200 Neuentdeckungen in Papua-Neuguinea

Mit rosa-rotem Blick durch die Nacht

Nicht nur eine Grille mit ungewöhnlicher Augenfarbe, sondern eine Fülle unbekannter Tierarten haben Forscher binnen kurzer Zeit entdeckt

Arlington. 5000 neu erfasste Tier- und Pflanzenarten in der Tiefsee (Montag), 145 im Mekong-Delta (Dienstag) und jetzt 200 Neuentdeckungen in Papua-Neuguinea: An jedem Tag dieser Woche präsentierten Biologen beeindruckende Fotos von Kreaturen, die die Wissenschaftler kürzlich erstmals zu Gesicht bekamen.

Dazu gehört eine Maus, die die Forscher auf 1600 Meter Höhe in den Nakanai Mountains (Neuguinea) fanden. Sie hat einen auffälligen weißen Schwanz, der sie von anderen Mäusearten der Gegend unterscheidet und dazu führt, dass sie eine völlig neue Gattung bildet. Auch eine neu entdeckte Heuschreckenart hat ein herausragendes Merkmal: rosa Augen. Sie lebt in der Nachbarregion Muller Range, ist vermutlich nachtaktiv und ernährt sich von den Blüten großer Waldbäume. In diesem Gebiet entdeckten die Forscher auch eine Laubfroschart, bei der die Hautmuster der einzelnen Tiere besonders stark variieren. Sie leben im üppigen Blattwerk an den Ufern von Bächen.

"Die Entdeckungen bedeuten jedoch nicht, dass die biologische Vielfalt jetzt über den Berg ist. Im Gegenteil: Sie sollten als Warnhinweis dafür dienen, wie viel wir noch nicht wissen über die versteckten Geheimnisse und wichtigen Naturressourcen der Erde, die wir nur gemeinsam erhalten können", kommentierte die Organisation Conservation International die Entdeckungen in den Bergwäldern von Papua-Neuguinea. Die Naturschutzorganisation mit Hauptsitz in Arlington (US-Bundesstaat Virginia) koordinierte die Artensuche in den weitgehend unzugänglichen Bergregenwäldern von Papua-Neuguinea. In nur zwei Monaten entdeckten die Biologen 200 Tiere und Pflanzen, die wissenschaftlich noch nicht erfasst sind. "Vor allem in abgeschiedenen, artenreichen Ökosystemen wie Regenwäldern, Korallenriffen und in der Tiefsee lebt noch eine Vielzahl unbekannter Arten", sagt Volker Homes, Artenschutzexperte der Umweltstiftung WWF. "Derzeit sind 1,8 bis 1,9 Millionen Arten wissenschaftlich registriert. Man schätzt, dass tatsächlich zehn bis 30 Millionen Tiere und Pflanzen auf der Erde leben."

90 Prozent der bekannten Tierarten seien Insekten, so Homes, wobei die Käfer die größte Gruppe darstellten. Deshalb sei davon auszugehen, dass vor allem aus diesen Gruppen noch viele Entdeckungen gemacht werden. "In den verbliebenen Wäldern von Madagaskar können Sie jedes Insekt aufheben, und Sie haben eine neue Art in der Hand", sagt Prof. Kathrin Dausmann, Biologin an der Universität Hamburg. Die Insel vor Ostafrika ist das bevorzugte Forschungsgebiet der Hamburger Wissenschaftler, die zur biologischen Vielfalt (Biodiversität) arbeiten. "Dagegen sind die Lemuren weitgehend bekannt. Neue Arten finden sich am ehesten durch genetische Untersuchungen, etwa von Kot oder Haaren." Damit stehen die Feuchtnasenaffen für den zweiten wichtigen Weg zu neuen Entdeckungen. Er findet im Labor statt.

In früheren Zeiten wurden die Arten nur über ihre äußeren Merkmale beschrieben. Heute führen genetische Untersuchungen zu einer viel feineren Differenzierung, sodass aus einer Art schon einmal zwei werden. Auf der anderen Seite werden die Erkenntnisse weltweit über Datenbanken vernetzt. Dies führt dazu, dass Doppelzählungen leichter erkannt werden, wodurch die Zahl der Arten wieder leicht sinkt.

Aber dieser Effekt ist winzig im Vergleich zu den Ergebnissen der wissenschaftlichen Schatzsuchen in der Natur. Diese sind sehr aufwendig. In die meisten unerforschten Landstriche führen keine Straßen - die Biologen in Papua-Neuguinea nutzten kleine Flugzeuge, Hubschrauber und Boote, um in die Region zu gelangen, und durchstreiften sie zu Fuß. "Viele Wissenschaftler verbringen mehrere Wochen, einige auch mehrere Monate in Zelten im Wald", schildert Kathrin Dausmann die Arbeit in Madagaskar. "Es gibt kein Strom; das Wasser mussten wir zum Teil aus 80 Kilometern per Boot herantransportieren."

Die Suche nach neuen Arten sei vor allem Grundlagenforschung, aber sie liefere auch potenzielle Rohstoffe, etwa für die Pharma- und Kosmetikindustrie, betont WWF-Experte Homes. "Natürlich dient die Erforschung der Arten auch dem Naturschutz: Man kann nur schützen, was man kennt." Die nächste große Gelegenheit zum weltweiten Schutz der biologischen Vielfalt bietet die kommende Uno-Konferenz zur Biodiversitäts-Konvention im japanischen Nagoya. Sie beginnt am 18. und endet am 29. Oktober.