzwerkeigenschaften, die bei komplexen Hirnprozessen wie Lernen, Gedächtnis, Sprache, Angst und Schmerz zum Tragen kommen.

"Ein weiteres Beispiel, das zudem für großes soziales Engagement steht, ist ein Forschungsprojekt im UKE zum Thema 'Kinder krebskranker Eltern'", sagte Uwe Koch-Gromus, der ausgesprochen optimistisch ist, dass der Wissenschaftsrat, der im Juni 2010 in einer zweitägigen Begehung das UKE begutachtet hatte, der Uni-Klinik Eppendorf "Fortschritte in den Bereichen Forschung und Klinik" attestieren werde. Im Frühjahr soll das Gutachten vorliegen, das letzte ist vor 14 Jahren erstellt worden.

Koch-Gromus sagte, Frau Beisiegel habe vielleicht "den genialen Forscher in seinem Kämmerlein" im Blick, der "Themen mit besonders ungewissem Ausgang beforscht". Für diese Art von Wissenschaftler seien die Rahmenbedingungen nie besonders gut gewesen, "aber auch solche Forschung wird im UKE betrieben". Dass es kaum noch um Inhalte, sondern immer öfter nur noch ums Geld gehe, sei eine "unangemessene Einschätzung", so Koch-Gromus. "Natürlich gibt es immer einzelne Karrieristen. Aber ich kenne sehr, sehr viele Kollegen, die für ihre Forschung leben und dafür ihre Freizeit opfern."

Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) verfolgt die von Ulrike Beisiegel angestoßene Debatte mit Interesse. Über das UKE im Speziellen kann sie sich ausdrücklich nicht äußern, wohl aber über den allgemeinen Wissenschaftsbetrieb. "Die DFG teilt die Forderung von Frau Beisiegel, dass in der Wissenschaft die Inhalte oberste Priorität haben müssen", heißt es in einer Stellungnahme. "Aus Sicht der DFG ist dies auch in hohem Maße der Fall." Einen generellen Trend zu einer "Schaufensterforschung" oder gar deren Dominanz sehe die DFG insofern nicht. Und dort, wo die Inhalte an Bedeutung verlieren, steuere sie mit ihren Mitteln gegen, so etwa mit der Initiative "Qualität statt Quantität" zum wissenschaftlichen Publikationswesen.

Mit Sorgen hatte Ulrike Beisiegel auch die personelle Lage in der Uni-Klinik betrachtet. Dort sollen nach UKE-Angaben in diesem Jahr 100 Stellen abgebaut werden. Dabei seien, so Beisiegel, die jungen Kliniker bereits jetzt am Limit und gingen "auf dem Zahnfleisch".

Kleine Anfrage an den Senat zum möglichen Stellenabbau im UKE

Ein möglicher Stellenabbau im UKE hat jetzt auch die Politik auf den Plan gerufen. Kersten Artus von der Links-Partei sagte, dass die UKE-Mitarbeiter durch den Fachkräftemangel im Pflegebereich bereits jetzt "ständig Feuerwehr spielen und ausfallendes Personal in den verschiedenen Abteilungen ersetzen müssen". Da sei "überhaupt kein Spielraum für einen weiteren Personalabbau mehr". Artus will in einer Kleinen Anfrage vom Senat wissen, in welchen Bereichen Stellen im UKE gestrichen werden sollen.

Dorothee Stapelfeldt bereitet es vor allem Sorge, wenn Professorin Beisiegel anmahnt, dass die menschliche Atmosphäre im UKE verloren geht. "Es mehren sich die Hinweise, dass die Kommunikation am UKE der Arbeit abträglich ist", sagte die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete. Wolfgang Beuß verweist dagegen auf die Verdoppelung der Drittmitteleinwerbung des UKE in den letzten drei Jahren. Diesen Trend habe Frau Beisiegel wohl nicht mitbekommen, so der CDU-Politiker, und von daher seien ihre Aussagen "keine konstruktive Kritik, sondern üble Nachtreterei".

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